Literatur

Die Bachmann-Preisträgerin liest erstmals in Berlin

Seit Klagenfurt ist alles anders. Erstmals seit dem Sieg dort liest Sharon Dodua Otoo in Berlin. Und verrät dabei auch neue Pläne.

Will jetzt ihren ersten Roman schreiben: Die in Berlin lebende Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo

Will jetzt ihren ersten Roman schreiben: Die in Berlin lebende Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo

Foto: Marion / Marion Hunger

Während sie das Mikro an ihre Lippen zieht und ihren Text in der Hand windet, also bevor es überhaupt richtig los geht, schwappt ein Applaus auf sie zu. Man pfeift, jubelt, ruft. Vorschuss sozusagen. Sharon Dodua Otoo lacht. Denn, wer hätte das gedacht vor ein paar Wochen? Die 43-Jährige jedenfalls nicht. Anfang Juli hat sie den renommiertesten Preis für deutsche Gegenwartsliteratur gewonnen, den Ingeborg-Bachmann-Preis. Den kannte sie gar nicht, bis sie zum Vorlesen nach Klagenfurt eingeladen wurde.

Hätte sie um sein Renommee im deutschsprachigen Raum gewusst, das sagt sie später in einem Interview mit dieser Zeitung, hätte sie nicht diese Geschichte gelesen. Nicht die über ein reinkarnierendes Frühstücksei. Die, die jetzt so viel Applaus bekommt. Am Freitagabend sind über 200 Zuschauer ins Kino Babylon gekommen, um diesen und andere Texte von Otoo zu hören. Es ist ihre erste Berliner Lesung nach ihrem Überraschungsgewinn.

Deutsch ist immer noch „Serious Talk“

Dass Schriftsteller eigene Geschichten so lesen, dass die Figuren lebendig werden, sich herausheben aus der Zweidimensionalität des Papiers, das kommt nicht häufig vor. Auch dass man Details erkennt, die man sonst überlesen hätte, dass man lacht, wo man sonst schnell zur nächsten Zeile gesprungen wäre, nicht. Otoo gelingt es. Man hört ihr gern zu, wie sie behutsam liest. So, als wiege sie die Worte noch einmal im Mund ab, bevor sie ihr über die Lippen rollen mit diesem surrenden Rrr, das für ihre Aussprache so charakteristisch ist. Es ist ein letztes Überbleibsel ihres britischen Akzents.

Otoo wächst in London als Kind ghanaischer Einwanderer auf. In der Schule kommt sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutsch, der Sprache, die sie auch heute noch als dringlicher, eindeutiger als ihre Muttersprache empfindet. Obwohl sie Germanistik studiert, Dürrenmatt und Brecht liebt, sei Deutsch für sie noch immer „serious talk“. Vielleicht ist das der Grund, warum sie ihren Klagenfurter Gewinnertext, „Herr Gröttrup setzt sich hin“, auf Deutsch schreiben musste.

Sharon Dodua Otoo bei der Lesung im Babylon-Kino Mitte Massimo Rodari

Geht es doch da um zwei Münchner Rentner mit wahnsinnig viel Selbstgewissheit und einem Wackeldackel, und um ein Ei, das einfach nicht hart werden will und damit nicht nur die Frühstücksidylle des Ehepaars zerstört, sondern ihre ganze „Im Frühtau zu Berge“-Realität aus Platzdeckchen und verdrängter Vergangenheit. Otoo lässt die deutsche Geschichte durch das Frühstücksei explodieren. „Es ist immer noch skurril für mich, dass ich mit diesem Text gewonnen habe“, sagt sie und grinst.

Leberwurst, Vokuhilas und Nazis

Ein ums andere Mal wechselt sie vom Deutschen ins Englische. Dann, wenn es für ihre Figuren intim wird und die Sprache ein Kokon zum Verkriechen. So wie bei „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“, eine der beiden Novellen, die sie vor Klagenfurt in einem kleinen Verlag veröffentlichte. Protagonistin der Geschichte ist eine schwarze Britin, die bei ihrer Tante in East-London aufwächst.

Als sie an ihrem achten Geburtstag mit geschlossenen Augen über eine Landkarte streicht, bleibt sie mit ihrem Zeigefinger irgendwie an Magdeburg kleben. Auch wenn sie die DDR bis dahin nicht kennt, beschließt sie, später dort zu leben. Das ändert sich auch nicht, als sie von „Leberwurst, Nazis und Vokuhilas“ erfährt. Traumland DDR.

Schreiben, um etwas zu ändern

Das ist fast so skurril wie ein wiedergeborenes Frühstücksei. Was sich die Hauptfigur da eingebrockt hat mit ihrem Wunsch nach deutscher Identität, das wird ihr erst bewusst, als sie einen deutschen Mann heiratet, damit aber auch einen Namen wie einen ungeliebten Schal. Einen, der sie zwar warm hält, aber den sie nicht vermisst, wenn sie ihn mal in der Bahn liegen lässt. Otoo berichtet aus einer Perspektive, die man in der deutschen Literatur sonst vermisst. „Ich kenne das Gefühl sehr gut, mein Leben in Geschichten nicht wiederzufinden“, sagt sie, „deswegen schreibe ich, um daran etwas zu ändern.“

Otoo ist hier aktivistischer als an Gröttrups Frühstückstisch, auch persönlicher, autobiographischer. Ihre Erzählweise ist die gleiche. Die ironisch-distanzierten Einschübe, ihre metaphorischen Alltagsbeobachtungen. Sie befühlt mit ihrer Sprache deutsche Gewohnheiten wie einen pochenden Zahn, bei dem man noch nicht ganz sicher ist, ob es Karies ist oder ob mal wieder gründlich putzen reicht.

Otoo lebt mit ihren vier Söhnen (20, 17, 13, und vier Jahre alt) seit zehn Jahren in Mitte. Bis jetzt schrieb sie, wenn sie Zeit fand, abends hin und wieder mal. Oder wenn sie in der Bahn saß und ihr da plötzlich eine gute Idee kam. Denn eigentlich arbeitet Otoo als Herausgeberin einer Buchreihe und Projektkoordinatorin einer Berliner Initiative gegen Bildungsbenachteiligung und Rassismus in der Schule. Sie hat sich immer zuerst als Mutter, dann als Aktivistin und Herausgeberin und erst dann, also zu guter Letzt, ja dann auch als Schriftstellerin gesehen.

„Heute Abend hier zu lesen und als Autorin wahrgenommen zu werden, das ist ein Traum für mich“, sagt sie und grinst in den Zuschauerraum. Sie hoffe, dass ihr Sieg in Klagenfurt auch andere zum Schreiben ermutige, dass er eine Signalwirkung entfalte. Otoo ist die erste schwarze Schriftstellerin, die mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Sie möchte das Frühstücksei zu einem Roman ausbauen. 2018 könnte er im Bücherregal stehen.