Verknautschte, verbeulte Gesichter, dazu speigrün, die Hände zu groß und der knallrote Tisch in der Mitte der drei Personen viel zu klein. Warum Otto Dix die „Familie des Malers Adalbert Trillhaase“ 1923 so verschroben und dämonisch malte, wissen wir nicht. Schmeichelhaft ist dieses Porträt keinesfalls, sicherlich kein Beweis für die Freundschaft der beiden Maler. Ähnlich grotesk wirkt Dix’ „Kinderbildnis“, ein Baby, dick verpackt wie in einer Wollwolke, das Gesicht seltsam eingefroren.

Otto Dix war ein Meister der Porträtkunst, vorausgesetzt, man setzt nicht auf die Kategorie klassische Schönheit. Vier ungewöhnliche Bildnisse Dix’ sind derzeit in der kleinen, exquisiten Schau „Surreale Sachlichkeit“ in der Sammlung Scharf-Gerstenberg am Schloß Charlottenburg zu sehen.

Liebhaber der Klassischen Moderne kommen hier voll und ganz auf ihre Kosten: Ikonische Werke von Max Ernst, Dalí, Christian Schad, George Grosz sind hier präsentiert, aber ebenso viele schöne Entdeckungen zu machen, von unbekannten Künstlern und Werken, die selten oder noch gar nicht ausgestellt wurden und sich qualitativ, gemessen an den „Großen“, absolut nicht ducken müssen. Dazu gehören die sonderbar entrückten Pflanzenstillleben wie „Amaryllis“ von Franz Lenk und Paula Lauensteins „Opuntia“. Oder Hans Bellmers fragiles, melancholisches „Selbstbildnis“, eine Gouache von 1942, gemalt wie unter Zauberwasser getaucht.

Die Ausstellung als Testballon

Dass diese Ausstellung in dieser Form zu sehen ist, verdankt sie kurioser Weise dem Umstand, dass die Neue Nationalgalerie – zwecks Sanierung – geschlossen ist. Museumschef Udo Kittelmann und sein Team sind also dabei, das Depot zu sichten und neu zu ordnen. Dabei sind sie auf 630 Werke gestoßen, die allein aus den 20er- und 30er-Jahren stammen. Und Kittelmann ist wieder einmal erstaunt, wie „breit die Sammlung aufgestellt ist“.

80 Werke von 60 Künstlern sind nun in Charlottenburg versammelt. Die Ausstellung ist für ihn zugleich ein Testballon dafür, welche Werke später einmal im geplanten Museum der Moderne am Potsdamer Platz zu sehen sein werden. Und dabei soll es darum gehen, nicht den festgefügten Kanon immer wieder weiter fortzuschreiben, sondern ihn gegen den Strich zu bürsten, Wahlverwandtschaften zu filtern, neue thematische Spielfelder zu öffnen.

Doch was, bitte, ist nun die „surreale Sachlichkeit“, auf die der Ausstellungstitel anspielt? Beide Stilrichtungen, Surrealismus wie Neue Sachlichkeit, sind zeitgleich in den 20er- und 30er-Jahren entstanden. 1924 erschien das Manifest des Surrealismus, 1925 eröffnete die erste Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit. Die Kunstgeschichte hat beide Stile in ihre Schubladen gesteckt, doch dabei kommt eben zu kurz, dass es viele (thematische) Überschneidungen gibt und die gemeinsamen Wurzeln im Dadaismus liegen und im Gegenständlichen.

Verschiebung und Verschraubung der Raumperspektiven

In der Schau geht es nun darum, zu zeigen, wie sehr die vermeintlich Neue Sachlichkeit doch mit dem Surrealen, dem Abgründigen, dem Geheimnisvollen flirtete. Verschiebung und Verschraubung der Raumperspektiven, die Farbwahl und ein „Einfrieren“ der Motive – sind gemeinsame Stilmittel. In Otto Dix Familienbildnis ist dies besonders gut zu sehen. In der Sammlung Scharf-Gerstenberg geht es um den Surrealismus in erweiterter Form, dort finden sich auch Vorläufer und Nachfolger dieser Stilrichtung.

Es ist eine Ausstellungspremiere in Charlottenburg, 1974 gab es im Ostteil der Stadt eine Schau zur Neuen Sachlichkeit und Surrealismus. Im Westen hätte es nichts Vergleichbares gegeben, so Kuratorin Kyllikki Zacharias. Sie erklärt den Umstand damit, dass die Künstler, geboren zwischen 1880 und 1890, zur „verlorenen Generation“ gehören, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg überlebten, die Wirtschaftskrise überstanden, unter Hitler als „entartet“ erklärt wurden, und teilweise noch das Pech hatten, dass ihre Ateliers ausgebombt wurden. So wie es Paula Lauenstein passierte, die ihr ganzes Œuvre verlor – und danach aufhörte zu malen.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr.70, Charlottenburg. Bis 23. April. Di.–Fr. 10–18 Uhr. Sbd./So. 11–18 Uhr. Katalog: 25 Euro. Kuratorenrundgang: 26.1.2017, 16 Uhr