Die Berliner Mauer durchschneidet das Bild, davor ist eine schlammige Brache zu sehen. Auf einem anderen steht eine junge Frau mit schwarzem Kleid und wilder Punkfrisur vor einem Fenster. Ein weiteres zeigt ein Graffiti mit einem Hakenkreuz darüber. „Waffenruhe“ heißt die berühmte 9-teilige Serie von Michael Schmidt, die zwischen 1985 und 1987 entstand und die Stimmung in West-Berlin vor dem Mauerfall atmosphärisch verdichtet. Man lebte wie auf einer Insel, vom fast 200 Kilometer entfernten Westen war man abgeschottet, vom Osten nebenan durch die Mauer getrennt.
Kreuzberg, am äußersten Rand von West-Berlin, war von der Mauer fast umzingelt, überall versperrte sie den Weg. Das ganze Viertel war marode, die Mieten niedrig, hier lebten Gastarbeiter, Arbeitslose, Studenten und Künstler. Wenn der Autodidakt Thomas Schmidt fotografierte, tat er es zumeist hier oder im Wedding, und immer auf seine nüchtern-sachliche schnörkellose Art.
In Kreuzberg gründete Schmidt 1976 auch die „Werkstadt für Photographie“. Sie war – durchaus demokratisch-revolutionär – als ein für alle offenstehendes Projekt der Volkshochschule Kreuzberg gedacht. In der Friedrichstraße 210 direkt am Checkpoint Charlie sollten Amateure die Mittel der Dokumentarfotografie erlernen und ihren persönlichen fotografischen Stil finden. Was wie ein unbedeutender Fotokurs für interessierte Laien klingt, mauserte sich bald zur über die Grenzen der Stadt bekannten Fotografieschule mit Kontakten nach Westdeutschland und vor allem in die USA. Möglichst frei und ohne Vorgaben wollte man sich auf hohem Niveau mit dem Medium auseinandersetzten. Drei Räume – einer für die Ausstellungen, einer, der als Labor diente, und ein weiterer für Workshops – mussten reichen. Damit junge amerikanische Fotografen in der Werkstatt ausstellen oder zu Diskussionen kommen konnten, knüpfte man enge Kontakte zum Amerikahaus.
Who is Who der Fotografie-Geschichte
Im Gebäude des ehemaligen Amerikahauses findet bei C|O Berlin nun die Ausstellung „Kreuzberg – Amerika. Werkstatt für Photographie 1976–1986“ als Teil einer dreiteiligen städteübergreifenden Schau statt. Neben C|O Berlin sind das Folkwang Museum in Essen und das Sprengel Museum in Hannover daran beteiligt. Die Berliner Ausstellung konzentriert sich ganz auf die Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“, zeigt Arbeiten von Dozenten, Schülern und den amerikanischen Gästen. Die Liste der Amerikaner, die in Kreuzberg ihre Fotografien präsentierten, ist beeindruckend: Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage, Stephen Shore und Larry Clark. „Es ist erstaunlich, wer alles in der Werkstatt ausgestellt hat“, sagt Felix Hoffmann von C|O Berlin und Ko-Kurator der Schau. „Damals waren die meisten von ihnen noch unbekannt, aber heute liest sich das wie das Who is Who der amerikanischen Fotografiegeschichte jener Zeit.“
Die berühmte „Tulsa“-Serie von Larry Clark aus dem Jahr 1971 wurde wie die Arbeit vieler anderer Amerikaner in der Werkstatt für Photographie erstmals überhaupt in Europa einer Öffentlichkeit vorgestellt. Clarks Bilder von jungen Leuten aus seiner Heimatstadt „Tulsa“ in Oklahoma zeigen in kontrastreichem Schwarzweiß hautnah und ungeschönt Sex, Drogenkonsum sowie das ungenierte Spiel mit Waffen. Für die Fotografen der Werkstatt war das eine große Inspiration, wie man an den Bildern aus den Serien „Die Etage“ von Thomas Leuner (1982–83) oder „Kreuzberg“ von Wolfgang Eilmes (1979) unschwer erkennen kann: Mit der Kamera tauchen sie in das Alltagsleben junger Leute ein und zeigen sie in allen Lebenslagen. Zwischen amerikanischen Vertretern der Dokumentarfotografie und der Berliner Werkstatt für Photographie entstand ein intensiver Dialog über eine neue künstlerische Ausrichtung der Dokumentarfotografie. Wie etwas Erzählerisches, ein subjektives Moment.
1986 wurde die „Werkstatt für Photographie“ wegen Differenzen der Mitglieder und Ärger mit der Volkshochschule geschlossen. In den zehn Jahren ihres Wirkens übte sie einen weit über die Stadt hinausreichenden Einfluss aus: Die Werkstatt entwickelt sich zur Plattform für internationale Kontakte und wird zum Forum für Diskussionen über den Standort des Mediums Fotografie. Neben den engen Kontakten in die USA finden seit Anfang der 1980er-Jahre auch aus dem Wunsch junger Fotografen nach Austausch und Zusammenschluss auch erste selbst organisierte Treffen von Fotografen in Berlin, Essen und Hannover statt. Die Netzwerke von damals waren der Impuls für die städteübergreifenden Ausstellungen von heute, die überzeugend zeigen, dass es in den 1970er-Jahren, als die Fotografie sich nach dem Krieg wieder als künstlerisches Medium emanzipierte, eine Vielzahl an prägenden Projekten und Netzwerken rund um die „Werkstatt für Photographie“ am Checkpoint Charlie gab.


