Film

50 Jahre DFFB: „Ein Labor, um das Sehen zu lernen“

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin wird 50. Ein Treff mit zwei berühmten Absolventen: Angela Schanelec und Christian Petzold

Angela Schanelec und Christian Petzold im Café der DFFB, im neunten Stock des Filmhauses im Sony Center

Angela Schanelec und Christian Petzold im Café der DFFB, im neunten Stock des Filmhauses im Sony Center

Foto: Ricarda Spiegel

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) hat immer stürmische Zeiten erlebt – von ihrem legendären ersten Jahrgang mit Studenten wie Wolfgang Petersen, Helke Sander und dem späteren RAF-Terroristen Holger Meins bis hin zu den jüngsten Studentenprotesten gegen die Wahl des neuen Direktors vor zwei Jahren. Heute wird die DFFB 50. Der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt hat sie am 17. September 1966 in den Räumen des Deutschlandhauses des SFB eröffnet. Das wird am 20. September mit einem großen Empfang im Roten Rathaus gefeiert. Aus diesem Anlass haben wir uns mit zwei prominenten Absolventen des Hauses getroffen, den Regisseuren Angela Schanelec und Christian Petzold.

Sie haben beide an der DFFB studiert. Fühlen Sie sich dem Haus eigentlich verbunden?

Angela Schanelec: Natürlich. Es gibt da eine ganz starke emotionale Verbindung.

Christian Petzold: Die DFFB war die erste Institution nach schulischen Instruktionen. Ich hab ja vorher Literaturstudium an der Freien Universität studiert, auch die war ja irgendwie eine Schule, mit Prüfungen und Seminaren. Die DFFB war die erste Institution, die überhaupt nicht dazu passte, die eine freie Akademie war. Da gab es keine Autorität. Das war eine Freiheit, die einem manchmal auch schwer fiel, die aber das beste war, was ich in der Ausbildung je gelernt habe.

Schanelec: Ich habe im ersten Jahr noch am Schauspielhaus Bochum gespielt. Das war die Phase, in der ich erst entschieden habe, nicht mehr zu spielen. Die DFFB hat mir das ermöglicht, mir die Zeit dafür zu nehmen. Dafür bin ich extrem dankbar.

Sie haben damals noch im Deutschlandhaus am Theodor-Heuss-Platz studiert. Was empfinden Sie hier am jetzigen Standort, am Potsdamer Platz?

Petzold: Zu dem Gebäude hier habe ich keine Verbindung. Im Grunde genommen ist das für eine Metropole wie Berlin ein enttäuschendes Filmhaus. Die Software ist da. Aber Hardware-technisch ist das ein einziges Versagen hier. Mit der Hochschule da oben und dem Arsenal-Kino im Keller versteckt. Das wird ja auch gar nicht als Filmhaus wahrgenommen, das geht hier zwischen all den Bürogebäuden total unter. Das war oben am Theodor-Heuss-Platz, der ja mal Adolf-Hitler-Platz hieß, auch nicht so. Aber da hat man sich wenigstens ein bisschen zuhaus gefühlt. Hier kannst du als Student ja gar nicht raus. Das ist alles ganz wuselig, ganz fremd da draußen.

Schanelec: Das Gute am Deutschlandhaus war das Unspektakuläre. Die Ausstrahlung dieses Ortes hier, die Glätte der Architektur und all die Bürohäuser drumherum, suggeriert möglicherweise einen ganz anderen Druck, eine größere Erwartungshaltung. Aber vielleicht sehen nur wir das so, die wir das Alte erlebt haben. Studenten, die jetzt anfangen, erleben das anders.

Eine der Grundprinzipien des Hauses lautet: „Film kann man nicht lehren, Film kann man nur lernen“. Ist das auch in der Praxis so umgesetzt worden?

Petzold: Der Satz funktioniert wahrscheinlich auch andersrum. (lacht) Anfangs haben wir uns alle alten Filme von früheren DFFB-Absolventen angeschaut. Das ging los mit Wolfgang Petersen, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, die ganze verrückte Anfangszeit. Ging dann weiter mit der maoistischen Zeit, der roten Phase, das verlorene Jahrzehnt, wo unfassbare, aber auch ganz tolle Dinge entstanden sind. Da ist man erst mal eingeschüchtert. Im Grunde war das Sensibilisierungsarbeit. Das kennt man in anderen Institutionen nicht. Es gibt ja auch verschiedene Arten, darauf zu reagieren. Es gab totale Trotzreaktionen, Leute, die die jahrzehntelange Geschichte zerschlagen wollten, aber eben auch viele, die den Staffelstab aufgenommen haben. Man muss das Sehen lernen, darum geht es.

