Silvesterkonzert

Russische Seele pur

Schweißtropfen und stehende Ovationen: Daniil Trifonov debütiert bei den Philharmonikern

Sir Simon Rattle und seine Philharmoniker haben für ihr Silvesterkonzert in der Philharmonie einen russischen Schwerpunkt gewählt. Das Eröffnungsstück bildet Dmitri Kabalewskys Ouvertüre zur Oper „Colas Breugnon“ nach einem Roman von Romain Rolland. Kabalewskys Werke werden in seiner Heimat hoch geschätzt, finden jedoch nach wie vor nur selten in deutsche Konzertsäle. Das verwundert, denn wie die Ouvertüre zeigt, schrieb der 1987 verstorbene Komponist eine mitreißende Musik, die in ihrer Vitalität bisweilen an Prokofjew erinnert. Rattle und die Philharmoniker wissen dieses brillant orchestrierte farbenreiche Werk mit rhythmischer Verve und flirrender Leichtigkeit umzusetzen, auch die elegischen Melodiebögen intonieren sie geschmackssicher.

Hauptwerk des Abends ist Rachmaninows drittes Klavierkonzert. Das Stück ist bei Pianisten gefürchtet, zählt es doch aufgrund seiner virtuosen Ansprüche und seines Umfangs zum Schwierigsten, was je für Klavier geschrieben wurde. Um so etwas adäquat aufzuführen, bedarf es eines Pianisten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Eines wie Daniil Trifonov. Der 25-jährige Russe, der an diesem Abend sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern gibt, gehört momentan zu den meistbeachteten Pianisten weltweit.

Dabei ist es nicht nur Trifonovs phänomenale Virtuosität und Sicherheit, die die Musikwelt in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt, sondern vor allem seine enorme klangliche Bandbreite. In einem Gespräch vor dem Konzert erzählt er, dass er erst vor vier Jahren begonnen habe, sich mit Rachmaninows Musik zu beschäftigen: „Man kann sich in der Tat körperlich schädigen, wenn man Rachmaninow spielt und noch nicht über eine bestimmte Flexibilität und Freiheit in den Schultern und dem oberen Rücken verfügt.“

Voller Klarheit und sehr rhythmisch

Trifonov weist außerdem darauf hin, dass Rachmaninows Musik manchmal recht kitschig interpretiert werde. Um das zu vermeiden, lohne es sich, Rachmaninows eigene Einspielungen seiner Werke anzuhören: „In seinen Aufnahmen hören wir niemals eine Spur von unangebrachter Süße“, betont Trifonov, „sein Spiel ist immer voller Klarheit und sehr rhythmisch.“

Das lässt sich auch über Trifonovs Darbietung des dritten Klavierkonzerts sagen. Selbst in den zartesten Pianissimo-Passagen vernimmt man jeden einzelnen Ton, so klar und deutlich ist sein Spiel, Simon Rattle trägt dazu bei, indem er sein Orchester so im Zaum hält, dass es den Solisten nicht zudeckt. Der 25-Jährige gönnt sich mittlerweile mehr Freiheiten als bei früheren Aufführungen des Konzerts, und Rattle folgt ihm dabei. So nimmt sich Trifonov etwa für die Akkordballungen der großen Kadenz im ersten Satz, die so manche seiner Kollegen wie am Fließband herunterdreschen, viel Zeit und verleiht ihnen dadurch Größe und Pathos, offenbar möchte er dem Eindruck entgegenwirken, nur eine pianistische Spitzenleistung abzuliefern.

Im langsamen Satz zeigen die Bläser der Berliner ihre Klasse: Ausdrucksstark und klangschön das eröffnende Oboensolo, später glänzen die Hörner mit rundem Ton im Pianissimo. Auch Trifonov erweist sich im zweiten Satz als Klangzauberer, der von samtwarmem Pianissimo bis stählernem Forte die tonlichen Möglichkeiten des Flügels auskostet.

Dies alles nimmt der wahr, der Trifonov zuhört. Wer ihm zusieht, erlebt noch etwas anderes. Bereits mit den ersten Takten taucht der junge Russe völlig in die Welt der Musik ab, weder Orchester noch Publikum scheint er mehr wahrzunehmen, er wirkt allem Irdischen vollkommen entrückt. An manchen Stellen bewegen sich seine Lippen, als würde er Rachmaninows melodische Arabesken innerlich mitsingen. Er verausgabt sich völlig, emotional und körperlich, agiert, als gehe es in dieser Aufführung um Leben und Tod. Bei den kraftvollen Akkordkaskaden der Kadenz im ersten Satz springt er bisweilen vom Klavierhocker auf und hebelt sein ganzes Körpergewicht in die Tasten, immer wieder lösen sich Schweißtropfen von seiner Nase.

Als er sich am Ende zum Publikum dreht, das ihn zu Recht mit Standing Ovations feiert, sieht man, dass er klatschnass geschwitzt ist. Der russische Klavierstar bedankt sich mit einer „Vergessenen Melodie“ vom Rachmaninow-Zeitgenossen Nikolai Medtner, die er in so überirdischer Schönheit zum Klingen bringt, als sei der liebe Gott höchstselbst Pianist geworden.

Damit war der Abend jedoch noch nicht zu Ende. Als dritten Programmpunkt hatte Simon Rattle ein Frühwerk seines Landsmannes William Walton ausgesucht: Das Melodram „Façade“, von Walton selbst treffend „an Entertainment“ genannt. Rattle wählte aus 21 Nummern sechs Stücke aus und stellte sie zu einer Suite zusammen. Mit viel Spielwitz und feinem Sinn für die Klangeffekte widmeten sich die Philharmoniker dieser schrägen Musik, manche Passagen hätte man sich vielleicht noch etwas jazziger und freier vorstellen können.

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