Kultur

Ein provozierender Klavierabend in der Philharmonie

Ivo Pogorelich verzerrt, zerlegt und verfremdet die Klassiker

Sibelius‘ berühmter „Valse triste“, mal ganz anders: Nicht als geschmeidiges Salonstück für Orchester, sondern als beklemmender Existenzkampf für Klavier. Mit heftig akzentuierten Dissonanzen und einem Dreivierteltakt, der bis zur Unkenntlichkeit verfremdet erscheint. Ivo Pogorelich wählt diese provozierende Version des „Valse triste“ als Zugabe eines nicht minder provozierenden Klavierabends in der Philharmonie. Er stellt damit einmal mehr seinen Ruf als Enfant terrible der Klassikszene unter Beweis. Einen Ruf, der ihm spätestens seit dem Warschauer Chopin-Wettbewerb 1980 anhaftet. Damals verließ die ehemalige Preisträgerin Martha Argerich wutentbrannt die Jury, weil Pogorelich nicht zum Finale zugelassen werden sollte. Eine glückliche Fügung für den kroatischen Pianisten: Argerichs rigorose Fürsprache öffneten ihm die Türen für eine internationale Karriere; an den eigentlichen Wettbewerbsgewinner erinnert sich heute dagegen kaum noch jemand.

Aber seit dem tragischen Tod seiner Lehrerin und Ehefrau Aliza Kezeradze 1996 gibt es einen neuen Pogorelich: noch extremer, noch unvorhersehbarer. Wirkten seine Interpretationen zuvor trotz aller Exzentrik bis ins kleinste Detail durchdacht und stringent in der Ausführung, tendiert er nun dazu, vieles dem Zufall zu überlassen. Pogorelich entfernt sich so stark vom Notentext, dass sich die Kompositionen kaum mehr wiedererkennen lassen. Die Besucher hören weder Chopins F-Dur-Ballade noch das cis-Moll-Scherzo, weder Schumanns „Faschingsschwank“ op. 26 noch Rachmaninoffs Klaviersonate Nr. 2 op. 36. Vielmehr hören sie Eigenkreationen von Pogorelich, die auf diesen Werken basieren.

Und diese Eigenkreationen entstehen durch drei, vier Verfremdungstechniken, mit denen Pogorelich die Originalwerke gleichsam zerlegt. Bereits in Chopins F-Dur-Ballade ist durch dauerhafte, aber immer unterschiedliche Dehnung der ersten Zählzeit weder Metrum noch Taktart zu erkennen. Wenn Pogorelich möchte, verlangsamt er das Tempo bis zur Superzeitlupe. Das ersterbende Pianissimo scheint seine Spezialität – er verwendet es immer dort, wo er es für angebracht hält. In den kontrastierenden Fortissimo-Passagen hämmert seine Linke dagegen so heftig auf den Steinway ein, dass alles andere im Chaos zu versinken droht.

Nicht minder skurril wirken jene Szenen, die sich daraus ergeben, dass Pogorelich nach Noten spielt. Im Falle der Chopin-Ballade sind es vergilbte Einzelseiten, die der Umblätterer so manches Mal vorm Hinabfallen retten muss. Zwischen den Werken kriecht er zu Boden, um die dort gelagerten Noten aufzuheben und anzureichen. Ob dies nun alles so geplant war, bleibt ungeklärt – ebenso wie die Frage, ob Pogorelich wirklich im Sinn hatte, Schumanns „Faschingsschwank“ im Stil des frühen Strawinsky zu verzerren.

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