Der neue Berliner Theaterbau wird über eine besondere Eigenschaft verfügen: Wie ein Flugzeug lässt er sich aus dem Hangar hinaus schieben aufs Tempelhofer Feld. Im Hangar stehend haben bis zu 1000 Besucher darin Platz, draußen auf dem Feld können sogar noch mehr Menschen die Aufführungen rund um das spektakuläre Theatermobil verfolgen. Chris Dercon, der künftige Intendant der Volksbühne, plant einen temporären Theaterraum im historischen Flughafen Tempelhof. Dort wird im Herbst 2017 eine neue Spielstätte, ein Satellit, wie er es selber nennt, außerhalb der Volksbühne eröffnet. Jetzt liegen die ersten Modelle des Architekten Francis Kéré dafür vor.
Wobei sich Dercon, der im kommenden Jahr die Berliner Theaterlegende Frank Castorf als Chef der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ablösen wird, im Moment noch gar nicht weiter zu dem Satelliten-Theater äußern möchte. Das mag verschiedene Gründe haben. Bislang schlug Dercon, der als Museumsdirektor das Haus der Kunst in München und zuletzt die Tate Modern in London leitete, viel Ablehnung in Berlin entgegen, und da war der künftige Theaterdirektor noch gar nicht zugegen. Seit September residiert Dercon nun in Berlin, gleich hinter der Volksbühne. Seither spinnt er seine Netzwerke, äußert sich öffentlich aber kaum. Seine Pläne will er erst vorstellen, wenn sie wasserdicht sind. Das soll Anfang kommenden Jahres sein. Dazwischen stehen auch die Treffen mit dem frisch gekürten Berliner Kultursenator Klaus Lederer von den Linken.

Es gibt Gesprächsbedarf, vor allem auch über Finanzierungsfragen. Wie teuer das wird und wer das bezahlt, ist noch unklar. „Wir wollen den Entwurf für ein Satelliten-Theater auf Tempelhof von Francis Kéré in einem gemeinsamen Prozess mit allen Beteiligten weiterentwickeln und verwirklichen“, sagte Dercon am Mittwoch. „Über die Finanzierung des Entwurfs sind wir mit mehreren Partnern im Gespräch.“ Das Eröffnungsprogramm für den Flughafen Tempelhof im kommenden Herbst solle aber unabhängig von den Verhandlungen stattfinden.
Erste Entwürfe in der Pinakothek der Moderne
Dass das Theatermodell bereits jetzt in München in die Öffentlichkeit gelangt, hängt allein mit Francis Kéré zusammen. „Ich habe den Auftrag, ein mobiles, temporäres Theater zu entwickeln“, sagte er am Mittwoch bei der Präsentation seiner Werkschau „Francis Kéré. Radically Simple“ in der Pinakothek der Moderne. In der Ausstellung präsentiert der aufstrebende Architekt alles mögliche und eben auch sein Berliner Theatermodell. „Diese Initiative markiert ein neues Kapitel in der komplexen und wechselhaften Geschichte des 93-jährigen Flughafens“, heißt es in den Informationen zur Münchner Ausstellung. Seit Oktober 2015 hätten mehr als 8000 Menschen, die vor den Kriegen im Nahen Osten und anderen globalen Konflikten geflüchtet sind, in den Hangars des ehemaligen Flughafens Quartier gefunden. Ursprünglich war die Inbetriebnahme der Hangars 5 oder 6 durch die Volksbühne geplant, dann kam der schnelle Bedarf als Flüchtlingsunterkunft dazwischen. Hangar 1 kam ins Gespräch. Jetzt wird sich Kérés amphitheaterähnliche Bühne wohl in Hangar 5 einquartieren.
In der Berliner Theaterszene ist Francis Kéré bereits durch ein anderes ungewöhnliches Projekt bekannt geworden. Der 1965 in Burkina Faso geborene Architekt hat in seiner Heimat Schulen und das Operndorf des 2010 gestorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief gebaut. Das Operndorf in Afrika hat genau genommen nichts mit Oper in der abendländischen Tradition zu tun, es ist ein Sozialprojekt, in dem Künstler von einem friedlichen und kreativen Miteinander träumen. Kéré plant außerdem den Neubau des Parlamentsgebäudes in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, das im Oktober 2014 während der Revolution in dem Land niederbrannte. Der Architekt sagte am Mittwoch: „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es hundertprozentig.“ Zu Kérés Biografie gehört, dass er als Jugendlicher der westafrikanischen Tradition entsprechend einige Wochen allein im Wald verbringen musste. Das schärft die Sinne für das Drinnen- und Draußen-Sein, für die Bedürfnisse des Überlebens in einer sozialen Gemeinschaft. Architektur studierte er an der Technischen Universität, Berlin ist seine Wahlheimat. Kéré gilt mit seiner nachhaltigen Bauweise, die auf Wohlstandsattribute verzichtet, als einer der wichtigsten Vertreter einer sozialen Architektur.
Auf den Spuren der historischen Luftfahrt
„Inspiriert von den zahlreichen Spuren der historischen Luftfahrt, ist das Satelliten-Theater als bewegliches Objekt gestaltet“, heißt es in der Münchner Ausstellung, „das sich gegen die kolossalen Dimensionen des Flugzeughangars behaupten kann.“ Die modulare Bühne sei für experimentale Theater- und Tanzaufführungen, Performances und Konzerte geeignet. Die neue Bühne steht gleichsam für Dercons Betreibermodell, das die Gleichberechtigung der Sparten und Ausdrucksformen erreichen will. Dercons Kritiker fürchten, die Volksbühne verkomme zur „Eventbude“. Das Satelliten-Theater im Tempelhofer Flughafengebäude ist ein Vorzeigeprojekt der neuen Volksbühne. Die ersten Bilder sind vielversprechend.


