Kultur

Aus dem Kiez direkt ins Abendprogramm

„Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, der Kult vom Prime Time Theater, ist eine Parodie auf TV-Soaps. Jetzt kommt die Theater-Sitcom selbst ins Fernsehen

Ein Traum wird wahr. Sie schaut sich um, bisschen ungläubig, bisschen stolz, sieht die Kameras, Scheinwerfer, Schauspieler, jemand streckt die Klappe vor die Linse und ihr wird bewusst: Jetzt wird das Wirklichkeit, was sie sich 13 Jahre lang ausgemalt hatte. „Das ist schon geil“, sagt Constanze Behrends, lehnt sich zurück und grinst. Die Berlinerin hat über 100 Folgen der Theater-Sitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ geschrieben und in vielen auch gespielt. Was als kleine Theatersitcom über einen kantigen Berliner Bezirk begann, ist mittlerweile Kult.

Als sie die erste Folge im Prime Time Theater aufführte – am 10. Januar 2004, sie weiß es noch ganz genau –, da wünschte sie sich, dass die kleinen Theaterepisoden vielleicht mal, mit viel Glück, den Sprung ins Fernsehen schaffen würden. Jetzt, 13 Jahre und über 100 Folgen später, ist das tatsächlich passiert. Der RBB hat vier Folgen von und mit Behrends verfilmt. Zwischen Weihnachten und Neujahr wird die Weddinger Seifenoper im Fernsehen ausgestrahlt. Und Constanze Behrends – die blauen Augen blitzen unter langen Wimpern hervor, goldblonde Haare streifen über die Schultern, wenn sie lacht – ist ein bisschen nervös. Denn das Fernsehexperiment, das hat ihr Freude gemacht. Sie würde gern weitermachen – wenn denn die Quote stimmt.

Die Erfolgsgeschichte begann in einem Raum mit 35 Plätzen

Das war im Prime Time Theater ja nie ein Problem. Im Gegenteil, das kleine Privattheater, das Behrends mit ihrem Exmann Oliver Tautorat gründete, kann eine echte Erfolgsgeschichte erzählen. Am Anfang, Behrends war 22 Jahre alt, hatte ihr Medizinstudium abgebrochen und sich stattdessen für eine Schauspielausbildung entschieden, da waren das nur 35 Klappstühle in einem kleinen, zugigen Raum in Wedding. Und klar, Behrends, die ihren allerersten Text für die Bühne geschrieben hat, über Wedding, Reibungsfläche und Sehnsuchtsort zugleich. Behrends und Tautorat spielten zu zweit, ohne Schanklizenz, ohne Möbel – die mussten sie von zu Haus mitschleppen –, ohne Plan. Nur der Show wegen. „Wir haben damals wirklich bei null angefangen“, sagt Behrends und fügt an, „und wir haben uns von Anfang an gesagt: wir spielen nur, solange die Leute das sehen wollen.“ Und das wollen sie, bis heute. Das Theater hat eine hohe Auslastung, wegen starker Ticketnachfrage musste die Crew mehrere Male in größere Säle ziehen, seit zwei Jahren gibt es eine Förderung vom Land. Aus den 35 Klappstühlen sind 230 Sitzplätze geworden. Und auch wenn Behrends seit vergangenem Jahr selbst nicht mehr auf der Weddinger Bühne steht, ihre Achmets und Cindys, Eisches und Taifuns haben sich ja jetzt von der Müllerstraße ins Fernsehen berlinert.

In der Miniserie, in der auch vier Schauspieler aus dem Prime Time Theater mitspielen, wird die 35-Jährige in zwei Rollen zu sehen sein: als unorthodoxe Hausmeisterin Ulla, ein echtes Weddinger Urgestein mit einer Schale so hart wie die Tür des Berghains, aber butterweichem Kern – vor allem für ihre Tochter Ratte und für saftige Döner – und als hippe Prenzl­bergerin Penelope, die sich zwar nicht so für Fleisch, aber für Aromatherapien und Schwitzyoga begeistert. Auch wenn die beiden so gegensätzlich sind wie die Stadtteile, in denen sie wohnen, haben sie eines gemeinsamt: Sie sind Schwestern. Nur ahnen sie davon nichts – bis ihre Kinder auf die gleiche Schule gehen. Da sind nicht nur einige Konflikte programmiert, es wird auch ziemlich witzig. Dieser Frontalhumor, der auch vor Kalauern nicht zurückschreckt, hat ihre Weddinger Serie populär gemacht. Denn der liegt Behrends, er treibt sie an – auch im Fernsehen. Dort wechselt sie Dialekte wie Perücken, stapft mal im Fatsuit und mit falschen Zähnen über die Mattscheibe, mal im Minikleid.

„Ich finde es einfach wahnsinnig charmant, über sich selbst lachen zu können“, sagt sie. Sie jongliert mit Klischees, tanzt auf der Kante zum Schablonenhaften. Aber sie stürzt nie ab, rettet sich immer mit einem kessen Spruch und ein wenig Herz. Behrends will weder sich noch eine ihrer Rollen zu ernst nehmen. Wer ihr Theater kennt, weiß, Komik ist der Motor ihrer Figuren, Selbstironie deren Benzin.

„Gut beobachten und dann liebevoll parodieren“

Daran wäre das mit dem Fernsehen fast gescheitert. Denn Behrends Stücke sind überzeichnet und schrill, leben von Live-Atmosphäre und Publikumsnähe. Wie also soll man das ins Fernsehen bringen – ohne Charme und Witz einzubüßen? Behrends klopfte immer wieder an alle möglichen Türen, um ihr Wedding von der Bühne ins Fernsehen zu heben. Als sich der RBB auf diesen Pilot einließ, schrieb Behrends ein Jahr lang an den Drehbüchern, verdichtete die Theatervorlage zu einer Geschichte. „Das ist für mich das Tollste“, sagt sie und fährt mit den Händen durch die Luft, „dass jetzt die Dinge, die ich schreibe, so real werden.“

Klar, ihr fehle nun schon ein bisschen die direkte Reaktion des Publikums aus dem Theater, dieses Lachen oder Weinen – denn ja, auch das hat es schon gegeben: Als Behrends die wurstvernarrte Ulla gibt und ihrer Tochter ihre Liebe gesteht, da werden Tränen im Publikum verdrückt. „Wenn du jemanden parodierst, musst du ihn lieben oder hassen“, sagt Behrends, die bereits bei „Switch Reloaded“ als mordlustige Xena-Imitation kämpfte, bis der Lendenschurz wackelt.

Ihre Weddinger Originale, man ahnt es schon, die liebt sie. Ideen für Figuren, die Ullas und Penelopes, greift sich Behrends aus ihrer Realität. „Gut beobachten und dann liebevoll parodieren“, nennt sie ihr Arbeitsprinzip. Das mache sie so, seit sie denken kann, es gehöre irgendwie zur Familientradition, auch ihre Eltern aus Sachsen-Anhalt seien gute Parodisten. „Eigentlich kommt es aber nur darauf an, dass man die Menschen damit berührt“, sagt sie und schaut auf ihre Hände, „und eine Botschaft überbringt. Meine wäre: Am Ende wird alles gut.“

„Gutes Wedding, schlechtes Wedding“
RBB, 27., 28., 29. 12,.22.15 Uhr, 30.12. 22 Uhr

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