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Die CCC-Filmstudios werden 70: Zwei Besuche bei den Brauners

Hollywood in Haselhorst: Die CCC Filmstudios feiern 70-Jähriges. Wir trafen den Gründer Artur Brauner und seine Tochter Alice Brauner.

Hier haben schon zahlreiche Stars gesessen und gefeiert: Artur Brauner in seinem Wohnzimmer im Grunewald

Hier haben schon zahlreiche Stars gesessen und gefeiert: Artur Brauner in seinem Wohnzimmer im Grunewald

Foto: Reto Klar

Dies ist eine Geschichte über den Film. Aber sie klingt fast selbst wie ein Film. Vor 70 Jahren kommt ein junger polnischer Holocaust-Überlebender nach Berlin, in die Stadt, in der der Massenmord an den Juden geplant wurde. Um hier im Nachkriegs-Deutschland seinen Traum zu verwirklichen: Kino zu machen. Auf buchstäblich vergiftetem Gelände, in Haselhorst – einem Areal, auf dem die Nazis mit Giftgas experimentiert hatten – baut er sein Imperium auf: die Central Cinema Company, kurz CCC. Ein Filmstudio, das bald zu den großen des Landes gehört. Das auch nicht, wie so viele während der Luftbrücke, nach West-Deutschland abzieht. Dafür verehren die Berliner Artur Brauner und nennen ihn liebevoll „Atze“. Ein Ritterschlag.

Begonnen hat er einst als der jüngste Produzent der Republik. Jetzt ist er längst der dienstälteste der Branche, der Methusalem des deutschen Kinos. Am 1. August ist er 98 Jahre alt geworden, und noch immer leitet er seine CCC. Gegründet am 16. September 1946, ist sie ist die älteste unabhängige deutsche Filmproduktionsfirma. Und feiert nun mit einem großen Gala-Abend (am 23. September) das 70-Jährige. Anlass für zwei Besuche, bei dem Firmengründer und bei seiner Tochter Alice Brauner, die seine Geschäfte weiterführt.

Der Raum, in dem sie alle feierten

Der erste Besuch führt in den Grunewald, in die Königsallee 18. Auf der Straßenseite gegenüber steht man direkt vor dem Königssee, hinter dem Grundstück befindet sich der Herthasee. Der 60er-Jahre-Bau wirkt von außen, zwischen all den Gründerstil-Prachtbauten ringsum, fast unscheinbar. Am schmiedeeisernen Gitter prangen indes gut sichtbar die Initialen „AMB“. Artur und Maria Brauner. Ein Mann, eine Mischung aus Butler und Bodyguard, öffnet uns und führt uns ins Haus, über einen weißen Teppich, über den man kaum mit Schuhen zu gehen wagt, in einen großen, mondänen Saal.

Hier ist alles hell, das weiße Piano inklusive. An den Wänden hängt Kunst, nicht, wie man hätte erwarten können, Fotos von Stars. Aber warum auch? Hier haben sie doch alle leibhaftig gesessen und gefeiert, die Stars seiner Filme, Romy Schneider, Sonja Ziemann, Maria Schell, Curd Jürgens, Lex Barker, Pierre Brice und und und.

Die Schwiegermutter verkaufte ihren Nerz

Dann kommt er uns entgegen. Artur Brauner muss gestützt werden, er ist nicht ganz sicher auf den Beinen. Es ist aber auch erst 15 Uhr. Da steht er gewöhnlich auf. Weil er bis spät in die Nacht hinein noch liest und arbeitet. Ein anderer Biorhythmus, wurden wir schon vorab gewarnt. Wir sitzen schließlich zusammen auf der Terrasse. Die Vögel zwitschern, die Stadt scheint weit weg zu sein. Man könnte sich hier herrlich entspannen. Doch gleich nebenan ist das Arbeitszimmer des Chefs, und auf der Fensterbank stapeln sich noch immer Akten und Drehbücher. Nein, auch mit 98 denkt dieser Mann nicht ans Ausruhen.

Eines möchten wir gleich zu Beginn wissen. Berühmt ist ja die Legende, wie er mit nur einem Koffer nach Berlin kam – und die Schwiegermutter für seinen ersten Film ihren Nerzmantel verkauft hat, auch wenn er dazu eigentlich vier solcher Mäntel gebraucht hätte. Aber eines wird dabei nie erörtert: Wieso ist Brauner, in Lodz geboren und in die Sowjetunion geflohen, nach dem Krieg ausgerechnet nach Deutschland, nach Berlin gekommen, in die Stadt der Täter? Da muss Brauner etwas länger ausholen.

