Kurz vor dem Schlosspark Theater hat unser Fotograf plötzlich ein riesiges Klebeband in der Hand. Meinst du, fragt er, Angelika Milster lässt sich das auf den Mund kleben? Ich bin entgeistert. Wieso sollte sich die Sängerin und Schauspielerin von uns den Mund verbieten lassen? Kriegt sie das nicht in den falschen Hals? Ist das Gespräch dann nicht vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat? Am Ende hat Angelika Milster nicht nur das Band auf dem Mund, sie klebt sogar an einem Baum fest.

Damit sind wir gleich beim Thema. Ab kommenden Sonntag wird die 64-Jährige in Steglitz in „Doris Day – Day by Day“ in die Rolle des Hollywoodstars schlüpfen. Und eigentlich wollen wir sie ja fragen, was sie mit der berühmten Lady gemein hat. Aber das ist nun eigentlich schon beantwortet. In ihren Filmen wurden Doris Day immer wieder Torten, Ketchup oder Eier ins Gesicht geklatscht. Und sie hat, der Lacher war ihr sicher, alles mit sich machen lassen. Angelika Milster aber hat schon bewiesen: Auch sie ist für jeden Spaß zu haben.

„Ich kann nicht singen wie sie und sehe auch nicht so aus“

Als Dieter Hallervorden vor einem Jahr zur Jahrespressekonferenz seines Theaters lud, verkündete er schon ein Stück über das Leben von Doris Day. Nur wer die Rolle spielen sollte, das war noch offen. Er, beruhigte Hallervorden, werde es jedenfalls nicht sein. Schließlich kam man auf Angelika Milster, einen der wenigen Stars des deutschen Musicals. Dabei empfindet die sich erst mal als Fehlbesetzung. „Ich kann nicht singen wie Doris Day, ich kann nicht spielen wie Doris Day. Und ich habe auch nicht die Figur von Doris Day, das wäre ja toll!“

Stimmt natürlich nicht. Singen kann die Milster. Das weiß jeder, der mal von ihr „Erinnerung“ aus dem Musical „Cats“ gehört hat. Spielen kann sie auch. Das beweist sie unter anderem am Renaissance-Theater, wo sie seit Jahren im Erfolgsstück „Ewig jung“ mitwirkt. Aber sie hat sichtlich Bammel vor der Hammerrolle. Andere scheinen durchaus etwas Dorismäßiges, Dayhaftes in ihr zu sehen.

Und so sieht sie ohne Klebeband aus: Angelika Milster am Schlosspark Theater
Und so sieht sie ohne Klebeband aus: Angelika Milster am Schlosspark Theater© Reto Klar | Reto Klar

Vor zwei Jahren kam schon ein anderes Theater mit einem ähnlichen Projekt auf sie zu. Das kam jedoch nicht zustande. Nun hat Rainer Lewandowski für das Schlosspark Theater ein eigenes Musicaldrama geschrieben. Und wieder hat man sie gefragt. Scheint also nahezuliegen, die Idee. „Anscheinend“, sagt die Milster, als sie im Café neben dem Theater in ihrem Cappuccino rührt.

Was hat die Berlinerin gemein mit dem großen, deutschstämmigen Star Doris Day geborene Kappelhoff? Sie singen gern – klar. Sie machen alles mit – das wissen wir ja jetzt. Sie sind beide sehr unabhängig. Sie hegen eine große Liebe zu Tieren. Wobei die Day ihr Leben Hunden und Katzen verschrieben hat, die Milster es hingegen bei einem Hund, ihrem Mischling Chico, belässt. Und: Beide lieben ihr Privatleben. La Milster genießt es, wenn sie nach langen Konzerttouren oder Theaterwochen heim kommt, um „sich aufzufüllen“.

