Mit Stücken von Pierre Boulez und Gustav Mahler eröffnen heute die Philharmoniker und Simon Rattle die neue Saison. Tags darauf geht es nach draußen, auf dem Kulturforum spielt erst das Syrian Expat Philharmonic Orchestra, ab 18 Uhr treten die Philharmoniker und ihr Chedirigent auf. Für Intendant Martin Hoffmann ist es eine besondere Saison. Er verlässt 2017 die Philharmoniker nach siebenjähriger Amtszeit.
Herr Hoffmann, heute wird die Saison eröffnet, es wird Ihre letzte sein. Werden Sie sentimental?
Martin Hoffmann: Nein, ich neige nicht zu Sentimentalitäten. Ich freue mich vielmehr auf die neue Saison. Wir haben mit Tosca eine spannende Oper in Baden-Baden, wir haben eine großartige Reise in die USA genau am Tag der Präsidentenwahl, wir freuen uns auf das Silvesterkonzert mit Daniil Trifonov. Und ganz persönlich bin ich auf das Konzert mit Zubin Mehta und Anoushka Shankar gespannt.
Wären Sie lieber gemeinsam mit Simon Rattle gegangen, der die Philharmoniker ein Jahr nach Ihnen verlässt?
Es ist ein gutes Timing für alle Beteiligten. Wenn ein neuer Intendant sein Amt antritt, dann braucht er eine gewisse Einarbeitungszeit. Die Pläne für die kommenden Jahre stehen, also ist der Zeitpunkt für einen Stabwechsel ideal.
Es hat gedauert, bis Sie als früherer TV-Manager in der zuweilen elitären Klassikwelt angekommen sind, und jetzt steigen Sie schon wieder aus.
Ich sehe das nicht als Ausstieg. Sieben Jahre lang Intendanz, nach dem Krieg hatte nur Wolfgang Stresemann eine längere Amtszeit. Und es waren sieben wundervolle Jahre, sie können nicht mehr besser werden.
Ihr Nachfolger wird noch gesucht. Was muss ein Intendant mitbringen?
Hier in dem Hause muss man gut zuhören können. Ein wenig Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen sind auch nicht schlecht. Entscheidungen sollte man transparent vorbereiten können. Wenn Sie dann noch über soziale Kompetenz und ein moderatives Talent verfügen und etwas von Musik verstehen wären sie eine Idealbesetzung.
Am Sonnabend spielen die Philharmoniker open air und umsonst, das ist neu.
Wir haben vor zwei Jahren schon einmal am Kulturforum gespielt, allerdings nicht umsonst. Dieses Mal wollen wir zusammen mit der Deutschen Bank das Konzert allen Berlinern zugänglich machen. Sozusagen Saisoneröffnung für alle.
Wie viele Zuschauer kommen denn?
Tout Berlin. Wir wissen es nicht, wir verkaufen ja keine Tickets. So zehntausend Menschen können unmittelbar auf dem Platz sein. Zusätzlich gibt es an den Seiten die Möglichkeit, das Konzert zu verfolgen, und wir übertragen es auch auf einer Videoleinwand.
Gibt es besondere Sicherheitsmaßnahmen?
Wir sind mit der Polizei im Gespräch und haben ein Konzept. Details nennen wir aber nicht.
Welche Erfahrungen haben die Philharmoniker denn mit Open-Air-Veranstaltungen gemacht?
Wir kennen das von der Waldbühne und haben auch schon auf unseren Tourneen open air gespielt. Mir ist die besondere Atmosphäre im großen Theater von Ephesus in der Türkei in guter Erinnerung. Wichtig ist natürlich das Wetter. Und am Wochenende soll es ja sehr warm werden. Und dann wird bei der Musik von Brahms und Dvorak der Funke sicher auf das Berliner Publikum überspringen.
Damals wollten sich die Philharmoniker und die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gemeinsam als Anwohner des Kulturforums präsentieren. Warum wiederholen Sie das Fest nicht?
Es war ein organisatorischer Kraftakt. Zudem hatte ich den Eindruck, dass nicht alle mit dem gleichen Engagement bei der Sache waren.
Glauben Sie, dass das Kulturforum jemals ein lebendiger Ort wird?
Ich hoffe es jedenfalls. Da muss aber noch viel passieren. Als Gast bin ich bei dem Architekturwettbewerb für das Museum der Moderne zugelassen. Ich finde das sehr interessant, aber die Diskussion ist viel zu sehr auf die Architektursprache fixiert. Natürlich, es ist das wichtigste städtebauliche Projekt der Stadt, und es ist kein einfacher Ort. Aber die Architektur muss doch vor allem der Funktion des Hauses dienen.
Was meinen Sie damit konkret?
Mir kommt die Frage zu kurz, was in dem neuen Museum passieren soll. Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel: das Umfeld, in dem Kulturinstitutionen heute stattfinden, hat sich radikal verändert. Für Orchester genauso wie für Museen. Ich frage mich, was für Antworten das neue Museum darauf geben wird. Wird es ein vielschichtiger Ort, in dem wir neue Arten der Präsentation und Kommunikation von Kunst entdecken werden können? Wird dieser Ort auch für Menschen attraktiv sein, die vorher vielleicht noch nichts mit Kunst zu tun hatten? Notwendig ist eine Diskussion, was ein Museum heute leisten soll.
Sie dreht sich darum, wie möglichst rasch die Bilder untergebracht werden.
Zumindest würde Berlin ein städtebaulicher Meilenstein glücken, falls tatsächlich eine kulturelle Begegnungsstätte direkt an einer mehrspurigen Straße entstehen sollte.
Sind die Philharmoniker unterfinanziert, wie überraschenderweise zu lesen war?
Nein, wir haben mit dem Land Berlin eine Vereinbarung getroffen, die das Haus auskömmlich in den kommenden zwei Jahren finanziert. In der Perspektive brauchen wir eine Zuschusserhöhung, aber das ist auch lange bekannt.
Wie wichtig ist das Gehalt für einen Musiker der Philharmoniker?
Es sind herausragende Musiker, es sind die Besten ihres Faches und müssen daher international vergleichbar bezahlt werden. Das ist ein legitimer Anspruch.
Würden die Philharmoniker es lieber sehen, wenn sie vom Bund finanziert werden?
Das kommentieren wir schon deshalb nicht, weil wir nicht Verhandlungspartner sind.
Aber es kann einem doch nicht egal sein, zu wem man gehört?
Wir wissen um die Wertschätzung, die uns das Land Berlin seit Jahren entgegenbringt und die auch vom Bund geteilt wird.


