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"Kabarett der Namenlosen" feiert den Geist der 20er-Jahre

Mit ihrer Partyreihe „Bohème Sauvage“ feiert Else Edelstahl Erfolge. Nun hat die Veranstalterin das „Kabarett der Namenlosen“ eröffnet

Else Edelstahl organisiert die "Bohème Sauvage"-Partys

Else Edelstahl organisiert die "Bohème Sauvage"-Partys

Foto: Reto Klar

Lebedame und Partygirl. So könnten wohl die offiziellen Berufsbezeichnungen von Else Edelstahl lauten. Doch hinter der Schönen mit den platinblonden Wasserwellen und dem tiefrot geschminkten Mund verbirgt sich noch viel mehr: Sie ist die Veranstalterin und Gastgeberin der „Bohème Sauvage“-Partys, rauschenden Festen ganz im Stil der 20er-Jahre, die längst eine feste Institution in der Stadt sind.

Dabei war es eher ein Zufall, dass Else Edelstahl ein Faible für die „Roaring Twenties“ entwickelt hat. Ursprünglich kam sie 1999 mit gerade mal 18 Jahren aus Duisburg nach Berlin, um zu studieren. Linguistik, Mediävistik und Skandinavistik. Doch der Wissenschaftsbetrieb war ihr viel zu theoretisch. „Ich bin ein praxisorientierter Mensch“, bekennt sie. Daher schmiss sie das Studium und machte ein Praktikum bei einer Booking Agentur, bei der sie anschließend auch arbeitete.

Mit 22 fing sie an, Veranstaltungen zu organisieren. Auslöser war Pierre A. F. Choderlos de Laclos Roman „Gefährliche Liebschaften“ aus dem Jahr 1782 und Stephen Frears’ Verfilmung von 1988. „Die Intrigen und Spiele haben mich angeregt zu parallelen Identitäten“, erinnert sich Else Edelstahl. Schließlich hatte sie schon als Teenager Spaß daran, in Rollen aus anderen Epochen zu schlüpfen. So zeigte sie Bühnen-Schwertkämpfe und Choreographien auf Mittelaltermärkten. Das Zeitalter des Rokoko faszinierte sie. Sie begann, auf Bälle zu gehen und sich dafür die aufwendigen Roben selbst zu schneidern. Das schnellste Kostüm gelang ihr in zweiwöchiger, tage- und nächtelanger Handarbeit. Dabei hat sie das Schneidern nie gelernt. Heute ist die aufgerüschte Spielart des Barocks zwar bei ihr passé, ihre bewährte Arbeitsweise hat sich aber erhalten. „Wenn ich eine Idee habe, plane ich nicht, sondern lege los. Verbesserungen und Entwicklungen kommen dann mit der Zeit“, erklärt sie.

Die Gastgeberinnen waren immer Damen der Gesellschaft

Was mit den Kleidern funktionierte, klappte bald schon auch mit den Veranstaltungen. Damit begann sie zunächst im kleinen, privaten Kreis – durch einen Zufall. Sie entdeckte auf einem Flohmarkt ein Buch über die legendären Pariser Salons und war augenblicklich fasziniert von diesem Stück europäischer Kulturgeschichte. „Es waren immer Damen der Gesellschaft, die Gastgeberinnen waren, wie die Schriftstellerin und Salonnière Rahel Varnhagen hier in Berlin“, schwärmt sie. Für sie war damals sofort klar: „Ich wollte auch einen Salon haben!“ Im März 2003 ging es los. Dafür dachte sich die Blondine mit einer Freundin die fiktiven Biografien eines Schwesternpaars namens Emma und Else Edelstahl aus. Heute steht der Name ganz amtlich in ihrem Personalausweis. Ihren bürgerlichen Namen nutzt sie kaum noch.