Schanelec: Bei all den Lehrenden stand nicht das Lehren im Vordergrund, sondern das Interesse am Film. Dass haben sie mit einem geteilt, und davon haben wir profitiert. Damals, 1990, gab es ja eigentlich nur drei Hochschulen. Potsdam kam für mich nicht in Frage, München auch nicht. Ich kannte die Geschichte des Hauses nicht so speziell, aber ich kannte den Ruf, den die Schule hatte. Ich konnte hier noch mal von vorne anfangen. Ich war damals 28...

Petzold: Ich auch, als ich anfing.

Schanelec: Das war auch der Schnitt meines Jahrgangs. Nicht wie heute, jetzt sind alle sehr viel jünger. Ich hab hier wirklich mit dem Gefühl begonnen, ich fang noch mal ganz von vorn an.

Andere Filmhochschulen, heißt es, orientieren sich viel enger an der Filmwirtschaft, da geht es mehr um Effizienz, um Mainstream. Ist die DFFB die einsame Oase, die mehr Individualismus fördert?

Petzold: Ich kann natürlich nicht von heute sprechen. Aber auf Festivals waren Abschlussfilme von der HFF München sechs Minuten lang, mit hervorragendem technischen Production Value, und die Sponsorencredits am Ende waren länger als der Film. Die waren sofort eingebettet in Wirtschaft. Die DFFB hatte das gar nicht. An uns hatte noch nicht mal der SFB Interesse, obwohl er ja direkt neben uns lag. Die mochten uns nicht, die wollten nichts mit uns zu tun haben. Man hatte sogar das Gefühl, die gaben einem in der Kantine altes Essen.

Sie dozieren heute teils selber. Wie ist das, auf der anderen Seite des Pultes zu stehen?

Petzold: Na, es ist ja eben kein Pult. Seminare sind eher kollektives Sehen von Film. Das ist das Tolle, dass man kein Lehrbuch hat, wie Film funktioniert, sondern gemeinsam Filme analysiert. Es geht darum, das Sehen zu lernen. Und das Sprechen. Filmemachen ist ja letztlich eine Sprache.

Sie gehören beide zur Berliner Schule. Wie eng ist sie mit der DFFB verzahnt?

Schanelec: Inzwischen ja gar nicht mehr. Christoph Hochhäusler hat in München studiert, Ulrich Köhler in Hamburg, Valeska Grisebach, ich weiß nicht, in Wien? Müssen wir wirklich über dieses Label sprechen? Das erzählt nichts mehr. Der Begriff kam einfach zustande, weil Christian, Thomas Arslan und ich hier studiert haben...

Petzold: … und wir alle drei Bitomsky-Seminare besucht haben. Wir haben auch eine Veranstaltungsreihe mit Filmen gemacht.

Schanelec: Ja, das war toll. Auch wenn da immer alle rausgegangen sind.

Petzold: Außer der Berliner Schule. Wir sind die Sitzenbleiber!

Schanelec: Ich kann aber sagen, dass ich mich, als das mit der Berliner Schule aufkam, sehr gefreut habe. Weil es mir ein Gefühl vermittelt hat, dass ich nicht allein bin. Wir haben auch eine Zeit lang sehr davon profitiert, weil die Filme in diesem Paket einfacher zu vermarkten waren, auch international öfter gezeigt wurden.

Petzold: Aber dann ist es sehr schnell ins Gegenteil gekippt. Jetzt wird es ja fast als Schimpfwort benutzt.

Die DFFB war gleich zu Beginn von starken Unruhen geprägt. Nun gab es vor zwei Jahren einen großen Aufstand bei der Wahl eines neuen Direktoren. Ist die DFFB dafür besonders anfällig?

Petzold: Die Studenten hier bestimmen einfach mit, wer sie doziert. Das ist eine schöne Freiheit. Ich bin davon überzeugt, das alle freien Institutionen von Bürokraten und Apparatschiks gehasst werden. Da steckt dasselbe Denken dahinter, ein Studium mit Bachelor und Master und Bologna in Selbstoptimierung zu zwängen. Man muss nicht immer gleich auf Effizienz und schneller Marktvorbereitung aus sein, man muss das Labor auch einfach mal in Ruhe lassen. Aber es gibt Leute, die zählen nur Geld. Die meinen dann, die DFFB kostet so viel wie ein Eurofighter.

Schanelec: Ich muss aber sagen, dass ich trotz aller Verbundenheit die DFFB heute nicht mehr kenne, die Studenten nicht kenne. Das bedauere ich eigentlich.