Er ist einer der großen deutschen Hitmacher. Seinen Namen werden viel e gar nicht kennen, aber seine Liedtexte auswendig singen können. Michael Kunze (72) hat in den 70er- und 80er-Jahren für Sänger wie Udo Jürgens, Jürgen Drews oder auch für Sister Sledge und Silver Convention Texte verfasst. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat er sich zurückgezogen, um sich als Musicalmacher neu zu erfinden. Werke wie „Elisabeth“, „Mozart“ oder „Rebecca“ entstanden. Heute erhält Michael Kunze im Tipi am Kanzleramt von der Deutschen Muscial Akademy einen Ehrenpreis.
Herr Kunze, Sie stehen für einige der größten Hits in Deutschland. Sie haben über 60 Goldene Schallplatten bekommen?
Michael Kunze: Es sind 79, aber das ist eigentlich unwichtig. Erfolg wird immer sehr schnell wieder vergessen. Von meinen deutschen 200 Top-Ten-Titeln wie „Griechischer Wein“ sind nur noch einige bekannt. Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Das war ein anderes Leben.
Was läuft denn heute noch gut?
„Griechischer Wein“ und „Ich war noch niemals in New York“, überhaupt fast die ganzen Udo-Jürgens-Hits seit den 70er-Jahren, dann Titel, die ich für die Münchner Freiheit geschrieben habe wie „Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“, oder auch „Bett im Kornfeld“. Dazu kommt Juliane Werdings „Stimmen im Wind“, die emanzipierten Lieder von Gitte Haening, etwa „Ich will alles“. Ich war sechs oder sieben Mal beim Grand Prix d’Eurovision und immer unter den Top 5.
Peter Maffay haben Sie auch entdeckt?
Ja, ich habe einige Sänger entdeckt und produziert.
Ist es nicht beruhigend, wenn Sie morgens aufwachen und in der Zwischenzeit wieder Tantiemen gesprudelt sind?
Da fließt nicht mehr so viel. Heutzutage ist das durch die Digitalisierung vorbei. Autoren bekommen nicht mehr viel Tantiemen. Im Moment arbeiten wir an einem Urheberrecht, das die Rechte der Autoren weiter beschneidet. Die goldenen Zeiten sind vorbei.
Wann waren die goldenen Zeiten?
Meine goldenen Zeiten als Autor von Popsongs waren die 70er-Jahre. In den 80ern ging es schon runter. Anfang der 90er-Jahre habe ich ganz aufgehört, Lieder zu schreiben, und arbeite nur noch fürs Musiktheater.
Wie nah stehen Sie den Starkünstlern?
Ich war Produzent. Ich war für das Image und das Repertoire der Künstler verantwortlich. Das war ein Produkt. Das ist wie in der Mode, wenn man eine Marke kreiert. Jemand muss die Kleider vorführen. Sänger sind doch nicht deswegen bekannt, weil sie tolle Stimmen haben. Besonders müssen sie sein, Charisma haben, Showtalent. All das versucht man einzufangen und auf den Tonträger zu pressen.
Manche hatten nicht einmal eine Stimme. Formationen wie Milli Vanilli und Boney M., von Frank Farian produziert, waren umstritten, weil andere gesungen haben.
Boney M. ist ein Act gewesen. Sie hatten einen guten Tänzer, der nicht singen konnte. Dafür ist Frank Farian eingesprungen. Na und. In Musicalfilmen haben früher die Schauspieler nie selber gesungen. Kein Mensch findet das furchtbar. Audrey Hepburn war keine Sängerin, trotzdem hat sie „My fair lady“ gemacht. Das Publikum hat die Fiktion, dass die Künstler alles selbst machen. Glauben Sie, die großen Rock- und Popbands spielen im Studio selber ihre Hits ein? Manche vielleicht. Meistens spielen Studiomusiker.
Warum haben Sie mit dem Pop aufgehört?
