Eigentlich könnte Gereon Sievernich allerbester Laune in sein letztes Jahr starten – im Januar 2018 geht der Chef des Martin-Gropius-Baus in den Ruhestand. Sein Haus ist gut aufgestellt, international bekannt, die Mischung der Ausstellungsformate stimmt. Anfang der Woche endeten gerade die Schau über Pina Bausch und Neil MacGregors „Erinnerungen einer Nation“, dazu sind noch die Fotografien von Robert Doisneau zu sehen – da ist, egal ob jung oder alt, immer für jeden etwas Interessantes dabei. Zwischen Weihnachten und Neujahr strömten tageweise 5000 Besucher in das Kreuzberger Kunsthaus. 15 Ausstellungen in einem Jahr – kein schlechter Schnitt.
Aber so ganz kann Gereon Sievernich diese positive Bilanz nicht stehen lassen. Vielleicht ist es so, wenn man geht, dass jeder eine Art Vermächtnis hinterlassen möchte, eine Idee, die weiterdreht, egal, ob man noch dabei ist. Sievernichs Idee ist die eines neuen, jungen Medienhauses. Eine Institution, die sich mit Kurzfilm, Handyfilm, kurzum dem wachsenden Bereich des Digitalen und seiner rasanten Entwicklung, ja mit den Grenzgängen zur Kunst, beschäftigt. Schließlich müssen „wir ans junge Publikum denken“, in einer Zeit, wo Realität und Fiktion sich in unserer Wahrnehmung zunehmend verwischen.
Bedarf an Förderprogrammen für Social Media
In Paris, Moskau und Tokio gäbe es längst solche Medienhäuser, „da tut sich viel“, sagt Sievernich. Natürlich kann man allein mit den neuen Medien kein ganzes Haus füllen, deshalb könnten sich unter einem Dach gleich mehrere Institutionen vereinen, darunter das Archiv der Kinemathek und das Filmmuseum, das seinen Standort am Potsdamer Platz hat. Der Verband der Programmkinobetreiber könnte darin sein Domizil beziehen, und das Medienboard Berlin-Brandenburg hätte dort ein schönes „Schaufenster“. Die Miete für das Filmmuseum am Potsdamer Platz ist teuer, der Mietvertrag läuft 2025 aus, danach wird es vermutlich unbezahlbar. Und Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat offenbar nichts gegen einen Umzug. Gereon Sievernich jedenfalls hat schon einen idealen Standort für das Medienhaus im Auge – „seinen“ Parkplatz direkt am Gropius-Bau, dort, wo einst das Völkerkundemuseum stand. Im Bereich Neue Medien, meint Sievernich, könnten Berlins Museen ohnehin kräftig aufholen. „Man tauscht auch die Lampen im Museum aus, warum kümmert man sich nicht intensiver um den medialen Auftritt?“ Vorstellbar wäre ein Förderprogramm für Social Media, ein Etat, für den sich die einzelnen Häuser bewerben könnten.
Ein bisschen ärgert es Sievernich schon, dass die meisten denken, es laufe gut im Gropius-Bau, ohne zu wissen, wie schwierig es tatsächlich ist, immer ein Programm von Qualität zu stemmen. Sein Nachfolger, wer immer das sein sollte, wird sich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Die Krux ist die Finanzierung: Ab Januar bekommt er für sein Haus 500.000 Euro mehr, statt 2,6 Millionen Euro sind es nun 3,1 Millionen Euro vom Bund. Darüber sollte man nicht klagen, aber die Bundeskunsthalle in Bonn kriegt 15 Millionen Euro, mehr sagt Sievernich nicht. Rechnen kann schließlich jeder. Sieben, acht, neun Millionen Euro macht er Umsatz im Jahr – je nach Ausstellungsjahr und Besucherzahlen. 2014 – im Jahr der Ai-Weiwei-Ausstellung – zählte das Haus 780.000 Besucher, der Durchschnitt liegt bei 400.000 bis 500.000 Besuchern jährlich. Zwei Drittel der Mittel muss er einwerben, das setzt selbst einen erfahrenen, routinierten Museumsmann wie ihn unter Druck, es gibt nämlich keinen Puffer. Also: Mangelverwaltung.
