Kultur

Ein Saal der Nähe

Im März wird der Pierre-Boulez-Saal eröffnet. Dirigent Daniel Barenboim und Architekt Frank Gehry setzen auf einen Konzertsaal, der vor allem exklusiv sein soll

Ein neues Gebäude in Betrieb zu nehmen, kann mühsam sein. Vorn auf der Bühne sitzen der Berliner Stardirigent Daniel Barenboim, neben ihm der in Kalifornien lebende Stararchitekt Frank Gehry und der weltweit gefragteste Akustiker Yasuhisa Toyota und sie wollen mit der Pressekonferenz zum neuen Pierre-Boulez-Saal beginnen. Aber Barenboim blenden die Scheinwerfer, er bittet unmissverständlich, sie auszuschalten. Hektischer Aktionismus beginnt, Minuten später ist das Oberlicht aus, nur die Scheinwerfer strahlen weiter. Barenboim rückt mit seinem Sessel missmutig vor und zurück, dann beginnt die Veranstaltung. Bald darauf gehen die Scheinwerfer aus.

Der Pierre-Boulez-Saal ist ein gewichtiger Teil der Barenboim-Said Akademie, einer neuen Musikhochschule für Studenten aus dem Nahen Osten in Berlin-Mitte. Es ist ein vom Bund maßgeblich gefördertes Friedensprojekt, vor allem aber ist es ein musikalisches Lieblingsprojekt von Barenboim. „Ich dachte, wir müssen etwas Besonderes machen“, sagt er im Foyer der Akademie. Der Saal wird seine eigene Persönlichkeit haben, so Barenboim. Der Name erinnert an einen Freund, den Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez hat er sehr verehrt. Boulez sei auch der einzige andere Dirigent gewesen, der am Pult des West-Eastern Divan Orchestra stand. Das Orchester, in dem Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam spielen, hat künftig sein geistiges Zentrum in der Akademie. Der Boulez-Saal wird wohl für viele junge Musiker das erste Podium sein. Beim Eröffnungskonzert des Saales am 4. und 5. März 2017 spielt das neu gegründete Boulez-Ensemble unter Barenboims Leitung. Dem neuen Ensemble gehören Musiker der Staatskapelle und des Divan Orchestra an. Im Boulez-Saal sollen rund 100 Veranstaltungen pro Saison stattfinden.

Intimität zwischen Musikern und Zuhörern

Wer den von zwei Ellipsen geprägten Konzertsaal das erste Mal betritt, kommt ins Staunen. Viel Holz, viel Licht und das Gefühl von Schwerelosigkeit. Der Boulez-Saal ist ein modularer Raum mit mobilen Sitzreihen, er kann sich in seiner Gestalt jedem Konzert anpassen. Auf 850 Quadratmetern soll die Distanz zwischen dem Dirigenten und dem entferntesten Sitzplatz maximal 14 Meter betragen. Es ist ein Saal der Nähe. Bis zu 682 Zuhörer sollen Platz finden in dem Kammermusiksaal.

„Ich wollte eine Intimität zwischen Musikern und Zuhörern schaffen“, sagt Gehry: „In einem Konzertsaal ist es wichtig, dass die Musiker die Gefühle des Publikums spüren.“ Es werde der schönste Konzertsaal sein, sagt der Architekt, „den eine Schule egal wo auf der Welt je besessen hat“. Gehry erklärt, dass es sich beim Boulez-Saal nicht um einen außenstehenden Konzertsaal wie die Philharmonie oder die Disney Hall handelt, sondern um das Innere eines alten Gebäudes. Er erklärt daraus eine besondere Verbindung zur Stadt. Darüber hinaus schwärmt Gehry von Boulez. Der Japaner Toyota hingegen erklärt, was man bei der Akustik des Saales alles beachten muss. Es klingt kompliziert. Gehry und Toyota, die kostenlos für das Projekt arbeiteten, erhalten am Montag die ersten beiden Eintrittskarten – natürlich eingerahmt – überreicht.

Die Konzertkarten werden zwischen 15 und 95 Euro kosten, erklärt später Ole Baekhoj, der Intendant des Pierre-Boulez-Saales. Berlin hat also ein neues Intendantenamt geschaffen. Der gebürtige Däne, Jahrgang 1970, hat zunächst Kontrabass, später Betriebswirtschaftslehre studiert. Er hat eine durchaus wechselhafte Karriere hinter sich. Dabei war er unter anderem an der Eröffnung des neuen Konzertsaals beteiligt. Zuletzt leitete er in Berlin das Mahler Chamber Orchestra. Seit vergangenen Oktober gehört er mit zum Team. Er gehört zu jenen Intendanten, die Visionen und vor allem gute Stimmung verbreiten können.

Noch ist dem ganzen Projekt anzumerken, dass sich vieles erst im Akademie- und Spielbetrieb entwickeln wird. Es braucht Zeit. In einigen Jahren werden 90 Studenten durch die Akademie wuseln und sich um die Auftrittsmöglichkeiten rangeln. Für die erste Spielzeit, die von März bis Juli geht, kündigt Barenboim zwei neue Auftragswerke an – eines von Jörg Widmann und eines von Johannes Boris Borowski. Widmann ist an der Akademie der Professor für Komposition. Er wird in Berlin eine eigene ästhetische Schule begründen – und man kann gespannt sein, was sich daraus entwickelt.

Der Saal soll eine Heimat für zeitgenössische Musik sein, so Barenboim, aber auch für arabische und persische Musik. Von Letzterem ist in der Eröffnungssaison noch wenig zu erleben. Zu den länger angelegten Projekten gehört die Aufführung aller 600 Schubert-Lieder. Er hasse Konzertsäle, platzt Barenboim irgendwann heraus, die wie Garagen funktionieren. Wo jeder sein Auto abstellen könne. Der Boulez-Saal soll etwas Eigenes sein. Das klingt nach dem Willen zur Exklusivität.