Literatur

Arne Dahl fühlt sich beim Schreiben frei wie nirgendwo sonst

Mit experimenteller Prosa hat der Schwede Arne Dahl angefangen. Heute schreibt er Krimi-Bestseller. Ein Treffen in Neukölln.

Die Axt im Haus: Der  Krimiautor Arne Dahl in seiner Neuköllner Wohnung. Vor neun Jahren hat er sich hier eine Zweitwohnung angeschafft

Die Axt im Haus: Der Krimiautor Arne Dahl in seiner Neuköllner Wohnung. Vor neun Jahren hat er sich hier eine Zweitwohnung angeschafft

Foto: Reto Klar

Elisa von Hof

Mit Kunstblut auf der Stirn und einer Plastikaxt am Kopf kauert Arne Dahl im Wohnzimmer seiner Neuköllner Zweitwohnung. Er reißt die Augen auf, sinkt neben der Couch tiefer auf den Boden. Streckt Beine und Arme von sich. Er ist jetzt so tot wie die meisten Figuren seiner Krimis. Er blinzelt: „Gut so?“, kurzes Nicken vom Fotografen. Dahl lächelt durchs Scheinwerferlicht. Wer seine Krimis kennt, der weiß, Mord, Blut, Folter, das gehört bei Dahl immer dazu.

Seit achtzehn Jahren produziert der Schwede Geschichten über die fransigen Ränder seiner Heimat. Über Mafiakartelle und Drogenbosse, Finanzhaie, Neonazis, Pädophile. Wenn er so in seiner hellen Zwei-Zimmer-Wohnung sitzt, unweit vom Rathaus Neukölln, und das Kunstblut aus den ergrauten Haaren reibend erzählt, was er sich da wieder ausgedacht hat für seinen neuen Krimi – den sechzehnten –, fällt es schwer, sich vorzustellen, wie er am Schreibtisch das Böse in seine Seiten sickern lässt. Die Gewalt und die viele Morde. In der Geschichte „Sieben minus eins“, die ab Donnerstag im Buchhandel ist, sogar einen diabolischen Mädchenfolterer. Einen, der die Qual so präzise plant wie ein Schweizer Uhrwerk.

Nach fünfzehn Krimis muss was Neues her, er will sich nicht selbst kopieren

Darauf ist Dahl gekommen, als er vor seinem Bücherregal steht – dem in seiner Erstwohnung in Stockholm – und seine Romane Rücken an Rücken aneinander drängeln sieht. „Das sind alles ganz gute Geschichten“, seufzt er, „aber eine vermisse ich“. Die muss er sofort aufschreiben. So geht es ihm immer. Aber dieses Mal nicht so eine wie in seinen Krimpreis ausgezeichneten Romanen über ein Team aus Sonderermittlern, der A-Gruppe, das in Stockholm Verbrechen aufklärt. Und auch nicht so eine wie in seiner Serie über eine Europol-Mannschaft, die Opcops, die sich um die internationalen Bösen kümmern. Auch wenn die immer an die Spitze der Bestsellerliste klettern, in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt werden, will er was Neues.

„Ich muss etwas radikal ändern, um mich nicht selbst zu kopieren“, sagt sich der 53-Jährige da. Und schreibt eine Verfolgungsjagd aus unsicherer Perspektive – als hätte er sie mit einer zittrigen Handkamera gefilmt, so wie noch nie. Dahl bricht die bewährte Krimistruktur auf, man lernt den Kriminalpolizisten und Protagonisten Sam Berger erst mitten im Fall kennen. Nur nach und nach gibt der Details an den Leser weiter, viel bleibt im Verborgenen bis Berger selbst zum Gejagten wird. Und auch dann, bis zum überraschenden Ende, bleibt man so sprach- und atemlos wie er.

Einen wie Wallander wollt er nie erfinden, tut’s jetzt aber doch

Mit Sam Berger hat sich Dahl einen Polizisten herbeigeschrieben, den er eigentlich nie erfinden wollte. Den Ur-Typ nämlich: grüblerisch, geschieden und so verloren, dass es einzig an seiner Armbanduhr liegt, dass ihm nicht völlig der Takt abhanden kommt. Also einen der autistischen Sorte. Einen wie Kommissar Wallander. Dabei hat er Henning Mankells düstere Romane über diesen Anti-Helden, der das Leid der Welt auf seinen Schultern balanciert, nie so sonderlich gemocht. Da hat ihm der Humor gefehlt und die Einsamkeit gestört. Als Dahl mit den Krimis anfängt, 1998 ungefähr, hat er sich deswegen ein Team zusammen geschrieben. Anti-Mankell sozusagen.

