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Duell beim Europäischen Filmpreis: Toni gegen Daniel

Heute wird in Wroclaw der Europäische Filmpreis verliehen. „Toni Erdmann“ ist der Favorit, hat aber mit Ken Loach starke Konkurrenz.

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Jetzt muss der deutsche Film wieder Biss zeigen. Das überdimensionale Gebiss, das Peter Simonischek sich in „Toni Erdmann“ ständig in den Mund schiebt, um sein Umfeld zu verunsichern. Im polnischen Wroclaw (Breslau), wo am Sonnabend der Europäische Filmpreis verliehen wird, geht das Drama der Berliner Regisseurin Maren Ade als Favorit ins Rennen.

Am Ende könnte freilich dasselbe passieren wie im Mai in Cannes. Dort wurde der deutsche Wettbewerbsbeitrag frenetisch gefeiert – auch und gerade von der internationalen Presse. Aber am Ende ging der Liebling des Festivals gänzlich leer aus. Die Goldene Palme gewann stattdessen Ken Loach für sein Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“.

Und das ist das Pikante an der Verleihung des Europäischen Filmpreises 2016. „Toni Erdmann“ ist zwar mit fünf Nominierungen der Favorit, wird aber dicht gefolgt von „Ich, Daniel Blake“, der auf vier Nominierungen kommt. Und in diesen vier Kategorien treffen die beiden Filme direkt aufeinander: beim Hauptpreis um den Besten Europäischen Film, bei Regie, Drehbuch und Hauptdarsteller. Für „Toni Erdmann“ ist darüber hinaus noch Sandra Hüller als Schauspielerin nominiert.

Toni gegen Daniel: Das könnte das große Duell des Abends werden beim europäischen Pendant zum Oscar. Werden die über 3000 Mitglieder der Europäischen Filmakademie, die die Preise verleiht, junges, experimentelles Kino belohnen, dann wäre Maren Ade am Zug. Sollten sie das bewährte Kino bevorzugen, dann wäre es die Stunde des Briten.

Altmeister gegen junges Kino

Im Vorjahr ist das junge Kino – damals ebenfalls durch einen deutschen Film repräsentiert, Sebastian Schippers „Victoria“ – gänzlich leer ausgegangen, gewonnen hat stattdessen „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino. Auch die anderen Preise gingen überwiegend an ältere Semester. Ken Loach hat also gute Chancen, zumal er in diesem Jahr 80 geworden ist, sich eigentlich aus dem Filmgeschäft zurückziehen wollte – und dann doch noch einen Film gemacht hat. In solchen Fällen neigt man gern dazu, noch einmal einem Altmeister zu huldigen.

Toni oder Daniel, das ist aber auch ein politisches Duell. Der deutsche Film zeigt zwar eine komplexe Vater-Tochter-Beziehung, nebenbei wird aber auch die moderne Unternehmenskultur analysiert. „Ich, Daniel Blake“ handelt dagegen ganz direkt von einem don-quichotte-artigen Windmühlenkampf eines Arbeitslosen gegen ein unbarmherziges Sozialhilfesystem. Einmal mehr erweist sich Loach, seit fünf Jahrzehnten das gute Gewissen des Kinos, damit als Fürstreiter des kleinen Mannes.

Am Ende freilich könnte es auch noch mal ganz anders kommen. Und Pedro Almodóvar setzt sich mit seinem Melodram „Julieta“ (drei Nominierungen) durch. Oder Paul Verhoeven mit seinem Vergewaltigungsdrama „Elle“ mit Isabelle Huppert, das in Cannes schon ein großer Aufreger war.

Für „Toni Erdmann“ geht es an diesem Abend auch darum, wie ihr Film international aufgenommen wird. Schließlich geht Maren Ades Film als deutscher Kandidat ins Rennen um den Auslands-Oscar. Wenn er schon in Europa nicht reüssieren sollte, dürfte es in Übersee schwer werden. Andererseits hat „Toni Erdmann“ gerade den 10. Lux-Filmpreis des Europäischen Parlaments gewonnen. Ein Preis, mit dem der Reichtum und die Vielfalt des europäischen Kinos gefeiert wird.

Auch jenseits von „Toni Erdmann“ steht das deutsche Kino gut da in diesem Jahr. Was sich an insgesamt zehn Nominierungen festmacht. Die Hitler-Parodie „Er ist wieder da“ ist als beste Komödie nominiert, Burghart Klaußner als Schauspieler für „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

„Fritz Bauer“ war der beste Film des Jahres 2015 und hat beim Deutschen Filmpreis im Juni triumphiert. In einem Jahr ohne „Toni Erdmann“ wäre er sicher öfter für den Europäischen Filmpreis nominiert, so muss er in der einzigen Kategorie auch noch gegen einen anderen Deutschen antreten: Peter Simonischek. Darüber hinaus sind noch zwei Kurzfilme und ein Nachwuchsfilm nominiert.

Pierce Brosnan erhält einen Ehrenpreis

In der Europäischen Filmakademie, die ihren Sitz in Berlin hat, bilden die deutschen Filmemacher die stärkste Fraktion. Das letzte Mal, dass ein deutsches Werk als bester Film reüssierte, ist aber zehn Jahre her, als „Das Leben der Anderen“ gewann. Die Preise werden abwechselnd in Berlin und einer Europäischen Kulturhauptstadt gefeiert.

Während die deutschen Gäste in Wroclaw nun bangen und hoffen, stehen andere Preise schon fest: Der französische Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, der unter anderem das Skript für Schlöndorffs „Blechtrommel“ geschrieben hat, wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Und der ehemalige James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan für seinen Beitrag zum Weltkino.

Die wichtigsten Nominierungen im Überblick:

Europäischer Film „Elle“ (Frankreich); „Ich, Daniel Blake“ (Großbritannien); „Julieta“ (Spanien), „Room“ (Irland/Kanada); „Toni Erdmann“ (Deutschland)

Regie Paul Verhoeven („Elle“); Cristian Mungiu („Bacalaureat); Ken Loach („Ich, Daniel Blake“); Pedro Almodóvar („Julieta“); Maren Ade („Toni Erdmann“)

Schauspieler Rolf Lassgard („Ein Mann namens Ove“); Hugh Grant („Florence Fo-ster Jenkins“); Dave Johns („Ich, Daniel Blake“); Burghart Klaußner („Der Staat gegen Fritz Bauer“), Peter Simonischek („Toni Erdmann“)

Schauspielerin Isabelle Huppert („Elle“); Emma Suárez und Adriana Ugarte („Julieta“), Valeria Bruni Tedeschi („Die Überglücklichen“); Trine Dyrholm („Die Kommune“), Sandra Hüller („Toni Erdmann“)