Filme wie „Die Welle“ oder „Napola“ machten Dennis Gansel zum Erfolgsregisseur. Von jeher hat ihn auch das Genrekino fasziniert. Sein Versuch eines Berliner Vampirfilms ist aber mit „Wir sind Helden“ gefloppt. Dafür hat ihn Übersee entdeckt. Am 25. August startet der Actionfilm „Mechanic: Resurrection“ mit Stars wie Jason Statham, Jessica Alba und Tommy Lee Jones – Gansels Hollywooddebüt. Wir trafen den Berliner im Hotel Dormero zu einem Gespräch über die Sehnsucht nach Genrekino und warum das beim deutschen Film nicht möglich ist.

Gratulation, Herr Gansel. Wie kam es zu Ihrem Hollywood-Einstand? Hat Jason Statham „Wir sind die Nacht“ gesehen und wollte dann unbedingt mit Ihnen drehen?

Dennis Gansel: Seit „Napola“ habe ich in den USA einen Agenten und dort immer wieder nach Projekten gesucht. Hier war es so, dass ich mit den Produzenten dieses Films ein anderes Projekt verfolgt habe, aus dem leider nichts wurde. Die meinten aber, dieser Film könnte mich interessieren. Und dann musste ich gleich am nächsten Morgen um sechs Uhr in der Früh nach Los Angeles fliegen, um Jason zu treffen.

Raus aus der Komfortzone: Dennis Gansel mit seinem Hauptstar Jason Statham
Raus aus der Komfortzone: Dennis Gansel mit seinem Hauptstar Jason Statham © Universum Film/Daniel Smith | Universum Film/Daniel Smith

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Naja. Erst mal passierte – nichts. Fünf Tage lang saß ich im Hotel und habe nur Roomservice bestellt. Weil ich Angst hatte, einen Anruf zu verpassen. Ich dachte schon, das war’s dann mit Hollywood. Aber dann klingelte es. Es war wirklich Jason dran. Und der lud mich sofort zu sich nach Malibu ein. Er öffnete in Badeshorts, der war wohl gerade vom Surfen zurück. Und zerdepperte dann erst mal eine Kaffeetasse.

Scherben bringen Glück.

Das Eis jedenfalls war gebrochen.

Kann man sich bei so einer Produktion als Regisseur einbringen oder geht es nur darum, ein Drehbuch abzufilmen?

Das Einbringen wird sogar stark gefordert. Wenn du einen Actionfilm kriegst, wird erwartet, dass du den größer machst. Elevating the material, wird das dort genannt. Meine Idee war, das als eine Art „Dirty James Bond“ zu drehen, das hat ihm sofort gefallen. „The Mechanic“ soll ja eine Art neues Franchise für Jason werden, nachdem er bei der „Transporter“-Reihe nicht mehr dabei ist. Ich wollte Jason dabei aus seiner Komfortzone rauskriegen, dass er nicht nur auf Action macht, sondern auch mehr Gefühl spielen muss.

Erst mal Riesenrespekt: Gansel mit Tommy Lee Jones
Erst mal Riesenrespekt: Gansel mit Tommy Lee Jones © Universum Film | Universum Film

Sebastian Koch war bei „Stirb langsam 5“ fasziniert und schockiert zugleich, wie Bruce Willis nur sein Ding durchzog. War das bei Jason Statham ebenso?

Klar, er weiß genau, was er will. Aber er ist erst mal sehr offen für alle Vorschläge. Er kontrolliert seine Takes teilweise genau. Nicht bei dramatischen Szenen, da vertraut er dir als Regisseur. Aber bei Actionszenen schaut er sich das sofort auf dem Video an. Er hat gleich gesagt: „Nimm’s nicht persönlich, aber Body language ist für mich total wichtig.“ Deshalb haben wir die Takes noch am Set zusammengeschnitten, das hat ihm eine große Sicherheit gegeben. Das kann man als Regisseur aber auch ganz geschickt nutzen. Wenn man den Star hinter sich hat, hat man fast eine Carte Blanche. Die Stars haben einfach eine derartige Macht im Hollywoodsystem.

Sie zeigen Tommy Lee Jones einmal ganz anders als sonst. Hat man vor einem Star dieser Größenordnung Respekt oder ist das letztlich auch nur ein ganz normaler Schauspieler?

