Kultur

Henkersknoten und reichlich Tee: Die Türkei im Gorki Theater

In „Love it or leave it!“ nimmt Hausregisseur Nurkan Erpulat sein Geburtsland auseinander

Man hört die Löffel in der Stille klirren, wenn sie an die kleinen Gläser schlagen. Ab und an schlürft jemand geräuschvoll. Abwarten. Tee trinken. So klingt in Nurkan Erpulats Inszenierung „Love it or leave it!“ die Türkei. Und wie sieht sie aus? Ziemlich ungemütlich. Im Boden des Zimmers, in dem die Familie ungerührt ihren Tee einnimmt, klafft ein großes, dampfendes Loch. Der Teppich ist halb heruntergerutscht. Von der Decke baumelt ein Seil mit Henkersknoten. Einer Frau, die ihr Kleid passend zu den rot-weißen Nationalfarben der Türkei gewählt hat, liegt die Schlinge schon um den Hals. Später wird sie versuchen, so von einem Stuhl zu springen, doch der Strick gibt nach. So einfach ist das nicht mit dem Aufgeben.

Regisseur Nurkan Erpulat ist in Ankara geboren, seit Ende der 90er-Jahre lebt er in Berlin, inzwischen ist er Hausregisseur am Gorki Theater. Mit Tunçay Kulaoğlu (Dramaturgie) und Emre Akal (Text) stellt er jetzt die Frage, die für viele seiner Landsleute fast täglich dringlicher wird: Love it or leave it – das Land lieben oder es verlassen? Auf die aktuellen politischen Entwicklungen bezieht er sich dabei kaum. Erpulat interessiert sich für die Strukturen, die dazu führten, dass es so weit kommen konnte, er erforscht die gesellschaftliche DNA des Landes im Wohnzimmer.

Ein solches steht auf der Bühne, mit Bett und Schreibtisch und einem Harmonium am Rand. Als der Tee endlich ausgetrunken ist, wird gesungen. Immer wieder diese eine düster-melancholische Zeile aus einem Song der Doors: „This ist the end, my beautiful friend“. Fast eine halbe Stunde zieht sich dieser Einstieg.

Was danach kommt, entschädigt leider kaum. Sicherheitshalber wurde das Ganze als „Projekt“ angekündigt. Der Abend entwickelt sich also als lose Szenenfolge, deren Zusammenhalt vor allem darin besteht, aufzuzeigen, dass wir es mit einem Land zu tun haben, in dem patriarchalische Strukturen, gepaart mit allgemeiner Unterwürfigkeit, die Menschen prägen. Ein Fabrikbesitzer taucht auf, der seinen Untergebenen das Blaue vom Himmel verspricht, wofür sie ihm dann tatsächlich den blanken Hintern küssen. Eine Art Imam bringt in einer anderen Szene Vater, Mutter und Kinder in eine Familienaufstellung, bei der der Vater am Ende über allen thront und die Tochter sich unterm Tisch verkriecht.

So reiht sich Szene an Szene, da ist viel Slapstick dabei, sehr viel Leerlauf und eher wenig Analyse. „Türkei, wann werden wir endlich schlau?“, fragt Schauspieler Mehmet Yilmaz dann gegen Ende in einer tollen, wütenden Suada und schaut dabei von außen durch ein Fenster in das Wohnzimmer Türkei. Und er hat einen Wunsch: „Ich möchte ein Wanderer sein und lustvoll pfeifend in all deinen Städten herumstreifen, friedlich und tugendhaft, meine Menschenrechte zum Verrecken genießend.“ Groß ist die Hoffnung nicht. Am Ende sitzen sie wieder alle nur da und trinken Tee aus klirrenden Gläsern.

Vorstellungen am 23.11. und 23.12., 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Karten-Tel. 20 221 115