Kultur

Die Last eines Ortes

Dokumentafilm widmet sich dem Gelände, auf dem in der NS-Zeit die Gestapo-Zentrale stand

Dem französischen Historiker Pierre Nora verdanken wir den Begriff des „lieu de mémoire“, des Erinnerungsortes. Damit verbindet sich die Idee, Geschichte nicht anhand von Personen oder in streng chronologischer Folge zu erzählen, sondern mit Hilfe der Gegenwart eines Ortes zu vermessen – als Kreuzungspunkt von Personen und Zeit.

Der unbedingt sehenswerte Film „Das Gelände“ von Martin Gressmann, der am Mittwoch in die Kinos kam, beherzigt diese Vorstellung auf selten gesehene, radikale Weise. Das namengebende Areal ist wie wenige andere in Berlin von Geschichte geradezu durchtränkt. Und Geschichte meint hier nicht nur das, was dort viele Jahre geschah, sondern auch, was dort lange nicht geschah. Gemeint ist die an den Martin-Gropius-Bau angrenzende Fläche an der Kreuzberger Wilhelmstraße, wo einst die Gestapo-Zentrale der Nationalsozialisten stand und wo heute eine Dauerausstellung an diesen Ort der Täter erinnert: an die Verbrechen, die von dort aus geplant und begangen wurden.

Nun ist davon schon häufig erzählt worden. Und doch kann Gressmann die Beschäftigung mit dem „Gelände“, auf dem einst das Prinz-Albrecht-Palais stand, um eine wichtige Facette bereichern. Sein Film kreist um die Frage, wie wir mit unserer Geschichte umgehen.

Der Film setzt in den späten 80ern ein. Ein junger Mann, so erfahren wir aus dem Off, kommt nach Berlin und tritt in Dialog mit seiner Großmutter, die ihm als Kind oft von dem Gelände erzählt hat. Das Areal ist zu dieser Zeit eine Brache, die sich die Natur zurückerobert hat. Der Kalte Krieg hat die Mauer an seine Seite gestellt. Die sprießende Flora steht sinnbildlich dafür, wie Gras über die Erinnerungen wuchs. Später setzten Bürgerinitiativen durch, dass hier Ausgrabungen stattfinden konnten – eine Archäologie des Vergangenen setzte ein. Und doch blieb der Ort ein Provisorium – und damit auch eine Metapher für all das Unverarbeitete, was dort einmal geschah. Wir sehen stille, lange Einstellungen, aus dem Off kommen Historiker, Zeitzeugen, zuweilen auch Botaniker zu Wort. Die Bilder konservieren den Zeitgeist ihrer Jahre. Später, als die Mauer längst gefallen ist, sehen wir zu Techno tanzende Jugendliche. Noch einmal können wir verfolgen, wie sich im Rahmen der Entwürfe des Schweizer Architekten Peter Zumthor Monolithen aus Beton auf dem Gelände materialisierten, die dann wieder abgetragen wurden.

Seinen Schlusspunkt findet dieser Film in der heutigen Gegenwart mit dem bekannten Dokumentationszentrum. Er erstreckt sich über eine Zeit von 27 Jahren – und fängt so vieles ein: Die Last der NS-Vergangenheit, die vielen Versuche eines Umgangs damit, aber auch das ganz normale Alltagsleben in einer geteilten Stadt, die selbst ein Provisorium war.