Es ist das erste Mal, dass er sich an einen Krimi setzt. Zuvor verfasst er, der studierte Literaturwissenschaftler und leidenschaftliche Leser, experimentelle Prosa. Mehr Kurzgeschichten und poetische Experimente. „Schreiben war therapeutisch für mich. Ich habe damit versucht, neue Perspektiven auf mein eigenes Leben zu finden“, sagt er. Als seine Kinder zur Welt kommen, verschiebt sich sein Interesse. Da ist dann die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, plötzlich spannender als sein Innenleben. Dahl sucht also nach einem neuen Genre. Einer Möglichkeit, Schweden und die Welt schreibend zu beobachten. Er stürzt in eine Krise, als er die nicht findet. Er will originell und einzigartig schreiben, ja perfekt. Aber bekommt nichts aufs Papier.

Erst als er sich an die Krimis erinnert, die er in seiner Jugend so verschlungen hat, Sjöwall Walös Kommissar Beck zum Beispiel, findet er eine Lösung für das Schreibproblem. Krimis. Sozialkritisch und aktuell können die ja sein, komplexe Figuren und Themen behandeln. Und am Ende weiß man, die Welt ist ein kleines bisschen besser geworden. Dass man die so gern lese, das sei eine Flucht aus dem Alltag, findet Dahl. „Wir haben das Gefühl, Verbrechen rücken näher an uns heran, die Welt wird unsicherer. Beim Lesen können wir diese Ängste in den Krimi projizieren. Das hilft uns, damit umzugehen.“

Dahl jedenfalls kann endlich darüber schreiben, wie sehr sich seine Heimat verändert. Dass Schweden internationaler wird – damit aber auch das Verbrechen –, dass die Gesellschaft multikulturell ist, pulsierend. Das liebe er auch so an Berlin. Die Lebendigkeit, „die Intensivität“. Vor allem in Neukölln. Deswegen hat er sich vor neun Jahren die Zweitwohnung hier angeschafft. Zum Ferien machen auf dem Kontinent quasi. Dahl spricht etwas Deutsch, das aber sehr literarisch. Er denkt lange nach, wählt die Worte bewusst. Sein Literaturstudium, – „da habe ich gelernt, viele Wege zu finden, um eine Geschichte zu erzählen und nicht nur einen wie manche Krimiautoren“ – hilft ihm da.

Arne Dahl heißt eigentlich Jan Arnald. Erst sein Pseudonym macht ihn populär

Sein neuer Roman, „Sieben minus eins“, ist wieder der Beginn einer Serie. Es ist ein bisschen so wie damals, als sein erster Krimi auf dem Tisch liegt. „Misterioso“, der Start seiner zehnteiligen Serie über die A-Gruppe. Damals zögerte er. Weil er findet, sein Name sei zu sehr mit seiner Prosa verbunden. „Ich wollte meinen Krimi auch ein bisschen vor meinen vorherigen Romanen beschützen“, sagt er, „er sollte nicht als Experiment gelesen werden oder nur als Spiel mit einem neuen Genre.“ Damit der Krimi ernst genommen wird, tauscht er ein paar Buchstaben seines Namens. Aus Jan Arnald, so heißt er nämlich eigentlich, wird Arne Dahl. Erst sein Pseudonym macht ihn populär, auch in Deutschland, Großbritannien, den USA. Er kann es fünf Jahre aufrecht erhalten, bis er enttarnt wird.

Vielleicht hat er sich nach den vielen Team-Geschichten für diese Wallander-Figur entschieden, weil sich sein Schreiben gerade wieder ändert. „Früher haben die Polizisten in Krimis Funktionen erfüllt, jetzt werden sie Menschen. Wir wollen eben die besser kennenlernen, die uns vor dem Bösen beschützen,“ sagt Dahl. Vielleicht wird sein Schreiben jetzt also wieder therapeutischer. So wie vor achtzehn Jahren.

Dahl schaut hinunter auf seine Hände, streicht über die glatte Tischplatte, als wäre da ein Fleck, den es auszumerzen gilt wie das Böse in seinen Krimis. „Ich fühle mich beim Schreiben einfach so frei wie nie irgendwann sonst in meinem Leben“, sagt er. „Wahrscheinlich werde ich es bis zum Ende meines Lebens tun.“