Perfekt waren die ersten Salonversuche noch nicht. „Ich hatte mit den 20er-Jahren nicht viel am Hut. Neben der historischen Einordnung hatte ich die üblichen Bilder aus ,Cabaret’ und dem ,Großen Gatsby’ im Kopf“, gesteht sie. Aus der anfänglichen Improvisation wurde schnell eine Leidenschaft. Else Edelstahl setzte sich intensiv mit der Epoche auseinander.

Ihr Wissen ließ sie auf so elegante wie charmante Weise zuerst beim Salon einfließen, später dann bei den „Bohème Sauvage“-Partys. Die erste fand im Mai 2006 statt. „Es war ein Experiment. Damals gab es keine ernsthaften Veranstaltungen aus dieser Zeit mit strengem Dress-Code. Mittlerweile findet man so etwas ja beinahe an jeder Ecke“, sagt Else Edelstahl. Aber nichts davon gleicht ihren stilsicheren Festen.

Das Label „Bohème Sauvage“ zelebriert als „Gesellschaft für mondäne Unterhaltung“ jedes Mal aufs Neue eine bis ins Detail perfekte Hommage an das exquisite, frivole Nachtleben der 20er-Jahre. Bereits beim Einlass erhält man ein Päckchen mit Spielgeld in Reichsmark und Tanzkarten für die Damen. Je nach Lust und Laune kann man dann damit im Casino Roulette, Black Jack und Poker spielen. Oder man stürzt sich an der Absinth-Bar ins wilde, feuchtfröhliche Vergnügen. Neben einer Live-Band stehen auch halbnackte Burlesque-Schönheiten auf der Bühne und inspirieren zum Tanz. Neulinge können vorab beim Schnellkurs Charleston, Swing und Tango üben und dann eine heiße Sohle aufs Parkett legen.

Das Wichtigste aber ist natürlich die passende Bekleidung. Die Herren erscheinen mit Zylinder, Frack samt Einstecktuch und Monokel. Die Damen in perlenbestickten kurzen Kleidern mit funkelnden Stirnbändern und Federboas. Um ihren Gästen die Wahl des richtigen Outfits zu erleichtern, hat Else Edelstahl gemeinsam mit Tilda Knopf „Le Boudoir“ eröffnet. Nach vorheriger Terminvereinbarung kann man hier 20er-Jahre-Garderobe ausleihen. Ohnehin hat sich Else Edelstahls „Bohème Sauvage“ zu einem kleinen Geschäftsimperium gemausert. Inzwischen organisiert sie ihre Feste auch in Köln, Hamburg, Wien und Zürich.

Stets auf der Suche nach dem authentischen Lebensgefühl

Längst ist die Veranstalterin auch selbst eine vorzügliche Kennerin der 20er-Jahre. Für sie die spannendste und aufregendste Zeit überhaupt. Die lässt sie auch als Produzentin wiederaufleben. Wie gerade mit dem englischen Regisseur Le Pustra und einem tollen Ensemble in „Kabarett der Namenlosen“. „Wir hatten dieselbe Vision einer Show. Düster, erotisch, immer am Abgrund balancierend. Inszeniert wie eine Traumwelt, aber auch mit lustigen Figuren“, beschreibt sie das Programm, das am 16. September im Ballhaus Berlin Premiere feiert.

Direkt im Anschluss daran gibt es natürlich eine der rauschenden „Bohème Sauvage“-Ballnächte. Ein Komplettpaket mit dem authentischen Lebensgefühl jener Zeit. Else Edelstahl sagt: „Die war geprägt vom Unberechenbaren und von Umbrüchen. Der berühmte, ekstatische Tanz auf dem Vulkan also, wo niemand weiß, was morgen sein wird.“

Bohème Sauvage „Kabarett der Namenlosen“, 16.-21.9., 20 Uhr, Ballhaus Berlin, Chausseestr. 102, Mitte, Tickets über www.boheme-sauvage.de, Kostümgeschäft Le Boudoir, Boxhagener Straße 110, Friedrichshain, Tel: 0160/346 31 90