Gründungsintendant Neil MacGregor stellt sein Konzept vor und zeigt eine erste Ausstellung zum Humboldtstrom

„Berlin denkt immer an die Zukunft“

So locker und strahlend hat man Neil MacGregor noch nicht in Berlin gesehen. Es ist seine Woche, die Humboldt-Woche – der Gründungsintendant und Ex-Chef des British Museum stellt sein Konzept für die Bespielung des Humboldt Forums vor. Der Erwartungsdruck in Berlin ist groß, lange hat der Museumsmann geschwiegen. Wir treffen ihn in den Ausstellungsetagen der Humboldtbox. „Sie fragen, und ich spiele Mutti“, sagt er, und schenkt uns Kaffee ein.

Sie überraschen mit Ihrem Vorstoß für freien Eintritt ins Gebäude. Gibt es die Angst, dass keiner kommt? Das wird eine Debatte auslösen, es geht um sehr viel Geld.

Neil MacGregor: Wenn man möchte, dass das Haus eine gesellschaftliche Rolle im Leben der Stadt spielt, muss man dieses Thema diskutieren. Das würde sehr viel ändern, nämlich, dass die Bevölkerung ihre Sammlungen nutzt. Genau wie in London, in Washington oder Peking, wo die Museen kostenfrei zugänglich sind. Im Louvre in Paris sind mehr als 80 Prozent der Besucher aus dem Ausland. Die Pariser gehen selten in ihr Museum. Wenn aber der Eintritt frei ist, kommen die Menschen wieder, das ist meine Erfahrung. Dann wird das Humboldt Forum zur Privatsammlung aller Bürger. Das ist ein Ziel.

Als Sie zum Gründungsintendanten ernannt wurden, empfing man Sie in Berlin als „Messias“, der alles segnen soll. Gleichzeitig hat man das Gefühl, vor lauter zu hoch gestapelten Ideen fehlte ein schlüssiges Konzept für das Humboldt Forum. Hat Sie das verwundert?

(lacht) Ja, natürlich. Aber ich glaube, das zeigt nur, wie wichtig das Projekt im Herzen der Stadt allen ist. Das Museum soll eine neue Haltung angesichts der Welt symbolisieren. Ich weiß nicht, wie Sie das einschätzen, aber für mich ist die größte Gefahr unserer Zeit der Nationalismus, der immer stärker wird. Diese politische Entwicklung, die nach innen geht. Hier im Humboldt Forum geht es um ein Zeichen, um eine ganz andere Welthaltung, wo man die Welt als ein Ganzes betrachtet und versteht.

Es geht um ein sogenanntes Weltmuseum, wo sich Deutschland mit seiner Geschichte, sich selbst und der Welt versöhnen möchte, aber ist dieser Anspruch nicht in den Himmel gewachsen?

Als Nicht-Deutscher kann ich von Versöhnung nicht sprechen. Aber in unseren Ausstellungen wollen wir zeigen, dass es vor allem um eine Herangehensweise geht. Wie kann man durch die Sammlungen in Berlin, die grenzenlos reich sind, die Welt von heute verstehen? Das war auch immer die Idee von Alexander von Humboldt, dass man die Gegenwart als eine Welt verstehen kann.

Aber es gibt die eine Welt doch gar nicht: Brexit, Flüchtlingskrise ...

Gerade deshalb ist der Versuch so wichtig. Ob es möglich ist, weiß keiner. Wir fangen hier in der Humboldtbox als Probebühne mit einer Reihe von Ausstellungen an. Mit dem Klimawandel zum Beispiel, das Thema der aktuellen Ausstellung ist doch ein bekanntes, globales Thema. Wir wollten natürlich mit einem Thema anfangen, das mit Alexander von Humboldt zusammenhängt, dem Humboldtstrom. Dabei handelt es sich um die erste Globalisierung, die klimatische Globalisierung. Ein weltweites Phänomen. Eine zweite Ausstellung wird sich mit dem Schutz der Kinder beschäftigen. Alle Kulturen und Gesellschaften versuchen, ihre Kinder zu schützen. Alle Menschen haben dieselben Hoffnungen und Ängste. Die extremste Form des Schutzes eines Kindes ist die Flucht. Das bringt uns sofort zum heutigen, brennenden Thema.

Sie haben sich viele Monate Zeit gelassen mit dem Konzept. War das von Ihrer Seite eine Form des Widerstandes auf den Druck, der herrscht?

Überhaupt nicht. Es ist einfach eine riesige Aufgabe. Wie lange würden Sie brauchen, um alle Sammlungen und Kollegen kennenzulernen, um das Potenzial auszuloten? Das braucht Zeit. Ich hielt es für sinnlos, mich zu früh zu äußern, wenn ich die Umstände noch nicht kenne. Ich wollte nicht reden, sondern die Objekte zeigen. Jetzt fängt das Humboldt Forum an.

Sie kennen Berlin schon lange, jetzt wohnen Sie mehrere Tage im Monat hier. Hat sich Ihr Verhältnis zur Stadt verändert?

Ja, natürlich. Wenn man in einer Stadt lebt, ist das anders. 50 Jahre habe ich die Stadt besucht. Wenn man das mit London vergleicht, lebt es sich hier so viel entspannter. Es gibt mehr Platz, mehr Raum, die Straßen sind breiter. Die Menschen sind so freundlich, ich weiß, das ist nicht ihr Ruf. Interessant ist auch für mich, wie sich die Stadt wieder entdeckt, neu denkt. Und es wird so viel gebaut, umgebaut, neu gebaut. Einzigartig in Europa zurzeit. Eine Stadt, die immer an die Zukunft denkt.

Hier können Sie sich ein wenig vom Brexit distanzieren, oder?

Natürlich war das für mich persönlich sehr traurig. Aber man weiß noch nicht, was das politisch bedeuten wird. Aber kulturell werden die Verbindungen genauso eng bleiben wie sie waren. Wir arbeiten alle seit Jahrzehnten zusammen.

Die Krux des Humboldt Forums ist doch, dass es alle bedienen soll: eilende Touristen, Wissenschaftsfans und Schüler. Wie soll das überhaupt funktionieren?

Die Veranstaltungen sind da ganz wichtig, damit die Berliner regelmäßig ins Haus kommen. Ein breites Publikum soll angezogen werden, das Humboldt Forum muss in der Stadt, im Alltag eine gesellschaftliche Rolle spielen. Musik ist ein gutes Beispiel, weil alle Kulturen Musik brauchen.

Ihre erste Ausstellung über den Humboldt-strom ist ein Testballon für das Humboldt Forum. Nicht gerade ein populäres Thema?

Nein, aber interessant und wichtig. Und wichtig ist es, solche Themen populär zu machen durch Debatten und Veranstaltungen. Dieses Haus hat sechs Eingänge, das ist selten für Museen. Das ist ein Zeichen. Der Schlüterhof ist ein Platz in der Stadt, nicht nur ein Teil des Gebäudes. Dort wollen wir Veranstaltungen planen, die für alle offen sind. Alle Berliner sollen sich hier irgendwie zu Hause fühlen.