Schon als Kind war er filmverrückt, schaute begeistert Krimis wie „Dr. Mabuse“ und hatte über seinem Bett ein Bild von Fritz Lang hängen. Nach dem Krieg wollte er von Berlin aus eigentlich nach Amerika weiterziehen, dem Fernziel aller Cineasten. Aber dabei führte ihn der Weg an einem Massengrab ermordeter Juden vorbei.

„Die SS“, sagt er und dabei bricht ihm auch heute noch fast die Stimme, „hatte wohl keine Zeit mehr gehabt, die Opfer zu verscharren. Da lag ein 10- oder 12-jähriger Junge mit offenen Augen. Ich hatte das Gefühl, der schaut mich an, er macht mir einen Vorwurf: ,Wieso hast du überlebt?’“ Damals habe er ein Gelübde abgelegt: „Ich werde dich und auch die anderen nicht vergessen.“ Diese Augen haben ihn bis heute nicht entlassen.

Ruiniert, bevor es richtig losgeht

Er hat seine Reisepläne dann sofort gestoppt. Und wollte einen Film drehen wider das Vergessen. Über Juden, die aus dem Konzentrationslager ausbrechen und sich im Wald verstecken, was auch ein bisschen die Geschichte von Artur Brauner ist, der im Versteck überlebte, während 49 Familienangehörige von den Nazis umgebracht worden sind.

„Morituri“ ist 1948 der erste deutsche Holocaust-Film. Um ihn zu finanzieren, muss er erst einen Unterhaltungsfilm drehen. Als „Morituri“ dann ins Kino kommt, dieser Film, den er unbedingt drehen musste, will ihn keiner sehen. Die Zuschauer pfeifen, sie randalieren, wollen ihr Geld zurück, es kommt sogar zu antisemitischen Beschimpfungen. Ein Fiasko, wirtschaftlich und persönlich. Brauner ist eigentlich schon ruiniert, bevor es richtig losgegangen ist. Um aus den roten Zahlen zu kommen, dreht er weiter. Diesmal Unterhaltungsfilme.

Brauner bedient so ziemlich alle Genres, die erfolgreich sind. Weißkittel-, sprich Ärztefilme. Heimatfilme. Tralala-, also Schlagerfilme. Er produziert und produziert. Er muss Maria Schell beknien, muss gegen Curd Jürgens Schach spielen, gegen Mario Adorf Armdrücken und Hans Moser eine Modelleisenbahn durchs Hotelzimmer legen, um sie für einen seiner Filme zu gewinnen. Das sind Anekdoten, die Brauner in seinen Memoiren mit dem hübsch größenwahnsinnigen Titel „Mich gibt’s nur einmal“ ausgeplaudert hat. Memoiren, die nun auch schon 40 Jahre alt sind und dringend nach einer Fortsetzung schreien.

Brauner, vor nicht allzu langer Zeit noch ein Verfemter, gehört fest zur High Society. Und liefert den Deutschen den idealen Stoff zur Verdrängung. Mit seiner Glatze und dem markanten Menjou-Bärtchen, das er bis heute trägt, fehlt er auf keiner Party. 1958, zu seiner Glanzzeit, entsteht ein ganzes Viertel der westdeutschen Filmproduktion in Haselhorst. Als in den 60er-Jahren die Edgar-Wallace- und Karl-May-Filme spektakuläre Erfolge feiern, springt Brauner auf den Zug auf, sichert sich die Rechte an allen May-Büchern, die noch frei sind, und die des Wallace-Sohnes Bryan Edgar, dessen Vornamen er im Abspann auf B. verkürzt. Tricks gehören zum Geschäft dazu.

Einmalige filmische Aufklärungsarbeit

Aber Brauner ist nicht nur auf Kommerz aus. Er bringt auch große Exilanten wie Curt Siodmak und den von ihm so verehrten Fritz Lang dazu, zurückzukehren und wieder in Berlin zu drehen. So entsteht auch ein neuer „Mabuse“-Film mit Lang, womit sich für Brauner ein Kindheitstraum erfüllt. Und dann sind da immer noch die toten Augen, die ihn anschauen. Und die Filme, die er wider das Vergessen drehen muss.

Als mit dem Aufkommen des Fernsehens die deutsche Filmbranche zusammenbricht, muss Brauner 1971 auch seine Angestellten, zu Hochzeiten waren das immerhin 500, entlassen. Die Studios lässt er offen und vermietet sie weiter. Er selbst aber beginnt mit einer denkwürdigen Reihe von Holocaust-Filmen wie „Sie sind frei, Dr. Korczak“, „Die weiße Rose“, „Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“. Eine einmalige filmische Aufklärungsarbeit. Die Filme werden zum Teil ins Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen, vielleicht die höchste Ehre für Artur Brauner.