So weit zu gehen wie die Day, die, in den 60ern einer der erfolgreichsten Filmstars, sich in den 70ern aber komplett zurückgezogen hat, das könnte sich die Milster aber nie vorstellen. „Vielleicht nach der Premiere.“ Sagt sie in vollem Ernst. Lässt eine Schrecksekunde vergehen. Und grinst dann breit: „Spaß!“

Das Original: Doris Day
Das Original: Doris Day© Getty Images | Getty Images

Um etwaige Ähnlichkeiten soll es aber gar nicht gehen. Sie will keine Kopie von Doris Day machen. Will einfach ihr Leben erzählen. Und ihre Lieder. Wahnsinn, was für ein Repertoire die Frau hat. 600 Songs. Ein letztes Album noch mit 87 Jahren! Und solche Evergreens. Wie zum Beweis stimmt die Milster kurz „Sentimental Journey“ an. Und alle im Café verstummen und blicken erwartungsfroh zu ihr hin. Von wegen, sie kann nicht singen wie die Day!

Angelika Milster hat sich die alten Filme nicht noch mal angeschaut, hat Doris Day auch nicht studiert. Das, sagt sie, sei immer eine delikate Angelegenheit, eigentlich „ein Tanz auf der Rasierklinge“. Denn natürlich hat sie Respekt vor dieser lebenden Legende. Aber man muss sich doch einen Freiraum lassen. Es sei ja schon sie, die Doris Day spielt. „Man muss“, betont sie, „dann auch diese Gesichtskarte spielen.“

Der eine Song, der sie begleitet

Es gibt natürlich noch eine Gemeinsamkeit. Beide haben einen Song, der fest mit ihnen assoziiert wird. Bei Doris Day ist es „Que sera, sera“, ein Lied, das sie anfangs eigentlich gar nicht singen wollte. Bei Angelika Milster ist es „Erinnerung“, seit sie vor 30 Jahren in Hamburg im Musical „Cats“ gespielt hat. Singt sie das eigentlich noch gern, oder geht ihr das womöglich auf die Nerven?

Nein, da ist sie Vollprofi. Das Lied gehöre zu ihrem Leben – wie ihr roter Lippenstift. „Dieses Lied singen zu dürfen, war damals eine Sternstunde für mich.“ Da dürfe man sich nicht beklagen: Oh, jetzt muss ich das schon wieder singen. Ach, ich muss schon wieder ein Autogramm geben. Bescheiden sollte man sein. Und froh, dass die Leute das überhaupt noch von einem haben wollen.

Üben, üben, üben: Proben mit Regisseur Holger Hauer und  Pianist Ferdinand von Seebach
Üben, üben, üben: Proben mit Regisseur Holger Hauer und Pianist Ferdinand von Seebach © dpa | Britta Pedersen

Angelika Milster ist da immer ganz bodenständig geblieben. Nur vor einem graust es ihr wirklich: Lampenfieber. Das hat sie nie bezwungen. Das wird mit den Jahren auch nicht weniger, eher mehr. Zumal die Leute ja eine gewisse Erwartungshaltung haben, wenn sie zu ihr kommen. Dann eine lebende Legende wie Doris Day zu spielen, von der jeder eine Vorstellung hat, macht es natürlich nicht einfacher.

Da helfe nur „Üben, üben, üben“, meint sie. Das ist natürlich das Motto von Caterina Valente. Als wir das erkennen, ist Angelika Milster ehrlich überrascht. Um dann zu verraten, dass sie heute erst mit der Valente, mit der sie bekannt sei, telefoniert habe. Und die wohne ja in Los Angeles. Als Nachbarin von Doris Day. Und sei mit ihr sehr eng befreundet. Wie klein doch die Welt ist! Eigentlich müsste man Frau Valente nun zur Premiere am Sonntag einladen. Und ihre 94-jährige Nachbarin gleich mit. Was würde die Milster dazu sagen? Da hat sie wirklich Bammel: „Ich würde mir in die ...“ Wir grinsen breit. Spaß!