Er kann das sehr trocken erzählen, wie er vor einem Jahr auf die Pyramide von Uxmal in Mexiko kletterte, als ein Anruf aus seinem Berliner Büro ihn erreichte mit der Information, der Hauptstadtkulturfonds finanziere die geplante Maya-Schau. Im April wurde sie eröffnet. In solchen Situationen schießt bei Sievernich vermutlich der Adrenalinspiegel in die Höhe. Aber zu Sievernichs Wesen gehört es, dass er Fassung behält, wo andere sich längst Luft gemacht hätten. „Macht Spaß“, so sagt er das. Alle wissen, zufriedenstellend ist so eine Arbeitsweise nicht.
Diese finanzielle Unsicherheit führt dazu, dass er nicht langfristig planen kann. Muss er aber, sonst kriegt er keine publikumsstarken Ausstellungen ans Haus wie 2014 David Bowie oder eben Ai Weiwei. Bei großen internationalen Kooperationen läuft nichts unter drei bis vier Jahren Vorbereitungszeit. Ein EU-Projekt, an dem sich mehrere Länder beteiligen wie im Falle der Schau über Pasolini, benötigt eher fünf Jahre Planung.
Im Vergleich zu Paris und London, meint er, sei Berlin nicht gut aufgestellt im Bereich attraktiver Wechselausstellungen, also der Publikumserfolge. Die Tate Britain, die Tate Modern und die National Portrait Gallery in London bieten im Jahr drei, vier solcher hochkarätigen Präsentationen. „Wenn Sie die Berliner Kollegen fragen, werden alle sagen, dass das Problem in der langfristigen Zusage der Finanzierung liegt“, so Sievernich. „Im Ausstellungsbereich“, findet er, „muss man – um wettbewerbsfähig zu bleiben – für die nächsten 20 Jahre denken. Wir konkurrieren mit dem ständigen Zuwachs an Informationen, um den Gebrauch der Zeit.“
Berlins Museen brauchen einheitliche Öffnungszeiten
Was er damit meint, ist, dass junge Menschen heute an die drei Stunden mit ihrem Smartphone verbringen. Da muss ein Museum umso verlockender und vielfältiger sein in seinem Angebot. Kulturhistorische Themen, hat Sievernich festgestellt, ziehen zunehmend weniger in der jungen Altersklasse, die zeitgenössische Kunst stößt dort auf mehr Interesse. Natürlich werden die sozialen Medien immer wichtiger im Museumsbetrieb. Der Gropius-Bau nutzt Twitter und Facebook. Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt etwa investierte eine Million Euro in ihren Onlineauftritt, schätzt Sievernich. Das Geld hat er einfach nicht. Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York zählt mittlerweile knapp zwei Millionen Followers, da darf man von einem multiplikatorischen Effekt sprechen. „Doch da muss man jeden Tag an den Webseiten arbeiten, sonst verlieren die Besucher schnell das Interesse.“
Na ja, da er gerade dabei ist, auch die unterschiedlichen Öffnungszeiten der Berliner Museen seien wie ein unüberschaubarer Dschungel. Eine einheitliche Regelung käme vor allem den Touristen zugute. Wenn ein Haus um 17 Uhr zumacht, stelle sich schnell der Eindruck ein, alle Museen seien geschlossen in der Hauptstadt. Der Gropius-Bau öffnet von 10 bis 19 Uhr, früher schloss das Haus zu „Tagesschau“-Beginn. Doch die Kosten für diese eine Stunde mehr am Tag kann sich das Haus nicht mehr leisten. Ebenso ist eine Sieben-Tage-Öffnung finanziell nicht machbar.
Was hält Sievernich von Neil MacGregors Vorstoß, freien Eintritt im Humboldt Forum durchzusetzen? Würde das nicht zulasten der anderen Museen gehen? „Wenn man Museen als politische Instanz versteht, sie eine glaubhafte Rolle in der gesellschaftlichen und kulturellen Vermittlung spielen sollen, kann das nur heißen: Sie müssen so offen und so zugänglich wie möglich sein. Das kostet Geld – da ist die Politik gefragt.“


