Raffaella ist verschwunden. Ihre Kleider hängen nicht mehr im Schrank, ihre Schuhe sind weg, ebenso wie ihre Bücher, ihr Computer. Selbst auf ihren Fotos ist sie nicht mehr zu sehen. Sie hat sich fein säuberlich daraus ausgeschnitten. Als ihre Freundin Elena davon erfährt, wird sie wütend. Raffaella übertreibe mal wieder, findet Elena. Und dann setzt sie sich an den Schreibtisch und schreibt die Geschichte von Raffaellas Leben auf, all das, was die Freundin gerade weggeschnitten und weggenommen haben wollte. „Mal sehen, wer diesmal das letzte Wort behält.“
Wohl kaum ein Buch wurde in jüngster Zeit so herbeigesehnt wie der in diesen Tagen im Suhrkamp Verlag erscheinende erste Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Serie. „Das beste Porträt einer Frauenfreundschaft, das einem in der Literatur jemals begegnet ist“, schrieb der „Guardian“. Das Zitat hat der Suhrkamp Verlag auf den Umschlag ihrer Ausgabe gedruckt, neben weiteren wichtigen Worten wie „Epos“ und „Sittengemälde“.
Mal abgesehen davon, dass die Bezeichnung Frauenfreundschaft ungefähr so aufregend klingt wie Frauenfußball oder Frauenliteratur, um Freundschaft geht es hier nicht. Nicht im Roman, und auch nicht bei dem Hype um seine Autorin. Es geht vielmehr um das Versteckspiel, diesen Versuch, sich auszulöschen oder sich neu zu erfinden, der sich bereits in den ersten Seiten des Romans andeutet, und den kaum eine andere Autorin so gut beherrscht wie eben jene Elena Ferrante.
Mit Dickens, Zola und Kafka wurde sie verglichen
Elena Ferrante ist nämlich nur ein Pseudonym. Wer es sich wählte und warum, das bleibt ein Rätsel. Eines, das hierzulande lange kaum jemanden interessiert hat. 2003 erschienen Ferrantes Romane „Lästige Liebe“ und die „Tage des Verlassenwerdens“ im List Verlag. 2007 brachte die DVA „Die Frau im Dunkeln“ heraus. Die Reaktionen waren verhalten. 2011 veröffentlichte Elena Ferrante auf Italienisch „L’amica geniale“, aber eine deutsche Übersetzung kündigte sich nicht an. Ganz anders in den USA: 2012 erschien „My brillant friend“ und wenige Monate später feierte James Wood die geheimnisvolle Autorin im „New Yorker“ als literarische Offenbarung. Das #ferrantefever war entfacht. Ferrantes Erzählwelt wurde mit der von Charles Dickens, Emile Zola und Franz Kafka verglichen, ihr Blick mit dem von Vittorio De Sica. Gwyneth Paltrow zählt sich zu ihren Bewunderern ebenso wie Jonathan Franzen. Im Siegeszug ging es zurück nach Europa.
Schon Monate vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe konnten es einige Kritiker kaum abwarten. Elena Ferrante sei die „geheimste aller Autorinnen“, erklärte die „Welt“ im Mai und machte sich auf zur „Ermittlung“, in deren Rahmen keine Vermutung zu billig erschien. Warum gebe sie ihre Identität nicht preis, fragte sich der Autor: „Wegen der Camorra?“
Viel weiß man nicht von Ferrante. Lange Zeit wurde gerätselt, wurden Namen genannt und verworfen. Aus ihren wenigen Äußerungen weiß man: Sie ist eine Frau, sie heißt Elena, sie stammt, wie ihre Heldin Elena, aus Neapel, sie hat Töchter. Öffentliche Auftritte, Lesungen, Preise, all das werde sie nicht bieten, so kündigte es die Autorin ihrem Verlag bereits vor dem Erscheinen ihres Debütromans 1992 an. Ihr Werk solle für sich stehen.
