Kultur

„Auch traurige Gefühle sind schöne Gefühle“

Nach ihrer Edith-Piaf-Hommage widmet sich Chansonsängerin Patricia Kaas wieder eigenen Liedern. Die neue Platte ist äußerst zeitgemäß geraten

Die neue Platte heißt so wie sie selbst, einfach „Patricia Kaas“. Das zehnte Studioalbum ist nicht nur das erste mit neuen Songs seit 13 Jahren, sondern auch ein künstlerischer Neuanfang. Man hört ihm den frischen Biss zu jeder Sekunde an. Patricia Kaas, die 1988 mit dem Debüt „Mademoiselle chante le blues“ groß rauskam, klingt etwas rauer, weniger poliert als früher, das Herbe, Ernsthafte der neuen Lieder steht ihr vorzüglich. Wir treffen Kaas (50), die im französischen Forbach an der deutsch-französischen Grenze aufwuchs, in Straßburg. Hier in der Elsaß-Metropole in einem mehr als hundert Jahre alten kommunalen Schwimmbad hat sie auch das Video zu ihrer heiteren Single „Madame tout le monde“ gedreht.

Frau Kaas, was darf man sich unter einer „Madame tout le monde“ vorstellen?

Patricia Kaas: Ich würde den Ausdruck mit „Eine Frau wie du und ich“ übersetzen, oder, etwas weniger charmant, mit „Allerweltsfrau“.

Sehen Sie sich so?

Das ist eher ein Chanson für alle Frauen, mich eingeschlossen. Das Lied ist ein bisschen feministisch. Es geht darum, dass die Gesellschaft von uns Frauen wirklich sehr viel verlangt. Wir sollen Erfolg im Beruf haben, eine gute Partnerin sein, Sport treiben. Man muss Mutter sein, man muss verführerisch sein, man muss hübsch sein. Diese Ansprüche können einen zuweilen überfordern.

Verlangt die Gesellschaft viel oder zu viel?

Sie verlangt viel. Ob es zu viel ist, muss jede Frau selbst für sich bestimmen. Das Leben hat sich für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten stärker verändert als für Männer. Ich bin der Ansicht, für eine Frau ist es insgesamt schwieriger als für einen Mann.

Sind Sie eine Feministin?

Ich habe meine Meinungen und Ansichten, aber eine Feministin bin ich nicht. Ich gehe nicht auf die Straße und kämpfe für die Rechte der Frauen.

„Madame tout le monde“ ist ein sehr lebensfrohes, leichtes, Lied. Aber es ist nicht typisch für „Patricia Kaas“. Sie singen über viele ernste Dinge. „La maison en bord de mer“ behandelt das Thema Inzest, in „Cogne“ geht es um häusliche Gewalt gegen Frauen, das dunkle „Marre de mon amant“ ist im Original von der belgischen Singer/Songwriter-Legende Arno.

Ich musste erst die Frau werden, die ich heute bin, um ein solches Album machen zu können. Das heißt, eine Frau mit all ihren Erfahrungen, ihren Höhepunkten und Tiefschlägen. Seit etwa zwei Jahren fühle ich mich besser in meinem Kopf und auch in meinem Körper. Ich habe deutlich an Selbstvertrauen gewonnen und fühlte mich bereit, auch Themen anzusprechen, die man gern hinter verschlossenen Türen lässt.

Was ist denn passiert, dass Sie sich bis vor zwei Jahren schlecht fühlten?

Ich konnte nicht mehr. Ich hatte einen Burn-out. Bis vor zehn Jahren hatte ich das Gefühl, mein Leben ist einigermaßen ausgeglichen, ich war auch noch jünger und vielleicht belastbarer. Aber dann kam es mir so vor, als würde ich praktisch blind nach vorne laufen. Ich konnte kaum noch etwas spüren, was in meinem Inneren war. Dazu kam, dass ich in den vergangenen Jahren viele emotionale Projekte mit sehr viel Arbeit und langen Tourneen hatte: die Coveralben „Kabaret“ (2009) und „Kaas chante Piaf“ (2012), eine Autobiografie sowie einen Film, in dem ich eine Mutter spielte, die ihre Tochter verliert. Das alles hat mir so sehr zugesetzt, dass ich am Ende zu nichts mehr Lust hatte, mich leer und elend erschöpft fühlte.

