In der Berliner Ballett- und Tanzwelt gibt es im Moment genügend Dissonanzen, seit die Berliner Choreografin Sasha Waltz zur künftigen Ko-Intendantin des Staatsballetts Berlin berufen wurde und dort auf heftige Ablehnung stieß. Seither ringen die Vertreter des russischen Spitzentanzes und des einheimischen Tanztheaters miteinander. Möglicherweise wäre Ralf Stabel ein idealer Schlichter, um Klassiker und Modernisten an einen Tisch zu bringen. Stabel ist promovierter Philosoph und Rektor der Staatlichen Ballettschule Berlin und damit von Berufs wegen ein Diplomat.
„Wir bilden weltweit für die Theater aus“, sagt er: „Wir bilden für das Repertoire aus, von dem wir annehmen, dass es künftig gespielt wird.“ Und er fügt erklärend hinzu, dass wir in Europa und in Nordamerika in einer luxuriösen Situation seien, weil wir das gesamte Tanzrepertoire wahrnehmen können. Die Offenheit gegenüber allen Stilen und Ästhetiken gehört zum Schulprogramm. Stabel leitet die Schule seit 2003 gemeinsam mit dem Choreografen Gregor Seyffert, der früher unter anderem Solotänzer im Tanztheater von Tom Schilling an der Komischen Oper war.
Etikette gehört zum Ausbildungsprofil
Wer Ralf Stabels lichtdurchflutetes Schulgebäude in Prenzlauer Berg betritt, hat sofort das Gefühl, von positiver Energie umspült zu werden. Man trifft auf höflich lächelnde Schüler und Lehrer, in mehreren Räumen wird getanzt, Etikette gehört eh zum Ausbildungsprofil. Im Moment bereiten sich die Schüler auch auf zwei Staatsopern-Vorstellungen am Sonntag im Schiller-Theater vor. Aufgeführt wird „Der kleine Prinz“ in der Choreografie von Gregor Seyffert, der zu jenen gehört, die sich Cross-over durch verschiedene Stile inszenieren. In dem rund zweistündigen Stück gibt es viele kleine und große Rollen für die Schüler. „Der Prinz kommt auf die Erde und sucht nach Glück, Liebe und der Rose“, so Stabel, „und er trifft auf uns. Die Choreografie hält uns einen Spiegel vor, die Kleinen können sich zum Teil selber darin erkennen, wie sie die Erwachsenenwelt entdecken. Für die Großen ist es fast schon philosophisch.“ Für die Schule sind die Aufführungen ein wichtiges Ereignis.
Derzeit wird die Staatliche Ballettschule Berlin von rund 300 Schülern aus 28 Ländern besucht, 200 davon wollen Tänzer werden, 100 Akrobaten. Die Mischung sei weltweit ein Alleinstellungsmerkmal der Berliner Schule. „Tänzer mit akrobatischen Fähigkeiten sind in der Welt sehr gefragt“, sagt er: „Und ein Akrobat mit besonderen tänzerischen Fähigkeiten ebenso.“ Da gäbe es ein großes Potential. „Wir brauchen kluge Tänzer“ ist einer von seinen Leitsätzen. Und er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die klassische Ballettausbildung zum Handwerk gehört. „Wir unterrichten in möglichst vielen Stilen, wobei Klassik die Basis ist. Jeder muss dann herausfinden, in welcher Bewegungssprache er am erfolgreichsten tanzen kann“, sagt der Rektor. Auf den kulturpolitischen Streit, ob Sasha Waltz nun zum Staatsballett passt, will sich Stabel gar nicht einlassen. „Wir haben als Schule ein Interesse daran, dass unsere Schüler so oft wie möglich auf Bühnen tanzen können“, sagt er: „Wir haben Kooperationen mit verschiedensten Theatern im ganzen Land.“ Es ginge nicht darum, ob man deren Repertoire besonders gut finde, sondern dass die Schüler damit Erfahrungen sammeln können. An den Theatern wechseln die Leitungen und das sei völlig normal. „Unsere Ausbildung dauert neun Jahre. Wir können uns nicht auf die Wechsel von Intendanten einlassen. Aber natürlich begrüßen wir jeden Künstler, der den Mut hat, ein großes Ensemble zu leiten.“
Überhaupt sei man mit dem früheren Staatsballett-Intendanten Vladimir Malakhov im Gespräch gewesen, ebenso mit dem amtierenden Chef Nacho Duato. Und er hätte, betont Stabel, jedes Stück von Sasha Waltz gesehen. „Wir kennen uns alle und sind permanent in Gesprächen. Wir gehen höflich bis freundschaftlich miteinander um. Mit dem Staatsballett hat es immer eine Kooperation gegeben und wir haben auch keinen Zweifel daran, dass sie weiterhin gut funktionieren wird. Unabhängig von den Personen, die es leiten.“
Im Gespräch wird Stabel nur einmal ungehalten und da geht es um die Proteste von Ballettschulmüttern vor der Deutschen Oper. Das weist er von sich. „Es war niemand von unseren Schülern bei den Protesten zur ,Nussknacker‘- Premiere dabei“, sagt er: „Ich habe es anschließend sofort versucht, über die Elternvertretung herauszufinden. Ich weiß nicht, warum uns das Ganze aufgeladen wird. Das ist gar nicht unser Stil, so aufzutreten.“
Primaballerina Polina Semionowa, ein Weltstar, der früher fest zum Staatsballett Berlin gehörte, ist die Vorzeige-Professorin der Schule. „Sie ist eine zeitgenössische Tänzerin“, sagt Stabel überraschend: „Es gibt nichts, was sie nicht tanzen kann.“ Dann erinnert er daran, dass Semionowa vor allem auch durch Herbert Grönemeyers Musikvideo zu „Demo (Letzter Tag)“ populär wurde. „Ich bin mir ganz sicher, dass sie uns noch mit vielen Kreationen, die sie tanzen wird, überraschen wird.“
Der Rektor ist ziemlich stolz darauf, dass die Vermittlungsquote seiner Zöglinge bei nahezu 100 Prozent liegt. „Wer diese neunjährige Ausbildung durchläuft, soll die Chance haben, in diesem Beruf zu arbeiten“, sagt er. Egal, ob klassisch oder modern.
„Der kleine Prinz“ im Schiller-Theater am 8.1. um 14 und 18 Uhr. Karten: 20 35 45 55