Raffaella ist so brillant, dass einem manchmal etwas zu viel wird
Die Geschichte, die „Meine geniale Freundin“ erzählt, ist die von Elena und Raffaella, die im Nachkriegsneapel aufwachsen. Die eine die Tochter des Pförtners, die andere die des Schusters. Elena ist angepasst, schüchtern, sie will gefallen. Sie ist die Icherzählerin, aus ihrer Perspektive sehen wir Raffaella, die furchtlose, die schöne, manchmal auch die böse Freundin. Elena ist die Beste in der Klasse, bis der Lehrerin eines Tages auffällt, dass Raffaella sich im Alter von drei Jahren selbst das Lesen beigebracht hat. Von da an ist das Verhältnis der Mädchen von Konkurrenz geprägt. Ein paar Jahre später darf das eine Mädchen weiterlernen, das andere wird im Haushalt gebraucht. Und Elena wird von dem Verdacht verfolgt, ein Leben zu leben, das ihrer Freundin zugestanden hätte.
Elena und Raffaella wachsen in der Enge einer ärmlichen Umgebung auf. Gewalt und Brutalität prägen ihren Alltag. Ein Silvesterfest artet in eine Schießerei aus, es gibt sexuelle Übergriffe, Kindesmisshandlungen, Eifersuchtsattacken. Vor allem aber sind die Mädchen in der Gewalt der Männer. Ihrer Väter, ihrer Brüder, die ihren Lebensweg bestimmen, aber auch gänzlich unbekannte Männer, die sie auf der Straße belästigen, und denen sie aus dem Weg gehen müssen, um nicht in den Verdacht zu geraten, eine Nutte zu sein. Alle weichen sie diesen Blicken aus. Nur Raffaella sucht sie.
Sie bringt sich selbst Griechisch bei, liest Homer, deckt später auf, wer aus dem Viertel Schutzgelder an wen zahlt, wer im Krieg auf der Seite der Faschisten stand, welche Familie einer anderen die Existenzgrundlage nahm. Raffaella ist so brillant, dass es selbst einem sehr wohlwollenden Leser manchmal etwas zu viel wird.
Drei weitere Teile erwarten den deutschen Leser noch
Und doch ist Elena Ferrante mit dieser Raffaella eine außergewöhnliche Figur gelungen. Während die klassische Heldin meist lediglich versucht, ihr eigenes Leben zu meistern, denkt Raffaella weiter. Sie strebt nach einem glücklicheren Leben für alle, die ihr nahestehen. Sie will die Welt verbessern, in der sie lebt. Die Stellen, die sich mit ihr beschäftigen, gehören zu den spannendsten des Buches.
Leider aber nimmt die Freude der Autorin an der Spiegelung ihrer Hauptfiguren oft zu viel Raum ein. Hier die Gute, da die Böse, hier die Geniale, da die Epigonale. All das wirkt allzu oft etwas bemüht und konstruiert. Eben nicht Dickens und De Sica, sondern eher der Kreatives-Schreiben-Kurs .
Auch die Übersetzung von Karin Krieger hätte gut daran getan, nicht ganz so in Richtung Toscana-Fraktion zu schielen. Begriffe wie „Rione“ oder „Maestra“ lässt sie unübersetzt, dabei handelt es sich hier keineswegs um idiomatische Ausdrücke, sondern ganz schlicht um die Worte „Viertel“ und „Grundschullehrerin“. Aber es klingt halt eben gleich authentischer italienisch, wenn man in einem Millecento durchs Rione fährt.
Drei weitere Teile erwarten den deutschen Leser noch. Wir werden Elena und Raffaella wiedertreffen, zusammen mit all den anderen Familien, die wir im ersten Teil kennenlernten. Die überheblichen Söhne des Barbesitzers, der intellektuelle Sohn des untreuen Dichters, der seinen Vater hasst. Der Sohn des Schusters, der von einer eigenen Fabrik träumt. Die moderne Antwort auf den Roman, so war vor ein paar Jahren zu lesen, ist die Serie, solche Epen wie die „Sopranos“ oder „The Wire“ verstehen es heutzutage zu fesseln. Ferrante hat mit ihren Panorama-Romanen darauf reagiert. Sie schafft eine Welt, in der ihre Leser leben können.