Was haben Sie unternommen?

Ich bin konstruktiv vorgegangen. Ich habe mir direkt Hilfe gesucht und zum Glück fand ich die Hilfe auch schnell. Manchmal schafft man es nicht allein. Es gibt Momente im Leben, in denen braucht man eine Schulter, an die man sich lehnen und seinen Kopf darauf legen kann. Selbst zu erkennen, dass man auch Schwäche zeigen darf, das war eine wichtige Erfahrung für mich.

Warum fiel Ihnen das so schwer?

Mein Vater war Grubenarbeiter. Bei uns zu Hause belastete man die anderen nicht mit seinen Gefühlen. Man redete nicht darüber, wenn es einem schlecht ging, man beklagte sich nicht, man funktionierte. Sich Hilfe zu holen in seelischer Not war für mich etwas Ungewohntes.

Wie haben Sie konkret aus der Krankheit herausgefunden?

Ganz klassisch. Mit einer Therapie bei einer Person, der ich vertraute. Mit Reden und mit Medikamenten. Durch die Behandlung habe ich einen besseren, einen klareren Blick auf mich selbst bekommen. Als ich wieder gesund war, fühlte es sich an wie ein neuer Start in mein Leben. Wie ein kleiner Neuanfang.

Ihr neues Album ist das modernste seit Langem. Die Produzenten Fink und Jonathan Quarmby kommen eher aus dem Indie-Pop-Bereich. Wollten Sie nach der Beschäftigung mit den Legenden wie Edith Piaf mal wieder etwas Zeitgemäßes machen?

Das Album ist für mich ein Mittelding zwischen den eleganten Chansons, die die Leute von mir kennen, und einem Ansatz, den ich mal als „alternativen Chanson“ bezeichnen möchte. Ich wollte Lieder singen, die nicht so gelackt sind. Ich wollte mehr riskieren. Vor Jahren hätte ich Angst gehabt, solche Produzenten zu fragen. Aber zeitgemäß war auch das, was ich mit Piaf gemacht habe. Dennoch hatte ich nach zwei Hommagealben wieder sehr, sehr große Lust, etwas Eigenes zu machen.

Der Song „Le jour et l’heure“ ist von den Anschlägen in Paris vom November 2015 inspiriert. Wo waren Sie an dem Abend?

In einem Restaurant in der Nähe meiner Wohnung, zusammen mit einer Freundin. Wir bekamen zunächst nichts mit, erst als wir rausgingen und auf unsere Handys schauten, sahen wir, dass praktisch ein Krieg in der Stadt ausgebrochen war. Ich wohne in der Nähe des Élysée-Palastes, überall war abgesperrt, ich brauchte ewig bis nach Hause. Ich habe dann bis zum nächsten Morgen Fernsehen geschaut.

Hat sich Ihr Leben seitdem geändert?

Nach einer bestimmten Zeit musst du Abstand gewinnen, sonst wirst du verrückt. Dann kam ja noch dieses Nizza-Attentat im Sommer. Die Menschen sagen „Das Leben geht weiter“ – damit bin ich total einverstanden. Ich habe keine Angst.

Das neue Album endet mit dem hymnischen Lied „Ma tristesse est n’importe où“, also auf Deutsch „Meine Traurigkeit ist irgendwo“. Haben Sie Ihren Frieden mit der Traurigkeit gemacht?

Das habe ich. Die Traurigkeit lebt in mir, und dennoch ist das kein trauriges Lied. Meine Melancholie ist meine schönste Narbe. Ich spüre, dass sie da ist, aber ich möchte nicht, dass man sie mir wegmacht. Auch traurige Gefühle sind schöne Gefühle.

Die Platte: „Patricia Kaas“, Richard Walter Entertainment, 14,99 Euro.Das Konzert: Patricia Kaas tritt am 4. April 2017 im Tempodrom auf.