Roland Jahn hat Wolf Biermann mit 30 Jahren kennengelernt. Da lebte der Liedermacher bereits in der Bundesrepublik. Jahn, Mitbegründer der oppositionellen Friedensgemeinschaft Jena, war 1983 ausgewiesen worden. Seither sind die beiden Freunde. Jahn ist seit 2011 Bundesbeauftragter der Stasi-Unterlagen-Behörde.
Wann genau weiß man, dass ein Mensch, der den Lebensweg kreuzt, für das eigene Schicksal bedeutsam ist? Dass er ein Freund wird. Eine Stütze für das eigene Leben. Eine Kraft, ohne die das eigene Leben fundamental anders verlaufen wäre. Es ist ein Glück, diesen Menschen zu begegnen. Wie selten würdigt man diesen Umstand und freut sich daran und lässt diesen anderen Menschen daran teilhaben? 80 Jahre wird Wolf Biermann nun alt. Dies ist meine Gelegenheit, ihm in aller Öffentlichkeit sagen zu können, was er im Leben anderer und in meinem Leben bewirkt hat. Eine kleine, sehr persönliche Hommage, die ich vermutlich ohne eine Anfrage von außen nicht zu Papier gebracht hätte. Aber umso lieber nutze ich diese Chance.
Wolf Biermann ist eine Naturgewalt und ein kluger Kopf, inspiriert und inspirierend. Mit ungeheuer viel Charme, Witz und Charisma. Mit einer Überzeugung, die ansteckt. Ein Freund, der großzügig ist und viel zu geben hat. Doch das alles konnte ich nur ahnen, als ich zum ersten Mal seine Lieder hörte. Da war er mein Idol. So wie Rio Reiser oder Mick Jagger meine Idole waren, Anfang der 70er-Jahre, als ich 18 war. Ich war ein Kind der DDR, geboren im Juli 1953, kurz nach dem niedergeschlagenen Aufstand. Meine Jugend verbrachte ich, wie so viele, in einem Spagat zwischen Anpassung an das vom SED-Staat Verlangte und dem Widerspruch, den ein junger Mensch an die Gesellschaft um ihn herum anmeldet. „Warte nicht auf bessr’e Zeiten“. Biermann hatte das in Worte und Lieder gefasst, was wir gedacht und gefühlt haben. Wir haben es auf zigfach überspielten Kassetten in unseren Jugendzimmern und auf Party-Abenden gehört.
Es war die Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976, vor 40 Jahren, die auch für mich zu einem Einschnitt im Leben wurde. Seine Kritik am Sozialismus hatten wir alle gut verstanden. Seine beißenden und treffenden Bemerkungen zu den verstaubten Politbüro-Kadern sprachen uns aus der Seele. Als ihn die SED dann aber hinterrücks aus dem Land warf, fühlte ich mich herausgefordert. Ich wollte mein Idol nicht verraten. „Nimm dir die Freiheit, sonst kommt sie nie.“ Nach meiner Kritik an der Ausbürgerung folgte der Ausschluss vom Studium. „Wegen so einem blöden Liedermacher versaust du dir deine Zukunft“ sagte mein Vater damals. Aber für mich ging es um mehr. Darum, dass ich meine Meinung nicht mehr verstecken wollte. Wolf Biermanns Ausbürgerung war der Anlass, der mir ein Bekenntnis abverlangt hatte. Und tatsächlich gab mir Wolf Biermann auch die Kraft, das was später kam, auszuhalten. „Du, lass dich nicht verbittern, in dieser bitt‘ren Zeit. Die Herrschenden erzittern – sitzt du erst hinter Gittern – doch nicht vor deinem Leid.“ Diese „Ermutigung“ war für ungezählte politische Gefangene der DDR ein Rettungsanker in der finsteren Zeit der Haft. Als stumme Gedanken in der Zelle, als Gefangenenchor im Knast.