Beides. Ich hatte anfangs Riesenrespekt. Ich bin fast erstarrt vor Ehrfurcht. Aber er hat es mir total leicht gemacht. Da wird ganz bewusst ein Eis gebrochen, so dass man schnell in eine normale Arbeitsbeziehung kommt. Das ist diese amerikanische Art at its best. Die Zusammenarbeit mit solchen Stars ist sehr viel angenehmer als mit manchen sogenannten deutschen Jungstars.

Eine Art Dirty James Bond: Jason Statham als „The Mechanic“
Eine Art Dirty James Bond: Jason Statham als „The Mechanic“ © dpa | Universum Film

Sie lassen es in Ihrem Film in jeder Hinsicht knallen und krachen. Haben Sie das genossen?

Und wie! Das war einfach eine Riesenspielweise. Ich bin ein großer Fan von Genre-Kino und habe in meine Filme ja immer schon Genre-Elemente gesteckt. Für mich war das die Möglichkeit, endlich einmal einen Film zu machen, den ich so in Deutschland einfach nie hätte machen können. Ich versuche das seit vielen Jahren. Wir wollen alle Action machen. Es gibt auch ganz tolle Schauspieler, die tierisch Bock darauf hätten. Da rennt man offene Türen ein. Das ging schon bei „Wir sind die Nacht“ los, da wollten alle dabei sein, weil das hier niemand angeboten bekommt. Ich möchte eigentlich nicht in dasselbe Horn blasen, aber viele beklagen, dass Genrekino einfach nicht möglich ist in Deutschland.

Können Sie sich einen Reim darauf machen, warum das so schwierig ist?

Kein Mensch weiß das. Das war übrigens mein erstes Gespräch mit Jason. Der sagte: „Ich verstehe nicht, warum aus Dänemark die besten Serien und Genrefilme kommen. Das einzige, was ich aus Deutschland sehe, sind Komödien. Dänemark hat nur sechs Millionen Einwohner, ihr habt 80. Ich verstehe nicht, wieso ihr das nicht hinkriegt.“ Besser kann man es nicht sagen. Der Science-Fiction-Film ist mit „Metropolis“ im deutschen Kino erfunden worden und der Horrorfilm mit „Nosferatu“. Das sind alles originär deutsche Stoffe. Und jetzt machen wir sowas gar nicht mehr. Da läuft was schief, und zwar ganz gewaltig. Das versteht in Hollywood kein Mensch. Und treibt hierzulande viele Regisseure ins Exil.

Der Regisseur mit seinen Stars Jessica Alba und Jason Statham
Der Regisseur mit seinen Stars Jessica Alba und Jason Statham © REUTERS | MARIO ANZUONI

Müssen wir jetzt Angst haben, dass auch Sie ins Exil gehen?

Nein, gar nicht. Ich sehe mich eher zwischen den Stühlen. Das Beste aus allen Welten nehmen, so wie das Tom Tykwer macht, das ist eine für mich beispielhafte Karriere. Ich verfolge zwei Projekte in den USA, keine Ahnung, ob das klappt. Da bin ich Realist genug, wir müssen jetzt erst mal abwarten, was der „Mechanic“ an der Kasse macht. Meinen nächsten Film aber, mein absolutes Traumproduktion, mache ich in Deutschland: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Das ist für mich der deutsche Fantasy- und Abenteuerstoff schlechthin.

Angenommen, der „Mechanic“ schlägt ein, könnte das dann auch das Actionkino hierzulande ein wenig anpushen?

Ich weiß es nicht. Ich renne da schon mein Leben lang gegen eine Wand. Meine ersten Kämpfe hatte ich mit „Das Phantom“ 1999. Das wollte ich unbedingt ins Kino bringen, das lief dann nur im Fernsehen, und ich war froh, dass ProSieben das überhaupt gemacht hat. Ich musste dafür solche Kämpfe ausfechten, während andere Kollegen Komödien gemacht haben, die sofort ins Kino kamen. Auch „Wir sind die Nacht“ wollte ich schon in den 90er-Jahren machen und habe es erst 2010 verwirklichen können. Diesen Kampf kämpfe ich, seit ich 25 bin. Jetzt bin ich 42. Ich habe keine Lösung. Die Verleiher sind skeptisch. Wenn so ein Film aber nicht entsprechend beworben wird, wird man auch die Zuschauer nicht begeistern. Das ist ein Teufelskreis. Wer den durchbricht, hat meinen größten Respekt.