Schlosspark Theater

Anita Kupsch gibt in "Harold und Maude" die Anarcho-Oma

In Dieter Hallervordens Schlosspark Theater feiert die Theaterfassung des Kultfilms "Harold und Maude" Premiere.

Johannes Hallervorden und Anita Kupsch in der Komödie "Harold und Maude"

Johannes Hallervorden und Anita Kupsch in der Komödie "Harold und Maude"

Foto: Schlosspartktheater / DERDEHMEL/Urbschat / x

Sie ist fast 80, lebt in einem Wohnwagen und liebt Champagner („schadet nicht, is‘ organisch“). Jüngeren Geschlechtsgenossinnen, also fast allen, empfiehlt sie: „Jeden Tag einen Kopfstand, das ist gut fürs Gedächtnis. Und für den Busen.“ Sie mopst Robben aus dem Zoo und Autos von der Straße. Diese Frau ist der Wahnsinn. Und Anita Kupsch in dieser Rolle eine Wucht.

Am Sonnabend feierte sie als „Maude“ in Dieter Hallervordens Schlosspark Theater Berlin-Premiere mit der Theaterfassung des Kultfilms „Harold und Maude“. An ihrer Seite: Johannes Hallervorden, Sohn des Hausherrn, in seiner ersten großen Bühnenrolle. Der ist gerade 18 geworden und damit genauso alt wie der Harold, den er spielt. Harold ist ein reichlich makabres Bürschchen mit rabenschwarzem Gemüt. Bereits 38 Mal hat er, nach eigenen groben Berechnungen, seinen Selbstmord inszeniert. Natürlich nur zum Schein, es geht ihm um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen, vor allem der seiner Mutter.

Die allerdings nimmt es inzwischen kaum noch zur Kenntnis, wenn er mal wieder mit einem Strick um den Hals von der Decke des Nebenzimmers baumelt. Als ihn der von Mutti bestellte Psychologe fragt: „Was tun Sie, wenn Sie sich einfach mal amüsieren wollen?“, da antwortet Harold: „Dann gehe ich zu Beerdigungen“. Auf dem Friedhof trifft er auch auf Maude. Man kommt ins Plaudern zwischen den Grabreihen und versteht sich prächtig. Von ihr, der fast 80-Jährigen, lernt er das Leben zu lieben. Und verliebt sich in sie.

Anarcho-Oma mit Pippi-Langstrumpf-Charme

Das ist wunderbarer Stoff, schwarzhumorig und morbid, aber doch auch lebensprall, wenn man ihn denn richtig zu nehmen weiß. Anita Kupsch weiß das, ihre Maude ist eine Anarcho-Oma mit Pippi-Langstrumpf-Charme. In Latzhose und mit unverwüstlichem Optimismus macht sie sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Dass das wiederum den anderen nicht immer gefällt, ist ihr herzlich schnuppe.

Kupsch, selbst 76 Jahre alt, findet mit leichtem Berliner Zungenschlag den perfekten Tonfall für diese schrullige Alte, sie ist patent statt pathetisch, exzentrisch aber nicht exaltiert. Eine Frau, mit der man Pferde stehlen möchte. Oder eben Robben. Und das Tollste: Sie spielt das alles mit einer ganz wunderbaren Zurückgenommenheit, sie gibt hier nicht die Rampensau, ist im Gegenteil fast zart, lakonisch und genau dadurch irre komisch.

Viel komischer als die anderen Figuren, denen Regisseur Manfred Langner leider krachende Übedeutlichkeit abverlangt. Da ist die Upperclass-Übermutter, die mit Smartphones und Botox-Teminen jongliert, der schmierige Kommissar, der steife Pater. Und drei heiratswillige Damen, die Mama bei einer Partnervermittlung organisiert hat. Eine schlimmer als die andere. Auf der Drehbühne, die auf einer Seite Maudes Wohnwagen zeigt und auf der anderen mittels Videoprojektionen alle weiteren Handlungsorte, liefern sie ein übertrieben schräges Rahmenprogramm für unser ungleiches Paar.

Im Parkett rascheln vor Rührung die Taschentücher

Der junge Hallervorden und die deutlich kleinere, aber bühnengroße Kupsch, sie harmonieren gut, wobei der Unterschied an Bühnenerfahrungsjahren natürlich nicht zu übersehen ist. Seine Figur entwickelt, obwohl auch er schön zurückgenommen spielt, nicht ganz die Tiefe, die sie haben könnte. Dennoch sind jene Szenen, in denen die beiden ganz für sich allein sind, ohne ihre irrsinnige Entourage, die schönsten des Abends.

Ganz am Schluss, da rascheln im Parkett vor Rührung sogar die Taschentücher. Maude hätte das vielleicht gefallen, denn kurz vorher hatte sie uns ja noch eingeimpft: „Das Wichtigste im Leben ist, dass man sich niemals schämt, menschlich zu sein.“

Wieder 29.11. und 6. bis 8.12., 20 Uhr, Schlosspark Theater, Schloßstr. 48. Kartentel.: 789 56 67 100