Es war Silvester 1979. Ich hatte ein Gespräch mit meiner Frau. Danach war mir klar, dass Studioarbeit nicht das ist, was ich machen wollte. Ich habe ein Album nach dem anderen produziert, habe im Studio geschlafen. Oft habe ich nachts die Songs geschrieben, die wir tagsüber produzierten. Das war Wahnsinn und völlig unkreativ.
Aber Sie haben weiter Hits geschrieben?
In den 80ern bin ich nicht mehr im Studio gesessen. Ich habe ich nur noch Texte geschrieben, etwa für Udo Jürgens. Das Texteschreiben endete in den 90ern. Eine neue Generation von Singer-Songwritern war herangewachsen. In der deutschen Filmindustrie war die Entwicklung des Selbermachens ja bereits durch. Im Pop schrieben die wirklich interessanten Sänger jetzt ihre Texte selbst.
Wer sind Ihre Stars heute?
Ich finde, dass die Texte heute besser sind als unsere damals. Das Niveau ist höher, gerade auch im HipHop und Rap. Ich mag zum Beispiel Peter Fox, Sarah Connor und Silbermond.
Wieso sind Sie zum Musical gewechselt?
Meine Liebe zum Theater kam über meine Mutter. Sie war Schauspielerin und hat mich als Kind mit hinter die Bühne genommen. Ich fand das umwerfend. Es ist mein Talent, Musik und Text zusammen zu führen. Am besten bin ich, wenn ich Texte auf Musik schreibe. Das ist mein Handwerk.
Es waren die guten Jahre des Musicals, inzwischen scheinen wir an einem Endpunkt dieser Bühnengattung anzukommen?
Ich habe mit der deutschen Musicalszene wenig zu tun gehabt, weil meine Stücke immer in Wien uraufgeführt wurden. Danach sind sie dann nach Japan, Korea, Frankreich, USA, Russland und manchmal auch nach Deutschland gekommen. In Wien waren große Produktionen möglich, weil der Produzent keine Angst haben musste, bei einem Misserfolg gleich Pleite zu gehen. Innovatives Musiktheater können Unternehmer in Deutschland gar nicht machen. Die müssen auf Nummer sicher gehen. Aber das interessiert mich künstlerisch nicht.
Sollte Musical wie Oper oder Theater subventioniert werden?
Aber natürlich. Das unterhaltsame Musiktheater ist das einzige lebendige Musiktheater, das es noch gibt. Die Oper lebt von den Klassikern und ist als Avantgarde an den Rand des Publikumsinteresses geraten. Oper ist eine akademische Kunst geworden, wohingegen das Musical nicht totzukriegen ist. Es zieht ein Publikum, das bereit ist, bis zu 200 Euro für eine Karte zu bezahlen. Das ist doch toll. Eine nicht subventionierte Opernkarte würde 500 Euro kosten. Wie viele würden dafür in die Oper gehen?
Welche Musical werden in 200 Jahren noch gespielt?
Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ und „Das Phantom der Oper“ von Andrew Lloyd Webber. Vielleicht auch „Elisabeth“ von Sylvester Levay und mir. Es hängt letztendlich auch davon ab, ob große Theater die Stücke übernehmen können. Viele Musicals sind sehr aufwändig. Auch meine Stücke sind nicht ohne weiteres nachzuspielen. Man brauchte spezialisierte, hervorragende Sänger. Das kann man nicht mit in einem Drei-Sparten-Theater einstudieren. Der Berliner Opernregisseur Harry Kupfer hat meine „Elisabeth“ und „Mozart“ gemacht. Opernhäuser könnten Musicals aufführen, die Intendanten scheuen sich aber davor, weil sie alle Musicals für kommerziellen Mist halten. Viele haben von Sondheim nie etwas gehört. Heutzutage ein neues Musical auf die Bühne zu stellen, kostet zwischen vier und acht Millionen Euro. Wenn das weiterhin nur Privatunternehmen riskieren, wird das Musical bei uns nie werden, was es sein könnte: Eine faszinierende Kunstform.


