„Hinter meinem Werk verschwinden“ und „anonym bleiben“ – das sind zwei Wünsche, die die Schriftstellerin Nelly Sachs (1891–1970) zeitlebens getrieben haben. Dennoch gilt die zierliche Frau, die nach ihrer Flucht aus Deutschland 1940 noch 30 Jahre im schwedischen Exil lebte, als eine der wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Gründe, an sie zu erinnern: Vor 125 Jahren, am 10. Dezember 1891, wurde sie in Schöneberg geboren. Und vor 50 Jahren wurde ihr als erster deutschsprachiger Schriftstellerin der Literaturnobelpreis verliehen.
Im Zentrum ihres Werkes steht die Vernichtung der europäischen Juden. Zwar hat Nelly Sachs schon früh Gedichte geschrieben. Für den schwedischen Literaturwissenschaftler Aris Fioretos steht allerdings fest: Erst mit dem Holocaust ist Nelly Sachs „als Autorin geboren“ worden.
„Sie ist die erste in der deutschen Lyrik, die von den Schornsteinen schreibt“, sagt Fioretos. Gemeint ist die Verbrennung der Ermordeten in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. In einem ihrer bekanntesten Werke, „In den Wohnungen des Todes“ (1947), heißt es: „O die Schornsteine – Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes – Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch – Durch die Luft.“
Nelly Sachs wächst im Kaiserreich als behütetes Einzelkind auf. Der Vater ist Fabrikant. Die Beziehung zu ihrer Mutter, mit der sie bis zu deren Tod 1950 zusammenlebt, wird als äußerst innig beschrieben. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten ändert das Leben von Nelly Sachs schlagartig. Im Mai 1940 dann erhält sie die Aufforderung zum Arbeitsdienst und gleichzeitig das Einreisevisum für Schweden.
In Schweden findet sie sich in ärmlichen Verhältnissen wieder. Bis zu ihrem Tod wird sie in einer Einzimmerwohnung leben, zunächst noch mit ihrer Mutter. Sehr bald beginnt sie mit Übersetzungen schwedischer Lyrik und verdient sich damit ein Zubrot. Literarisch ist das Exil in Stockholm ein Neuanfang, wie Fioretos betont. Nach Deutschland zurückzukehren wollte sie nie.
Zum 50. Jahrestag der Nobelpreisverleihung und zum 125. Geburtstag von Nelly Sachs lädt das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum Freitag und Sonnabend zu einer Tagung ins Rote Rathaus.
BM

