Panikrocker-Buch

Stuckrad-Barre huldigt Udo Lindenberg mit Biografie

Eine chaotische Biografie in Schlagworten: Benjamin von Stuckrad-Barres Hommage an Udo Lindenberg.

Unterwegs im Tourbus: 1985 will Udo Lindenberg auf Tour durch die DDR gehen. Doch die Einreise wird ihm nicht gestattet.

Unterwegs im Tourbus: 1985 will Udo Lindenberg auf Tour durch die DDR gehen. Doch die Einreise wird ihm nicht gestattet.

Foto: Udo Lindenberg Archiv / x

Er war das Wunderkind der deutschen Popliteratur der 90er-Jahre. Benjamin von Stuckrad-Barre war Redakteur beim Musikmagazin „Rolling Stone“, Gagschreiber für Harald Schmidt, Shootingstar der Generation Golf mit seinem ersten Buch „Soloalbum“. Er wurde gefeiert und hofiert, es folgten Größenwahn, Versagensängste und der Fluchtpunkt Alkohol und Kokain. Und die Rettung durch Udo Lindenberg.

Das jedenfalls erfuhr man Anfang des Jahres in seinem autobiografisch gefärbten Roman „Panikherz“, in dem Stuckrad-Barre auf für den Leser geradezu voyeuristische Weise von Sucht und Selbstrettung erzählt, von seiner Verführbarkeit und der immer enger und rettender werdenden Bekanntschaft mit Udo Lindenberg.

Stuckrad-Barre ist bekennender Lindenberg-Fan, seit er als 12-Jähriger sein erstes Lindenberg-Album hörte. Auf Tonband-Kassette. Immer und immer wieder. Er ist repertoirefest. Nun hat er mit „Udo Fröhliche! Das Lindenberg-Lexikon von Alkohol bis Zigarre“ eine Art Biografie über seinen Freund und sein Idol veröffentlicht, herausgegeben von Kai Diekmann und erschienen als „Bild“-Buch im Axel-Springer-Verlag. Ein charmant chaotisches Sammelsurium an Texten, Bildern und Dokumenten, an Krickeleien, Erinnerungen und Devotionalien. Lose sortiert nach Schlagworten wie „Bildung“, „Eierlikör“, „Gitarren statt Knarren“ oder „Träume“.

„Vieles wusste ich selbst gar nicht mehr so genau“, schreibt Lindenberg auf dem Klappcover. „Scheint ja ein interessanter Vogel zu sein, dieser Udo-Gerhard Lindenberg.“ Ja, es gibt auch das Stichwort „Gerhard“, in dem man erfährt, wie nah an Lindenberg seine Alter Egos wie „Gerhard Gösebrecht“ oder „Gerhard Gnadenlos“ sind. Und dass er in seiner Kindheit weder Udo noch Gerhard, sondern Matz gerufen wurde.

Wer schon immer einmal wissen wollte, was es mit der glücklich machenden Wirkung von Eierlikör auf sich hat, warum Socken neongrün sein müssen und wie die Parole lautet, um zu Lindenberg ins Hamburger „Hotel Atlantic“ – seine Home Base – eingelassen zu werden, wird von diesem mehr als 200 Seiten dicken Schmöker bestens befriedigt.

Dresscode ist doch nur etwas für Uniformfreaks

Und es gibt jede Menge Lindenbergsche Ratschläge. „Den Knigge kannste knicken“, zitiert der Autor seinen Lindenberg. „So Edeltrantüten-Wissen, welche Farbe Schuhe haben sollen oder wie genau man das Besteck hält, ist alles völlig egal, solange man das Steakmesser nicht unbedingt in den Sitznachbarn reinsteckt. Und Dresscode ist nur was für Uniformfreaks, aber wenn du bei der Identitätssuche erfolglos warst, hilft dir auch ne bestimmte Jacke oder Hose nicht weiter.“ Freistil nennt Udo es, wenn irgendetwas außer Kontrolle gerät. Und er regelt Unstimmigkeiten und Problemchen auf seine Weise. Udomäßig eben. Freistil im Denken, in der Musik und in der Sprache, das ist Lindenbergs Universum.

Im Kapitel „Einflüsse“ outet Stuckrad-Barre das Objekt seiner Begierde als professionellen Ideen-Dieb. „Wie jeder Künstler klaut auch Udo Lindenberg bei anderen, das ist ein Grundprinzip jeder Kunst“, heißt es da. Doch mache er das mit einer geradezu unwissenden Unschuld. Wenn er singt „Alte Männer sind gefährlich, denn die Zukunft ist egal“ schnalze der George-Bernard-Shaw-Leser kenntnisreich mit der Zunge, aber Udo Lindenberg sei gar kein George-Bernard-Shaw-Leser. Udo lese lieber nicht so viel, erfahren wir, er habe früh damit aufgehört, wollte lieber „selbst loslegen, Augen zu und durch, ne?“

Das Buch ist eine Biografie in Schlagworten. Im Album-Stil präsentiert es neben Fotografien auch Notizen des Musikers, Entwürfe für Songtexte auf Bierdeckeln, Schulzeugnisse oder auch ein Memorandum an das Personal des „Hotel Atlantic“. „Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen“, ist da zu lesen. „Nach Absprache mit Herrn Lindenberg gilt ab sofort folgende Regel: Auf ausdrücklichen Wunsch bekommt er Bier und/oder Wein serviert. Spirituosen und hochprozentige Getränke aller Art dürfen weiterhin nicht ausgeschenkt werden.“

Lindenberg und Stuckrad-Barre hatten beide ihr kreatives, von Drogen benebeltes Tief, als sie aufeinandertrafen. Durch Lindenberg, so bekennt Stuckrad-Barre, kam er wieder auf die Beine. Beide verbrachten viel Zeit miteinander und Stuckrad-Barre hat eine Menge an Informationen über seinen Retter aufgetürmt. Es wirkt wie das Sammelalbum eines Fans, der seine Schätze vor aller Welt ausbreitet.

Das Buch endet mit der nur zweiseitigen Abteilung „Wortschöpfungen“ von Abtörnstadt bis Zurückhalte-Feeling und der Gewissheit, dass der Zigarren rauchende 70-Jährige dem Sensenmann die Gefolgschaft mit einem coolen „Sorry, ich kann hier noch nicht weg“ weiterhin verweigert. „Heaven can wait, ne?“ Und keine Panik: Auch im kommenden Jahr ist er unterwegs. Die Berliner Waldbühne ist für den 2. und 3. Juni bereits fest gebucht.

Benjamin Stuckrad-Barre: „Udo Fröhliche! Das Lindenberg-Lexikon von Alkohol bis Zigarette“, Axel Springer Verlag, 224 S. mit zahlreichen Abbildungen, 14,90 Euro