Album

Britney Spears zeigt von allem ein bisschen

Das neue Album von Britney Spears ist eine bunte Tüte. Dabei klingt sie manchmal wie ein Schlumpf auf Helium.

Britney Spears

Britney Spears

Foto: Sony Music/ Randee St. Nicholas

Es gibt diese Momente bei Facebook, wo plötzlich eine längst vergessene Dateileiche aus der Freundesliste auf dem Bildschirm aufpoppt. Ah, die aus der Oberstufe hat geheiratet. Sieh an, jemand aus der Parallelklasse ist auf Bali. Ein Blick, kein Klick, und dann verschwinden sie wieder aus dem Gedächtnis. Noch so ein Moment: Oh, Britney Spears hat ein neues Album veröffentlicht. „Glory“. Aha. So, so.

Sicher, die meisten kennen ihren Namen und ihren Status als eine der erfolgreichsten Popsängerinnen der vergangenen 20 Jahre. Nur hören will sie hierzulande kaum noch jemand. Ihr Debütalbum „Baby One More Time“ wurde 1999 weltweit über 31 Millionen Mal aus den Regalen gerissen. Beim Album „Britney Jean“ hingegen griffen vor drei Jahren in Deutschland gerade noch 20.000 Interessierte zu. Das ist selbst im Streaming-Zeitalter desaströs für einen Weltstar.

Der Einsatz von Vocodern und Effekten ist brutal

Am Hungertuch nagt sie trotzdem nicht. Schließlich musste sie die Kon­trolle über ihre Finanzen nach Jahren der Skandale, Ausfälle, Sorgerechtsprozesse und anschließender Entmündigung an ihren Vater abgeben. 31 Millionen Dollar soll sie 2015 verdient haben. Ihre Konzert-Residenz im Planet Hollywood Resort Las Vegas mit der Show „Britney: Piece Of Me“ ist ein von viel Kritikerlob begleiteter, seit 2013 mehrfach verlängerter Erfolg. Es ist allerdings auch eine Playback-Show.

Das mit dem Singen ist auch auf „Glory“ wieder so eine Sache. Der Einsatz von Auto-Tune, Vocodern, Pitchern und weiteren Effekten ist geradezu brutal. Zu gern möchte man an die originalen Aufnahmen gelangen. Oder lieber doch nicht. In „Love Me Down“ singt Britney stark verzerrt, in „Invitation“ flüstert sie kaum wiedererkennbar, und in „Private Show“ quakt sie wie ein Schlumpf auf Helium. Für Abwechslung ist also bei den – je nach Edition – zwölf bis 17 neuen Liedern gesorgt, dafür stehen auch knapp 30 Songschreiber und 14 Produzenten, die zwei Jahre lang an „Glory“ feilten, schraubten, tüftelten und bastelten.

Eine bunte Tüte

Eine bunte Tüte, einmal das Regal abfahren und mit dem Arm Ware wahllos in den Wagen räumen. Man steht vor „Glory“ wie ein Kind am Naschi-Kiosk im Freibad, unentschlossen, was es denn nehmen soll. Na gut, nehmen wir einen davon: Der Eröffnungssong „Invitation“ ist eine nette Einladung zum Anhören, ästhetischer Downtempo-Pop, der an Santigold erinnert.

Und einen davon: Das mehrdeutige „Do You Wanna Come Over“ ist derart treibend und clubtauglich, dass man es sich glatt bei der nächsten Party vom DJ wünschen würde. Würde. Denn mit Britney-Spears-Wünschen erntet man in guten Clubs mindestens Ignoranz, wenn nicht Hausverbot.

Und noch einen davon: „Hard To Forget Ya“ geht auch wieder gut in die Beine. Dann nehmen wir noch von den Bonustracks „Coupure Électrique“, weil Britney und Texte auf Französisch irgendwie exotisch wirken. Schwierig, mehr zu dem Lied zu schreiben, ohne ins Anzügliche abzugleiten. Der Rest von „Glory“ pendelt zwischen netten R’n’B-Balladen wie „Make Me ...“, dem nicht mal plumpen Synthiebrett „Clumsy“, dem Totalausfall „Private Show“ und Füllmaterial, das so dekorativ ist wie Fensterkitt, aber das Album irgendwie zusammenhält.

Plakative Schlüpfrigkeiten

Keine schlechte Platte, aber wohl auch keine, die sie wieder auf Augenhöhe mit Taylor Swift, Katy Perry oder Beyoncé bringen dürfte. Und die plakativen Schlüpfrigkeiten, die nach wie vor die Texte durchziehen, wirken auch aufgesetzt bei einer 34-Jährigen, die im Prinzip auf Schritt und Tritt von besseren Kindermädchen überwacht wird.

Wir blättern trotz Streaming-Zeitalter auch im CD-Heft. Erwartungsgemäß hat Britney Spears auf der Hälfte der Bilder wenig an, die Retusche sorgt für Weichzeichner und sieht aus wie ausgeblichene Fotos aus dem heimischen 90er-Jahre-Printer. Zu gern möchte man an die originalen Aufnahmen gelangen. Oder lieber doch nicht.

Britney Spears: Glory. RCA (auch als Deluxe-Edition)