Um den Oscar gebracht

Aber noch immer kann er sich darüber aufregen, dass er einen Film über Schindlers Liste nicht machen durfte, weil er keine Fördermittel bekam. Und dass sein „Hitlerjunge Salomon“, der einen Golden Globe als Bester Fremdsprachiger Film erhielt, von Deutschland nicht auch für den Oscar eingereicht wurde, obwohl ihm von den Amerikanern beste Chancen eingeräumt wurden. Lieber hat das zuständige Auswahlgremium in jenem Jahr gar keinen Film ins Rennen geschickt. Sie haben mich um meinen Oscar betrogen, hat Brauner damals gewettert. Jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, formuliert er das noch schärfer: „Sie haben mich und die Bundesrepublik um den Oscar gebracht.“

Diese Wunde schmerzt noch immer. Er will die Protokolle von damals auffinden und diesen „Skandal sondergleichen“ öffentlich machen. Da ist nichts von Altersmilde. Da wirkt dieser Mann, der anfangs noch so müde wirkte, plötzlich ganz entschlossen und kampfeslustig. Und man ahnt, mit welcher Beharrlichkeit und Unrast er als Produzent immer seine Projekte vorangetrieben hat.

Der zweite Besuch führt uns ins eher verschlafene Spandau, in die Kleine Eiswerder Straße 14. Hier, an der Havel, haben die CCC Filmstudios ihren Sitz. Der Firmenname blitzt einem schon von weitem entgegen, an der Einfahrt fahren wir aber beinahe vorbei, so unscheinbar wirkt sie. Dann führt erst mal ein etwas holpriger Weg zu drei eher schmucklosen Hallen. „Eine Schönheit war sie nie gewesen, meine Filmstadt“, hat der Chef in seinen Memoiren geschrieben. Eher schlicht und zweckfunktional. Hier steht Alice Brauner, die 50-jährige Tochter, in der prallen Sonne und gibt Instruktionen für das Firmenjubiläum, das hier am 23. September zum rauschenden Fest werden soll.

Alice Brauner hat viel vor mit den Studios, in denen zuletzt die Hitler-Parodie „Er ist wieder da“ und die Schirach-Adaption „Terror“ abgedreht wurden. Das soll auch optisch deutlich werden. Dafür wurden in den letzten Monaten die Studios in warmem Terrakotta bemalt. Und die drei Hallen, die 70 Jahre lang bloß Nummern trugen, erhalten Namen. Nach Curd Jürgens, Romy Schneider und die größte Halle nach dem eigenen Vater. Das wollte Artur Brauner eigentlich nicht, das hat die Tochter aber durchgesetzt. Fotografieren lassen will sie sich vor „seiner“ Halle aber nicht. Lieber vor der, in der Romy Schneider ihren letzten Film „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ gedreht hat. Da kommt schon beides durch, Verehrung und Distanz. Es wird nicht das einzige Mal bleiben.

Die Studios wurden aufwändig saniert

Draußen heulen ständig Flugzeuge im Anflug auf Tegel vorbei. Ist aber kein Problem, die Studios wurden bei der Erbauung des Flughafens schallisoliert. Drinnen kann man also in Ruhe drehen. Alice Brauner führt uns in die größte der drei, in die Vater-Halle. Hier atmet jede Ritze Filmgeschichte, hier hat Fritz Lang den „Tiger von Eschnapur“ gedreht und Fassbinder seinen letzten Film „Querelle“. Dennoch ist die Halle ganz leer. Und das nicht nur, weil sie für die Firmenfeier geräumt wurde.

Das sei das geniale Konzept des Vaters. Nur die Studios zu vermieten, aber nicht das Equipment zu stellen. Das hält die Fixkosten so gering wie möglich. „So kommen wir auch über Zeiten, wo die Auslastung nicht so gut ist.“ Wir wundern uns ein wenig. Das Studio Babelsberg klagt ja stets über eine zu geringe Auslastung, wieso in einer solchen Zeit die CCC-Studios aufwändig sanieren?

Hässlicher Streit mit dem Land Berlin

Aber genau das sei der Unterschied: Babelsberg muss eine ganze Armada an Technikern übers Jahr beschäftigen. Produktionsfirmen, die in Haselhorst drehen, bringen ihre Crew und Ausrüstung selbst mit. Und dann können sich ja nur die ganz Großen Babelsberg leisten. Mittelgroße internationale Produktionen wie „Brimston“, der gerade auf dem Filmfestival von Venedig lief, kommen lieber nach Haselhorst, deutsche Produktionen sowieso.

