Jürgen von der Lippe ist der Deutschlehrer, den man sich zu Schulzeiten gewünscht hätte. Witzig, nahbar und doch lernt man bei ihm etwas. In seinem Programm „Wie soll ich sagen…?“ klärt er über die Eigenheiten der deutschen Sprache auf. So lässt er sich im Theater „Die Wühlmäuse“ über Pleonasmen und Tautologien aus. Warum etwa sagen wir „ABM Maßnahmen“ wenn das M ohnehin für Maßnahmen steht? Und wieso verwendet Heidi Klum stets das Plusquamperfekt statt des Präteritums? Viel wichtiger aber ist die Frage: „Warum wühlt das den dicken alten Mann so auf?“, die sich auch von der Lippe stellt.

Er habe Deutsch auf Lehramt studiert, da soll sein Publikum auch etwas lernen. Wer sich das alles nicht merken kann, wird aufgefordert, sich Notizen zu machen. Sein Wissen vermittelt er dabei nicht nur in Monologen, immer wieder greift er auch zur Gitarre. Denn Musik spielt in seinen Programmen eine ebenso große Rolle wie die Dialoge. Deshalb wird auch der Deutschunterricht musikalisch untermalt.

Die Bühnen sind kleiner, die Shows intimer

Für den Mann im Hawaiihemd ist der Auftritt am Sonnabend Routine. Seit 1979 tourt er als Stand-Up-Comedian durch Deutschland, zählt zu den Urgesteinen der deutschen Comedyszene. Bereits 1980 trat er im „WWF Club“ im Fernsehen auf. Mit Shows wie „Donnerlippchen“ und „Geld oder Liebe“ avancierte er zu einer TV-Größe. In den letzten Jahren wurde es im Fernsehen aber ruhiger um ihn. Die Bühnen sind jetzt kleiner, die Shows intimer. Das besingt er auch in dem Lied „Ich hab ja jetzt die Zeit“: Das Fernsehen gehöre für ihn der Vergangenheit an, statt Limousinen mit Chauffeur gäbe es jetzt nur mehr die Deutsche Bahn.

In „Wie soll ich sagen…?“ fungiert Jürgen von der Lippe aber nicht nur als Deutschlehrer. Er erzählt auch einige Geschichten aus seinem Leben. Die streng katholische Jugend wird hier ebenso thematisiert wie die Unterschiede zwischen ihm und seiner Frau. Wie etwa gewinnt man das Herz der Partnerin? Natürlich mit Geschenken. Diese Themen sind nicht außergewöhnlich oder innovativ, die meisten Comedians sprechen über sie. Dennoch hat von der Lippe etwas Besonderes und hält sich so seit Jahrzehnten im Geschäft.

Von der Lippe nimmt sich selbst auf die Schippe

Das liegt vor allem an seiner ruhigen Art. Er braucht keine übertriebenen Gesten, muss nicht durch lautes Gebrüll die Aufmerksamkeit des Publikums gewinnen. Bei Jürgen von der Lippe reicht oft ein vielsagender Blick. „Kein Wort zu viel und trotzdem hat es eine große Wirkung“, sagt er. Große Leinwände und aufwendige Technik wären hier fehl am Platz, viel mehr wirkt die Show wie ein Gespräch unter Freunden. Zurufe aus dem Publikum werden wahrgenommen und erwidert, zwischen den Monologen entsteht etwa ein Gespräch über die Ehe.

So zeigt sich Jürgen von der Lippe nahbar und bescheiden. Die Bühne betritt er mit den Worten „Ich bin’s nur“. Er erzählt aus seinem Leben und nimmt sich dabei selbst nicht zu ernst. So bespricht er offen Gewichtsprobleme, zunehmendes Alter und die Herausforderung, immer lustig zu sein.

Zwischendurch spielt er Saxophon

Das Publikum zu begeistern, hat er in den letzten Jahrzehnten professionalisiert, jeder Spruch ist perfekt platziert. Dabei weiß er genau, wie weit ein Witz gehen darf. Statt derbe Sprüche und Schenkelklopfer erzählt er lieber kurze Anekdoten. Reizwäsche für den Mann wird in diesem Zusammenhang etwa thematisiert. Dabei achtet er genau auf das Niveau der Scherze. Er balanciert auf der Gürtellinie, unterschreitet sie aber nie.

Wichtig für seine Bühnenshow ist auch die Interaktion mit dem Publikum. Immer wieder holt er sich Kleingruppen auf die Bühne. Mit diesen „freien Mitarbeitern“ wird aus der Bühnenshow ein Spieleabend unter Freunden. Bei „Willi ist krank“ zählen die Spieler etwa Krankheiten auf, während sie einen Korken im Mund haben. Das Publikum lacht, am meisten amüsieren sich jedoch die Spieler. Jürgen von der Lippe betont, dass es dabei einzig um den Spaß geht, „hier wird keiner blamiert“. Beim anschließenden Liederraten beweist er erneut sein musikalisches Talent und spielt Volkslieder auf dem Saxofon.

Hauptsache, er hat Spaß

Jürgen von der Lippe zählt längst zu den Klassikern der deutschen Unterhaltung. Er setzt auf Altbewährtes, wie etwa sein Hawaiihemd. „Florales soll auch die nächsten zwei Saisons die Modewelt dominieren“, sagt er. Mit den Trends zu gehen hat er aber nicht nötig. Ihm ist egal, was gerade angesagt oder modern ist, „Hauptsache ich hab’ Spaß“. Statt Cro oder Andreas Bourani imitiert er lieber seine Helden Udo Lindenberg, Peter Maffay und Howard Carpendale. Klassiker müssen schließlich zusammenhalten.

Wühlmäuse, Pommernallee 2–4, Charlottenburg. Bis 25. August, täglich 20 Uhr