Film

Für immer gefangen auf einem Raumschiff: „Passengers“

Zwei Menschen treiben ganz allein durchs All – kann das gut gehen? Ein beklemmend unbequemer Science-Fiction-Film der anderen Art.

Sitzen für immer auf ihrem Raumschiff fest: Der Ingenieur Jim Preston (Chris Pratt) und die Journalistin Aurora (Jennifer Lawrence)

Sitzen für immer auf ihrem Raumschiff fest: Der Ingenieur Jim Preston (Chris Pratt) und die Journalistin Aurora (Jennifer Lawrence)

Foto: Sony Pictures

Das All ist die neue Insel. Die Ur-Angst des Menschen vor dem Alleinsein, dem Abgeschnittensein vom Rest der Welt – dafür steht seit Daniel Defoes Romanklassiker „Robinson Crusoe“ die einsame Insel. Ging es darin doch zunächst um ganz existenzielle Bedürfnisse, wie man überhaupt allein überleben kann, aber auch um die psychischen Folgen: Was nutzt mir das Leben, wenn ich es mit keinem teilen kann?

In Zeiten von Globaltourismus und Google Earth, wo es kaum mehr unbekannte Eilande gibt, hat die Vorstellung einer einsamen Insel ihren Schrecken verloren, ja ist eher einem zivilisationskritischem Impetus gewichen, wenn immer mehr Menschen sich immer häufiger als „reif für die Insel“ bezeichnen.

Der Trend geht zur Ein-Personen-Science-Fiction

Da es jedoch in der Natur von Ur-Ängsten liegt, nicht weichen zu wollen, hat das Kino der jüngsten Zeit als letzten Vorstellungsraum für den Horror der Isolation das Weltall ausgemacht. Ein Universum, das wirklich noch menschenleer ist und das Individuum sogar seiner allerletzten Grundbedürfnisse beraubt: Luft und Mutterboden. So schwebte Sandra Bullock in „Gravity“ als Astronautin ganz allein über der Erde, und Matt Damon musste in „Der Marsianer“ als eine Art intergalaktischer MacGyver auf dem roten Planeten ums Überleben kämpfen.

Preston versucht vergeblich, die Technik des Schiffes zu steuern Sony Pictures

Da es jedoch in der Natur von Ur-Ängsten liegt, nicht weichen zu wollen, hat das Kino der jüngsten Zeit als letzten Vorstellungsraum für den Horror der Isolation das Weltall ausgemacht. Ein Universum, das wirklich noch menschenleer ist und das Individuum sogar seiner allerletzten Grundbedürfnisse beraubt: Luft und Mutterboden. So schwebte Sandra Bullock in „Gravity“ als Astronautin ganz allein über der Erde, und Matt Damon musste in „Der Marsianer“ als eine Art intergalaktischer MacGyver auf dem roten Planeten ums Überleben kämpfen.

Das Science-Fiction-Genre, das eigentlich von fremden Welten und unendlichen Weiten handelt, wandelt sich gerade zum Ort für existenzialistische, ja geradezu philosophische Kammerspiele, wo die immer gleichen Fragen der Menschheit neu verhandelt werden: Wer bin ich? Und wozu bin ich in der Welt? Ein ähnliches Schicksal erleidet nun auch Chris Pratt als Raumfahrer in „Passengers“, der am Donnerstag ins Kino kommt. Nur dreht diese All-Apokalypse die alte Robinsonade noch ein Stück weiter: wenn das einsame Individuum einen Gefährten findet. Und Freitag in diesem Fall – eine Frau ist.

Alles ist da, wäre da nur nicht die überirdische Langeweile

Zunächst aber dekliniert auch Regisseur Morten Tyldum („The Imitation Game“) den Horror der Isolation durch. Mit 5000 Passagieren hat sich der Ingenieur Jim Preston in einen künstlichen Tiefschlaf versetzen lassen, um auf einem Raumschiff eine 120-jährige Reise durchs All zu einer fernen Sternkolonie anzutreten. Wegen eines Defekts aber wird er 80 Jahre zu früh geweckt. Und zwar als einziger. Es ist filmdramaturgisch natürlich von Vorteil, dass der junge Mann Mechaniker ist, versucht er doch, seine Schlafkapsel zu reaktivieren. Das gelingt indes nicht.

Nahrung und Sauerstoff – auf diese Logik muss sich der Zuschauer schon einlassen – gibt es reichlich an Bord dieses edel-designten Raumschiffs, die Grundexistenz ist also gesichert. Auch an Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten ist kein Mangel. Allein der Indoorpool mit All-Ausblick ist sagenhaft. Und ganz alleine ist der Mann doch nicht: Als ironische Überraschung zaubert das Drehbuch den Kellner (Michael Sheen) einer Cocktailbar aus dem Hut, der sich indes schnell als Roboter erweist. Mit ihm kann Preston immerhin kommunizieren, aber so viele Cocktails kann der Humanoid gar nicht servieren, um die zunehmende Depression und überirdische Schwermut des Menschen aufzuhalten.

So kommt es zu einer Verzweiflungstat, deren Folgen wir hier verraten dürfen, weil sie ja schon im Trailer des Films zu sehen sind: Der Einsame erhält eine Gefährtin. Aurora, was bekanntlich Morgenröte bedeutet, ist nicht nur hochattraktiv, sondern auch intelligenter und feinfühliger als Preston. Als Journalistin wurde sie vom Raumfahrtunternehmen offensichtlich als wertvoller eingestuft, kommt doch über ihren Chip ein ganz anderes Essen aus dem Automat.

Die Frau macht erst einmal dieselbe Verzweiflung durch wie der Mann zuvor, versucht sich dann wie er in ihr Schicksal zu fügen, das sie ja immerhin verbindet. Nur fußt diese Beziehung eben auf einem Betrug. Robinson wurde Freitag von fremden Mächten geradezu zugetragen, Preston aber hat ein bisschen nachgeholfen. Können sich daraus so etwas wie echte Gefühle entwickeln?

Es ist ein geradezu archaischer Gefühlskonflikt, den der norwegische Regisseur da in seine Hollywoodproduktion packt. Jennifer Lawrence ist dabei präsent und beeindruckend wie eigentlich immer. Nur von Chris Pratt hätte man sich ein wenig mehr Nuancen gewünscht. Dem Hauptdarsteller würde man gern nicht nur den Klempner, sondern auch die Verzweiflung abnehmen.

Das pointierte Drehbuch von Jon Spaiths zirkulierte fast ein Jahrzehnt in Hollywood, dafür wurden Namen wie Keanu Reeves gehandelt. Schade, dass es am Ende nur ein Star der B-Klasse wurde. Pratt soll wohl vor allem die Fans des Sci-Fi-Comics „Guardians for the Galaxy“ für dieses gewagte Genre-Crossover gewinnen.

Am Ende freilich traut der Film seinem Grundkonflikt doch nicht ganz. Da zeigt sich, dass der Defekt zu Beginn nicht nur Preston geweckt, sondern weit mehr Schäden angerichtet hat. Da müssen die beiden Individuen das ganze Raumschiff und all ihre schlafenden Mitreisenden retten. Damit kommen doch noch jede Menge Action- und vordergründige Spannungsmomente ins Spiel, auf die der Film bis dahin so wohltuend verzichtet hat. Aber ähnliche Showdowns hat es ja auch in „Gravity“ und „Der Marsianer“ gegeben. So ganz kann Science Fiction ihr Genre doch nicht verleugnen. Und doch weist sie hier weit über ihre Grenzen hinaus.

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