Seine erste Begegnung mit der Welt des Films hatte Helmut Dietl im zarten Alter von knapp sieben Jahren. Für eine deutsch-französische Koproduktion wurde ein Kind gesucht: blond, dicklich und blaue Augen. Der kleine Helmut war so ziemlich das genaue Gegenteil, dunkelhaarig, mager, braune Augen. Dennoch nahm ihn seine Großmutter zum Casting mit. Immerhin war sie die Witwe des Stummfilmschauspielers Fritz Greiner.

Da standen sie denn, umringt von lauter blonden, dicklichen, blauäugigen Jungs, die genauso verwundert guckten wie deren Mütter. Die Oma stürmte aber gleich ins nächste Zimmer, wo sie zurecht den Regisseur vermutete. Der streichelte dem Bub übers Haar und sagte: „Voilà.“ Die Rolle ging an Dietl.

Zwei wollen immer was anderes

Den Film, den er da gedreht hat, durfte er damals nicht sehen, weil er noch zu jung war. Als er alt genug war, wurde „Verträumte Tage“ nicht mehr gespielt. Dies war auch nicht der Beginn, sondern schon das Ende einer Karriere als Schauspieler.

Immerhin durfte Dietl den Filius von O.W. Fischer spielen und eine der großen (männlichen) Diven des deutschen Films aus der Nähe bestaunen. Vor allem hatte er eine erste Lektion im Film gemacht: dass es beim Drehen immer zwei gibt, die das Sagen haben. Produzent und Regisseur. Und dass der eine oft das Gegenteil vom anderen will.

Die Erzählung seiner Jugend ist eine Art letzter Film

Eine großartige Szene. Fast zu schön, als dass man sie glauben mag. Scheint sie doch wie gemacht von einem, der nicht nur selbst Regisseur werden (und das letzte Wort behalten) sollte, sondern auch seine Drehbücher bis in die letzte Pointe feilte und schliff. Die Anekdote ist aber auch a bissel symptomatisch für Dietls Autobiografie „A bissel was geht immer“. Um den Film geht es schon, aber nicht so, wie man es bei einem Filmemacher erwarten würde.

Als sein letzter Film „Zettl“ bei der Kritik als auch beim Publikum floppte, verfiel der Erfolgsverwöhnte in eine regelrechte Depression. Aber er musste schreiben, das hat er immer getan, das trieb ihn an. Also beschloss er, seine Memoiren zu schreiben. Den Film seines Lebens. Zum ersten Mal allein, ohne Koautor. Dietl schrieb und schrieb. War wieder in seinem Element. „Ich bin“, soll er seiner Frau Tamara Dietl triumphierend gesagt haben, „schon fast bei 200 Seiten und noch lange nicht das erste Mal verheiratet.“

Sein letzter Film konnte an die früheren Erfolge nicht mehr anknüfen:  „Zettl“
Sein letzter Film konnte an die früheren Erfolge nicht mehr anknüfen: „Zettl“© Warner

Bis dahin sollte er es nie bringen. Im Oktober 2013 erhielt er seine Krebsdiagnose. Nach einer Chemotherapie im Frühjahr 2014 wollte er weiterschreiben, doch es gelang ihm nicht recht. Er suchte Rat bei einem Koautor, seinem besten, Patrick Süskind. Machte mit ihm Notizen über die Zeit, als sie gemeinsam an der SErie „Kir Royal“ arbeiteten. „Über die Zeit dazwischen“, dachte er, „werde ich später schreiben.“ Dazu sollte es nicht mehr kommen. Dietl, der legendäre Regisseur von „Monaco Franze“, „Schtonk!“ und „Rossini“, starb am 30. März 2015. Seine Memoiren erscheinen nun postum, als „Unvollendete Erinnerungen“.

Es sind irgendwie zwei Bücher, die auch stilistisch ganz anders sind. Das erste eine klassische Autobiografie, die ganz am Anfang beginnt. Mit zwei Großmüttern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wie Antagonisten in einem Drehbuch, und einer starken, autarken Mutter. Drei Frauen, zwischen denen der Knabe in eher ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Früh, noch als Kind, beginnt Dietl mit dem Schreiben, anfangs von Gedichten.

Einer seiner größten Erfolge: „Schtonk“ mit Götz George picture-alliance / KPA Honorar

Früh beginnt auch das Interesse für Frauen. Minutiös beschreibt er seine ersten Küsse, Amouren und Bettgeschichten. Unter anderem mit der Tochter von Elfie Pertramer, der Kabarettistin, in deren Vorgarten Dietl auch Walter Sedlmayr kennenlernt, mit dem er später seine erste Erfolgsserie „Münchner Geschichten“ drehen wird. Eine frühe Liebesreise führt auch nach Cannes, wo es ja ein gewisses Filmfestival gibt.

Aber nie wird hier etwas vorausgeahnt vom späteren Leben, von der Welt des Films, die die seine werden wird. Weitgehend ist dies ein ganz exemplarischer Werdegang einer Jugend in den 50er-Jahren. Schule, Pubertät, Wehrdienst, wie ihn die meisten erlebt haben. Hätte Dietl noch die Zeit gehabt, seine Memoiren zu vollenden, es wäre ein dicker, zentnerschwerer Wälzer geworden.

Aber so schön es ist, diese Schlüssellochperspektive einzunehmen, so schade ist es doch, dass sie abreißt, bevor sein Leben für die Öffentlichkeit erst richtig interessant wird. Im Sommer 1967 endet der Erzählfaden. Die Fragmente, die als eine Art Epilog folgen, sind eher Notizen, noch nicht in Form gebracht.

Den Hauptdarsteller erst kurz zuvor gefunden: „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz (M.)
Den Hauptdarsteller erst kurz zuvor gefunden: „Kir Royal“ mit Franz Xaver Kroetz (M.) © BR/WDR | BR/WDR

Wir erleben da, wie Dietl auf der verzweifelten Suche nach einem Hauptdarsteller für „Kir Royal“ ist, wie er erst an den Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger denkt und dann ernsthaft an Helmut Berger, den längst abgehalfterten Visconti-Star. Noch drei Wochen vor Drehstart hat er keinen Baby Schimmerlos – und hätte ihn aus Not fast selber gespielt. Doch noch mal selber Schauspieler! Aber dann fällt ihm plötzlich Franz Xaver Kroetz in den Schoß – den die Produzenten erst nicht haben wollen. Da ist sie wieder, die Ur-Erfahrung des kaum siebenjährigen Buben. Der Rest ist Fernsehgeschichte.

Mit der Ausführlichkeit, dem Erzählschwung und dem feinen Humor des ersten Teils hätte man gern auch das spätere Leben aufgeblättert und all die berühmten Partnerinnen geschildert bekommen. Er war ja nun mal ein Mann, der die Frauen liebte. „Für das, was ich nicht geschafft habe, können die Leute ja meine Serien und Filme schauen“, hat sich Dietl am Ende getröstet. „In meinem Werk steckt die ganze Wahrheit über mich. Das bin ja sowieso alles ich.“

Helmut Dietl: A bissel was geht immer. Unvollendete Erinnerungen. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 22,90 Euro.