Haselhorst liegt zudem viel näher in der Stadt. Und der Trend, in Berlin zu drehen, nimmt stetig zu. Für Drehgenehmigungen können aber nicht ständig Straßen abgeriegelt werden, daher wird zunehmend wieder in Studios gefilmt. Alles spricht also für die CCC.

Film mit der Muttermilch aufgesogen

Dafür musste Alice Brauner kürzlich einen hässlichen Kampf führen. Weil das Nachbargelände verkauft wurde, sollten Wasser- und Stromleitungen gekappt werden. Die müssten dann über das andere Nachbargelände gelegt werden, das aber gehört dem Land Berlin. Da entspann sich ein zäher Streit, den Alice Brauner nur dank massiven Drucks auch seitens der Medien gewonnen hat. Nun ist das Nachbar-Areal für die nächsten 39 Jahre gepachtet. Es kann also weiter gedreht werden.

Alice Brauner hat schon früh Filmluft geschnuppert. Klar, im Salon des Vaters, im dem wir gerade erst gestanden haben. Aber auch im „Korczak“- Film, in dem sie eines der jüdischen Kinder gespielt hat, die ins Vernichtungslager geschickt werden. Sie hat das damals gar nicht verstanden, hat dauernd kichern müssen, und all ihren Szenen wurden rausgeschnitten. Ihr war dann klar: Schauspielerin wirst du nie. Sie wollte auch etwas ganz anderes werden, um unabhängig vom Vater eigene Wege zu gehen. Als der aber vor zehn Jahren während des Drehs von „Der letzte Zug“ wegen einer Knieoperation ausfiel, bat er die Tochter einzuspringen.

Sie wollte erst nicht. „Mit dir zu arbeiten, ist die Hölle“, hat sie ihm gesagt. „Bei dir gibt es nur zwei Meinungen: deine und die falsche.“ Sie hat es dann doch getan. Ein Sprung ins eisige Wasser. Und festgestellt, dass sie den Film doch mit der Muttermilch eingesogen hat. Das 70-Jährige der CCC ist auch ihr Zehnjähriges. Das wehrt sie bescheiden ab.

Aber sie führt das Werk des Vaters weiter. Denkt auch an neue Formate wie Netflix- und Amazon-Serien, von denen der Vater nichts mehr versteht. Sie würde auch gern Krimis und Bestsellerverfilmungen drehen. Aber dafür bekäme sie keine Fördermittel, „weil man uns“, wie sie glaubt, „in die Schublade jüdische Themen steckt.“ Oder noch drastischer: „Die CCC sind die Holocaust-Experten.“

Genervt und enttäuscht vom Vater

Dieses Klischee will sie durchbrechen. Und noch gegen ein anderes muss sie ankämpfen: den Vergleich mit dem Vater. Es ärgert sie, dass immer noch geschrieben wird, sie müsse sich aus seinem Schatten befreien. „Ich möchte mich null mit meinem Vater vergleichen“, sagt sie mit Verve, „sein Werk ist einmalig.“ Aber sie mache das jetzt seit zehn Jahren, habe schon preisgekrönte Filme gemacht. Sie wolle sich nicht beweihräuchern. „Aber Schatten kann man das wirklich nicht nennen.“

An dieser Verbitterung ist der Über-Vater auch ein bisschen mit Schuld. Denn auch nach einer Dekade ist der Geschäftsführer nach wie vor der Papa. Er hat sein Büro eine Etage über der Tochter, er kommt noch einmal die Woche, arbeitet auch viel Zuhause. Aber das operative Geschäft leitet seit langem die Tochter. Der 98-Jährige kann nur nicht abgeben. Ein klassischer Konflikt bei Familienunternehmen. Nicht einmal eine gleichberechtigte Geschäftsführerschaft räumt er ihr ein.

Die Diskussion führen sie drei Mal im Jahr, aber er bleibt stur. „Das nervt, das enttäuscht mich“, gibt Alice Brauner offen zu. Das sei ein klarer Vertrauensentzug. Das habe aber, beeilt sie sich, keinerlei Auswirkungen auf das Familienleben. Berufliches und Privates könnten sie beide klar trennen. Es hat fast etwas Berührendes, wie sie jetzt den Festakt für die CCC plant, die ja vor allem eine Feier für den Vater wird. Da will sie dann doch ganz die gute Tochter sein. Typisch Familienunternehmen halt.