Kultur

Sehnsucht nach einem kleinen bisschen Glück

Stephan Kimmig inszeniert „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams am Deutschen Theater

In dieser Welt hält sie nichts mehr. Denn da gibt es auch nichts für sie. Ihr Bruder denkt nur an eine Flucht, ihre Mutter nur an ihren zukünftigen Ehemann und ihr Vater, tja der, der lächelt bloß noch aus dem Bilderrahmen an der Wand. Nur die Musik und diese Sehnsucht nach Licht, Liebe und einem kleinen bisschen Glück, die erhalten sie am Leben. Aber auch nicht so richtig, denn Laura lebt in einer Parallelwelt. Dort tanzt sie mit Hühnern, unterhält sich mit kleinen Glastierchen, ist ausgelassen und ungehemmt. Nur in der Realität klappt das nicht. Kaum flötet ihre dragonerhafte Mutter „Morgenstund hat Gold im Mund“, klopft die Tristesse des Alltags mit dem Vorschlaghammer an. Dabei will sie doch eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Das akzeptiert bloß keiner. Vor allem ihre Mutter nicht, die aus Lauras Leben – und aus ihrem eigenen – unbedingt etwas machen will. Als das nicht klappt, ist die Tragödie programmiert. In Tennessee Williams’ Stück „Die Glasmenagerie“, das am Freitagabend Premiere im Deutschen Theater hatte, wartet kein Happy End.

Eine manisch-depressive Vollblutmutter

„Ihr müsst k-a-u-e-n. Gebt bitte euren Speicheldrüsen eine Möglichkeit, zu funktionieren“, brüllt sie grinsend. Ja, das kann sie wirklich gut. Lächeln und schreien und mit der Bratpfanne über Katja Haß’ häusliche Bühne stapfen, während unablässig Wörter aus ihr heraussprudeln wie heiße Lava aus einem Vulkan. Mit der unfreiwillig komischen Helikoptermutter Amanda Wingfield gibt Anja Schneider ihr Debüt als neues Ensemblemitglied des Deutschen Theaters. In Stephan Kimmigs Inszenierung, mit dem sie zuvor in Stuttgart zusammenarbeitete, spielt sie eine, mit der man sich lieber nicht anlegt. Nein, man macht, was die manisch-depressive Vollblutmutter will. Und in erster Linie ist das: endlich einen Mann für ihre Tochter Laura finden. Seit sie weiß, dass Laura (Linn Reusse) die Wirtschaftsschule schwänzt und nicht an der Karriere interessiert ist, die sie sich so fein ausgedacht hat, muss ein Plan B her. Jetzt kann man das antiquiert und unemanzipiert finden und vielleicht auch naiv, aber der einzige Strohhalm, an den sich Mutter Amanda klammert, ist der Arbeitskollege ihres Sohnes Tom, der bitte, bitte ihre Tochter ehelichen soll.

Tom (Marcel Kohler) hat genügend eigene Probleme, um sich auch noch um das Liebesglück seiner Schwester zu sorgen. Seit sein Vater die Familie verlassen hat, schuftet er in der Fabrik, um Schwester und Mutter durchzufüttern – dabei hat er darauf eigentlich so gar keinen Bock, würde lieber Gedichte schreiben, die Welt bereisen, einfach mal jung sein, statt den Mann der Familie zu geben. „Ich wirke wie ein Traumtänzer, aber in mir kocht’s“, presst Tom mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

Allein durch seine physische Gestalt drängt er aus den ärmlichen Verhältnissen dieser Familie heraus. Kohler spielt Tom mit stummer Wut über die eigene Zukunft, die ihn beben, spucken, implodieren lässt. Und, das ist wirklich famos, mit einer Rastlosigkeit, die keine Heimat finden kann. Und die keine finden will.

Auch Tennessee Williams fand bis zu seinem Tod 1983 nie ein Zuhause. Er hat Tom, wie so viele andere Figuren, an sein eigenes Leben angeschmiegt. Seine schizophrene Schwester Rose beispielsweise, auch sie kam in dieser Welt nicht zurecht. Immer wieder erscheint sie in seinen Stücken, mit denen er, wie er mal über „Endstation Sehnsucht“ sagte, für zerbrechliche Menschen einstehen will.

Diese Zerbrechlichkeit, die Flucht aus der Gegenwart, die ist allgegenwertig. Tom träumt sich in seinen Gedichten fort, Mutter Amanda in Erinnerungen an ihre turbulente Jugend, Laura durch die fingerdicke Glasbausteinbrille in ihre gläserne Tierwelt, die dem Stück auch den Namen gibt. In Kimmigs poetischer Inszenierung – Regen fällt und es gibt Kerzenschein, kalte Sonnenstrahlen und natürlich Musik, die Kimmig so gern zum Kitten zwischen Innen- und Außenwelt klebt – da fruchtet der „American Dream“ nicht. Der ist irgendwie kaputtgegangen. Wie bei so vielen heute, wo Paralleluniversen immer einen Klick entfernt und Rückzüge in die eigene Behaglichkeitszone so einfach sind. Kimmig legt den Finger darauf. Das „höher, schneller, besser“ unserer Gesellschaft, in der jeder selbst dafür verantwortlich ist, ob er die holzwurmzerfressene Karriereleiter erklimmt oder herunterrasselt, das stellt er infrage. Eine Lösung präsentiert er nicht.

Denn auch als Toms Arbeitskollege Jim tatsächlich kommt, den Holger Stockhaus mit wirklich frivolem Humor gibt, verpufft dieser kurze Moment der Hoffnung wie eine Seifenblase im Regen. So wie alles in dieser Welt. Denn Jim gesteht, dass er längst verlobt ist. Dass er Laura und die Familie Wingfield nicht befreien kann aus ihrer Aporie. Und Marcel Kohlers Tom keucht, heiß und kalt zugleich, dass er flüchten wird. Aber nicht in eine Parallelwelt, sondern in die echte, die auch nichts übrig hat für Shakespeares wie ihn.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13 a. Termine: 23., 25. Dezember und 11., 27. Januar. Karten: 030/28441-225.