Ich war gerade 30 Jahre alt, als ich meinem Idol Wolf Biermann dann zum ersten Mal begegnete. Da hatte die DDR auch mich aus dem Land geworfen. Und plötzlich war ich hinter der Mauer, die mich nun von meiner Familie und meiner Heimat trennte. Wenige Tage im Westen lud mich Wolf Biermann auf Vermittlung meines Freundes Jürgen Fuchs nach Hamburg ein. Aufgeregt stand ich vor ihm, vor dem Mann, der mein Leben so beeinflusst hatte. Und was machte er? Er ließ mich erzählen, schenkte Kaffee ein und sagte: „Bleib jetzt einfach mal hier und komm zur Ruhe.“ Und ich blieb, ganze zwei Wochen, und wurde Teil der Biermann-Familie. Wir radelten durch Hamburg, fuhren an einen See im Umland, saßen lange Abende am Küchentisch. Wolf zeigte mir das Leben im Westen und begriff ganz ohne Worte die Verwirrung und den Schock der Entwurzelung, der mit jedem Tag nach meinem Rauswurf wuchs. Er war einfach da, ohne Druck, mit einem wissenden Blick und mit Freude an meiner Präsenz in seinem Leben. Vielleicht war das der Moment, wo aus dem Idol ein Freund wurde. Ein Urvertrauen in den anderen war entstanden. Ich wusste einfach, dass Wolf fortan für mein Leben jemand war, an den ich mich wenden konnte, wenn ich ihn brauchte.
Überrascht hatte es mich, zu sehen, dass sein Leben in Hamburg ganz bescheiden war. Vorzeige-Konsum in Form von Autos oder Besitztum war ihm egal. Und selbst das Haus, das ihm nun gehörte, war ein Mittel zum Zweck. Der Zweck hieß, ein Dach für viele zu bieten. Wolf Biermanns Haus war immer offen, für alle die es brauchten. Er hat sie unterstützt, die vielen, die vor mir und nach mir kamen, aus den Gefängnissen der Stasi und den deutsch-deutschen Freikäufen. Erst viele Jahre später habe ich die Einsicht gewonnen, dass meine Überraschung über sein Hamburger Leben vielleicht auch mit einer Stasi-Strategie zu tun hatte. Noch in Jena hatte ich nach dem Rauswurf immer mal wieder Gerüchte gehört, darüber dass Wolf Biermann sich im Westen ein schönes Leben machen würde, dass er ein schickes Haus habe und sich nicht mehr für die anderen in der DDR interessiere. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Das Haus war eines für uns, die aus der DDR Vertriebenen, und die Erinnerung an alle Zurückgebliebenen hatte immer eine Präsenz. Das Gerücht über sein „schickes Leben im Westen“ und dass er uns vergessen habe – eine böswillige Verleumdung.
Rückkehr in die DDR für ein Konzert
Wir gingen weiter unserer Wege, verbunden aber in dem Wissen um einander und der gemeinsamen Vision, dass die Mauer irgendwann fallen würde und wir beide wieder in die DDR zurückkehren könnten. Ein Zufall war es also nicht, dass wir diesen Moment gemeinsam erlebten. Am 1. Dezember 1989 war es so weit. Wolf Biermann durfte nach 13 Jahren wieder „legal“ in die DDR einreisen und ein Konzert geben. Doch dieser Moment war keiner, den er als alleinigen Triumph genießen wollte. Eine Zusage zum Auftritt gab er, unter der Bedingung, ein paar Freunde mitzubringen. So fuhren Jürgen Fuchs, Wolfs Frau Pamela, seine Mutter Emma und auch ich an jenem Freitag im Dezember nach Leipzig. Es war fürchterlich kalt in der Messehalle und Wolfs Gesang hätte eine bessere Akustik verdient. Aber über jenem Abend strahlte eine Sonne. Dass Wolf Biermann in der DDR wieder singen konnte, war der sichtbarste Ausdruck, dass die Zeiten sich geändert hatten. Es war für uns alle ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Eine tiefe Verbundenheit, die auf ewig lebt.
Als Idol kam er in mein Leben und wurde zum Ratgeber und Freund. Wortgewaltig findet er die Worte, die mir fehlen, um die Welt besser zu beschreiben. Er ist ein Mutmacher, der für seine Überzeugung gegen jeden Strom schwimmt. Mein Leben wäre ohne Wolf Biermann anders verlaufen, ärmer und weniger einsichtsvoll. Und vielleicht auch mit weniger Glauben an die Menschheit. Danke dir, mein Lieber! Bleib uns noch lange erhalten.

