Kultur

Eine fast normale Familie: „Willkommen bei den Hartmanns“

Die Flüchtlingskrise als Komödie? Ja, das geht. Simon Verhoeven beweist es mit seinem neuen Film. Und seine Stars spielen mit Lust mit.

Foto: Jürgen Olczyk / Warner

Sie ist ein Gutmensch. Sie hat ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Deshalb möchte die ehemalige Schuldirektorin auch in der Flüchtlingskrise etwas tun. Sie bringt Altkleider ins Flüchtlingszentrum. Aber da winkt man ab, es gibt schon zu viele Spenden. Sie würde gern Deutschunterricht geben. Aber auch da winkt man ab. Es gibt schon zu viele pensionierte Lehrer, die sich dabei gegenseitig ausstechen. Bleibt nur noch eine Möglichkeit: Nimmt man eben einen Flüchtling auf.

Das ist die Grundkonstellation des Films „Willkommen bei den Hartmanns“, der am Mittwoch Premiere in Berlin feiert und am Donnerstag ins Kino kommt. Regisseur Simon Verhoeven, sonst eher für Beziehungskomödien wie „Männerherzen“ bekannt, traut sich was. Indem er das Flüchtlingsthema als Komödie verarbeitet und dabei nach allen Seiten austeilt.

Der Flüchtling hält die Familie zusammen

„Frau Merkel hat die ganze Dritte Welt eingeladen. Wir machen das nicht“, postuliert der Gatte daheim – umsonst. Die Suche nach dem richtigen Kandidaten gerät dann fast zu einer Castingshow. Deutschland sucht den Superflüchtling. Dabei bewirbt sich auch ein Italiener, der halt auch Wohnraum sucht und sich diskriminiert fühlt. Als schließlich ein Nigerianer in das Münchener Luxushaus einzieht, wird er zwar mit einem plakativen Plakat empfangen, das dem Film den Titel gibt. Aber schon bald steht die Familie Kopf.

Dafür kann der Flüchtling nichts. Aber er fungiert als ein Katalysator. Denn bei den Hartmanns sind alle mit ihren eigenen Krisen beschäftigt, und die brechen direkt vor dem Neuzugang auf. Die Mutter (Senta Berger), die sich unnütz fühlt. Der Vater (Heiner Lauterbach), der Angst vorm Altern hat und sich noch mal als Hansdampf beweisen muss.

Der Unternehmersohn (Florian David Fitz), der über seinen Geschäften fast das eigene Kind vergisst. Und die Tochter (Palina Rojinski), die mit 31 ihr Langzeitstudium schmeißen will. Eigentlich eine typisch deutsche Familie, die uns da begegnet, und doch eine, die so zerrissen ist wie die Republik. Wobei der Fremde (Eric Kabongo) zum Kitt wird, der die Familie erst zusammenhält, auch wenn das immer wieder sein Asylverfahren gefährdet.

Der traut sich wirklich was, der Verhoeven. Dass er den Vater stottern lässt, dass es ja auch schwarze Schafe unter den Flüchtlingen gebe. Dass der Flüchtling die Tochter fragt, warum sie noch keine Kinder hat, wo sie doch schon alt sei. Dass ihn alle wie ein Baby behandeln. Der Witz geht aber noch deutlich weiter. Wenn man auch im Flüchtlingsheim Rassismus ausmacht. Wenn plötzlich Rechtsradikale Mahnwache vor dem Haus halten. Und sich schließlich der Verfassungsschutz für den jungen Nigerianer interessiert und die Familie überwachen lässt, während man die Nazis vor der Tür übersieht.

Willkommen bei einem neuen Filmgenre: der Integrationskomödie. Vor einer Woche startete bereits „Ostfriesisch für Anfänger“, in der Dieter Hallervorden als Hinterwäldler Ausländer in sein Haus aufnehmen soll. Noch böser geriet vor drei Wochen die Satire „Welcome to Norway“, in der zwei Norweger mit einem pleitegegangenen Hotel Geld machen wollen, das sie zum Flüchtlingsheim erklären.

In der allgemeinen Anspannung der derzeitigen Flüchtlingskrise bietet sich mit der Komödie eine Chance, das Thema einmal etwas lockerer anzugehen, festgefahrene Positionen zu hinterfragen und Konflikte im Lachen aufzulösen. Das polarisiert natürlich, und es wird nicht wenige geben, die meinen, so könne man mit dem Thema nicht umgehen.

Kann man aber natürlich doch. Erst recht, wenn man es so feinfühlig angeht wie Simon Verhoeven. „Willkommen bei den Hartmanns“ ist so etwas wie der Film zur Lage der Nation und kommt genau zur richtigen Zeit. Auch wenn Verhoeven zuweilen Angst hatte, von den realen Ereignissen überrollt zu werden.

Er hatte das Drehbuch schon weitestgehend fertig, als die Kanzlerin ihr „Wir schaffen das“ propagierte, und hat die Dialoge bis zum Schluss aktualisiert. Klug hat er das Thema aber in eine Familienkomödie eingebettet, in der es auch noch um andere Dinge und ganz normale Generationenkonflikte geht.

Ein Name zu wenig auf dem Filmplakat

Dabei konnte Verhoeven auf eine veritable Filmfamilie zurückgreifen. Allen voran sein Vater Michael Verhoeven, der den Film mitproduzierte, und seine Mutter Senta Berger. Mit Florian David Fitz und Elyas M’Barek verfügte er gleich über zwei Frauenschwärme. Und dann gelingt ihm auch noch die Wiedervereinigung der alten „Männer“-Buddies Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht. Sie alle spielen mit Lust und auf den Punkt. Und bringen das Publikum zugleich zum Lachen und zum Nachdenken.

Nur eins muss sich der Film schon vorwerfen lassen, auch wenn dafür wohl die Marketingabteilung verantwortlich sein dürfte. Auf dem Filmplakat sieht man sechs Darsteller, genannt werden aber nur fünf Stars, nicht Eric Kabongo. Das Feingefühl des Films, hier vermisst man es. Willkommen im Filmbusiness.

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