Sie entstammen einer Ära, in der junge Musiker nicht ihr Selbstmitleid und ihren Lebensfrust jammernd in zerschrammte Folkgitarren schaben. Sie machten sich Luft durch den Krach der E-Gitarren und wummernden Schlagzeug-Stakkatos. Die vier Frauen von L7 mischten in den 90er-Jahren die Punk- und Grungewelt auf, sie machten ordentlich Lärm und gaben ihrer Generation Halt in haltlosen Zeiten. Die Sängerinnen und Gitarristinnen Suzi Gardner und Donita Sparks gründeten 1985 das Quartett L7 und machten der männerdominierten Grungeszene klar, dass auch Frauen gehörig rocken können. Sie landeten Hits wie „Shitlist“ oder „Pretend We’re Dead“, lösten sich aber 1999 nach immerhin sieben Alben auf. Bis zur Wiedervereinigung im vergangenen Jahr.
Das Columbia Theater ist am Dienstag prall gefüllt. Im vergangenen Sommer konnte man L7 bereits in der Spandauer Zitadelle als Vorprogramm von Slash erleben. Aber erst an diesem Abend im Columbia Theater wird klar, was für ein energiegeladener Haufen diese vier Frauen immer noch sind. Neben Gardner und Sparks sind Bassistin Jennifer Finch und Schlagzeugerin Demetra Plakas dabei.
Es ist eng vor der Bühne. Es wird gehüpft, getobt, es wird Pogo getanzt. Der ganze Laden ist in Bewegung, nachdem L7 mit dem 90er-Jahre-Song „Deathwish“ ihr gut einstündiges Powerprogramm abfackeln, mit schabenden Gitarren, wummerndem Bass und treibendem Schlagzeugbeat. Balladen haben hier keinen Platz. Hier wird auf eine sympathisch gestrige Art hemmungslos dem Rock ’n’ Roll gehuldigt. Und der Energieschub ist enorm. Um den eventuell etwas seltsamen Bandnamen zu erklären: Er stammt aus den 50er-Jahren. Formt man mit der einen Hand mit Zeigefinger und Daumen ein L und mit der anderen eine 7 und hält beide zusammen, entsteht ein Quadrat, was auf Englisch „square“ bedeutet. „Square“ wiederum ist ein Slang-Ausdruck für „spießig“. Und eben genau das wollten L7 niemals sein.
Ihre Mischung aus übermütigem Punk und frechem Grunge fern jener Weinerlichkeit kann auch in heutigen Zeiten bestehen und gibt einem die Hoffnung, dass die Rockmusik nicht am beliebigen Kleistersound moderner Klangtapeten kleben bleibt. Ein Konzert, das atemlos macht. Ein Konzert, das immer wieder nach vorn prescht. Da werden Emotionen geschürt und eine Lust auf das Leben zelebriert. Zum großen Finale gibt es „Shitlist“, den Song, der es einst auf den Soundtrack zum Film „Natural Born Killers“ geschafft hatte. Und im Zugabenblock ist „Pretend We’re Dead“ dabei. L7 wissen, was sie ihren Fans schuldig sind.
Peter E. Müller

