Es gibt sie noch, Figuren mit übernatürlichen Kräften, die nicht aus einem Comic stammen. Fantasy, das ist eine gute Nachricht, gibt es auch noch jenseits der alles dominierenden Super-, Bat- und Iron Man-Verfilmungen. Tim Burton (einer, der bekanntlich auch mal Fledermaus-Comics verfilmt hat) hat sie in Ransom Riggs Buchbestseller gefunden, der in Deutschland „Die Insel der besonderen Kinder“ heißt.

Dort scheinen diese seltsamen Wesen, etwa ein unsichtbarer Junge, von dem nur die Kleidung zu sehen ist, oder ein Mädchen, das leichter ist als Luft, erst mal der überbordenden Fantasie eines greisen Großvaters entsprungen, mit der dieser traumatische Holocaust-Erfahrungen verarbeitet haben soll.

Eine Vorlage, wie geschaffen für Tim Burton

Aber der 16-jährige Enkel Jacob (Asa Butterfield) muss dann erleben, wie sein Opa (Altstar Terrence Stamp) einen rätselhaften Tod stirbt. Jacob könnte schwören, dabei ein Monster gesehen zu haben. Was in der realen amerikanischen Gegenwart nur ein Hirngespinst sein kann. Deshalb kommt er auf die Psychocouch. Die Therapeutin rät, es könne nicht schaden, wenn der Junge ins ferne Europa reist, auf jene Insel, wo der Großvater einst ins Heim kam und wo diese sonderbaren Kinder gelebt haben sollen.

So macht der junge Jacob gleich eine doppelte Reise. Erst vom sonnigen Kalifornien ins regnerisch-trübe Wales, wo das Heim sich als Ruine erweist: ausgebombt in einem Septembertag im Kriegsjahr 1943. Aber dann trifft Jacob in einer Höhle plötzlich sonderbare Kinder, wie der Opa sie beschrieben hat. Und als er aus der Höhle wieder rauskommt, befindet er sich plötzlich im herbstwarmen September 1943, am Tag, an dem die Bomben fallen werden.

So sehen sie aus, die „besonderen Kinder“
So sehen sie aus, die „besonderen Kinder“ © 2016 Twentieth Century Fox | 2016 Twentieth Century Fox

Das Heim ist ein intaktes Schloss, die Heimleiterin Miss Peregrine (Eva Green) hat eine Zeitschleife gefunden, mit der sie ihre Schäfchen auf ewig vor dem Untergang bewahren kann. Indem sie immer denselben Tag erleben. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Es ist eine Vorlage, wie geschaffen für Tim Burton, diesen Kino-Magier, der wie kein zweiter düstere Geschichte mit kindlich-ironischem Witz erzählen kann. Ein Mann, dessen phantastische Geschichten man nicht glauben mag und die sich doch als echt erweisen, das kennt man schon aus Burtons „Big Fish“. Eins der Insel-Kinder bastelt Monsterpuppen, wie man sie aus frühen Burton-Animationen kennt. Ein anderer schneidet im Garten Hecken zu Kunstgebilden wie „Edward mit den Scherenhänden“.

Der Titelheld Jacob, er hat große Augen, dunkle Haare und blasse Haut wie so ziemlich jeder Burton-Protagonist. Und die Heimleiterin ist eine wundersame Frauenfigur, wie sie Burton früher gern mit seiner Frau Helena Bonham-Carter besetzt hat und jetzt, nach „Dark Shadows“, erneut mit seinem neuen Star Eva Green. „Die Insel der besonderen Träume“, sie ist irgendwie auch die Insel der bewährten Burton-Topoi.

Verteidigt ihre Schutzbefohlenen: Miss Peregrine (Eva Green)
Verteidigt ihre Schutzbefohlenen: Miss Peregrine (Eva Green) © 2016 Twentieth Century Fox | 2016 Twentieth Century Fox

Und das ist gar kein Zufall. Denn Buchautor Ransom Riggs, Jahrgang 1980, ist ein erklärter Burton-Fan. Und gibt zu, dass dessen Filme einen kreativen Einfluss auf seine Buchwelt gehabt hätten. Das ist also irgendwie ein gegenseitiges Geben und Nehmen, zum Wohle der Bücher- wie der Filmfreunde.

„Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children“ (so der Originaltitel) ist eine obskuren Mischung aus Harry Potters Zauberschule Hogwarts und Professor Xaviers Mutantenschule aus den „X-Men“-Filmen. Ein wunderbares Sammelsurium sehr spezieller Individuen, die in der Außenwelt als Außenseiter, als Fremdkörper angefeindet würden und hier einander beistehen.

Mehr Gefühle statt CGI-Effekte

„Die Insel“ ist der schönste Burton-Film seit langem. Das ist umso erfreulicher, als seine „Alice im Wunderland“-Adaptionen zuletzt sehr enttäuschten, weil sie viel zu effektelastig, zu glatt und seelenlos ausgefallen ist. Die CGI-Griffe in den Computer sind diesmal erfreulich sparsam ausgefallen, trotz 3D-Optik vertraut Burton doch wieder mehr auf den guten alten Kintopp. Und auf Gefühle. Phantasie und Fantasy, das wird halt nicht nur unterschiedlich geschrieben, das sind auch wirklich andere Welten.

Natürlich gehört zu Fantasy- wie zu Burton-Filmen immer auch das Abgründige dazu. In diesem Fall sind das die Monster, die der junge Jack gesehen zu haben glaubt. Das macht denn auch ihn zu einem besonderen Kind: weil es seine Gabe ist, als Einziger diese sogenannten Hollows zu sehen. Die Monster haben es sich zur Aufgabe gemacht, die besonderen Kinder aufzuspüren.

Kommen sich näher: Jacob (Asa Butterfield) und Emma (Ella Purnell)
Kommen sich näher: Jacob (Asa Butterfield) und Emma (Ella Purnell) © fox | fox

Und sich an deren übernatürlichen Kräften zu stärken. Indem sie, das muss hier leider erwähnt werden, ihre Augäpfel verschlingen. Das Wort Augenschmaus bekommt hier eine echt doppelte Bedeutung. Deshalb ist dieser Burton auch garantiert nichts für Kinder.

Mit Samuel L. Jackson als Ober-Böser an der Monsterfront betritt denn doch noch ein echter Comicfilm-Veteran das Anti-Comic-Terrain. Und der versucht auch sichtlich, aus dem Burton-Jahrmarkt einen Jackson-Rummel zu machen. Der einzige Fremdkörper in einem ansonsten rundum gelungenen Stück Fantasy, dass uns aus der trüben Gegenwart in die bunten Sphären der Imagination entführt.

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