Literatur

Familie und Revolution

Shida Bazyars Eltern flohen aus dem Iran. Sie schrieb einen Roman, über Familie, Flucht und Revolution. Ein Treffen.

Berlin - Autorin Shida Bazyar

Berlin - Autorin Shida Bazyar

Foto: Krauthoefer

Shida Bazyar möchte draußen sitzen, in der Sonne. Die 28-Jährige ist die Jüngste im „Café Mocca“ am Nettelbeckplatz in Wedding. An den Metalltischen neben ihr sitzen Menschen mit grauen Haaren, die um 11 Uhr morgens Bier bestellen. Stammgäste, die die Wirtin begrüßt – namentlich. Seit zweieinhalb Jahren wohnt die Autorin in der Hauptstadt.

„Ich mag Berlin, das Laute und das Dreckige“, sagt sie. In ihrem knielangen Rock mit Elefantenmuster, den schwarzen Leggings mit Spitze und den Birkenstocksandalen wirkt sie wie eine zarte Studentin. Sie spricht bedächtig und verliert nie ihr leichtes Lächeln, auch wenn es um die Flucht ihrer Eltern aus dem Iran geht.

Seit die 28-Jährige schreibt, hat sich ihr Leben verändert

Im Februar veröffentlichte die in Hermeskeil in Rheinland-Pfalz geborene Autorin ihren ersten Roman „Nachts ist es leise in Teheran“. Seitdem habe sich viel verändert, sagt sie. Zum ersten Mal seit ihrem Studium in Hildesheim, hat sie kaum noch Zeit.

Ihre Woche setzt sich zusammen aus Lesungen, Schreibphasen und einer Teilzeitstelle als Bildungsreferentin für junge Menschen, die ein freiwilliges Ökologisches Jahr in Brandenburg machen. Keine Zeit mehr für ausgedehnte Reisen per Anhalter, Couchsurfing und Wildcampen wie zuvor.

Nicht autobiografisch

In „Nachts ist es leise in Teheran“ erzählt Shida Bazyar über die Geschichte einer Familie die Geschichte des Iran zwischen 1979 und 2009. Dazu unterteilt sie den Roman in vier Teile. 1979 ist aus der Perspektive des jungen kommunistischen Revolutionärs Behsad geschrieben, 1989 spielt nach der Flucht der Familie nach Deutschland, erzählt aus der Sicht von Behsads Frau Nahid. 1999 und 2009 stehen ihre Kinder Laleh und Mo im Mittelpunkt.

Zwei Dinge haben sie interessiert, das Thema der Revolution und die Frage, wie ein solches Ereignis das Leben von Familien verändert. Dass sie immer wieder gefragt werde, ob der Roman autobiografisch sei, ein Fluchtroman oder eine Suche nach den eigenen Wurzeln, irritiere sie, sagt Shida Bazyar. „Für mich ist es eine Geschichte über eine Familie und eine Revolution. Punkt. Klar flüchten die Personen und es gibt Identitätsfindungsmomente, aber das ist für mich nicht zentral.“

Die Charaktere der eigenen Eltern und der zwei älteren Schwestern für den Roman zu übernehmen, das wäre langweilig gewesen. „Ich liebe sie, aber ich empfinde sie nicht als romantauglich. Dazu kenne ich sie viel zu gut. Sie brennen nicht, wenn ich sie in einem Text erzählen lasse“, meint Shida Bazyar.

Der Prozess des Schreibens sei wie ein Rausch. „Das hat etwas von Drogennehmen.“ Und die Clubs in Berlin? Viel zu faul sei sie, um feiern zu gehen, lieber treffe sie sich mit Freunden in einer Kneipe oder einfach auf dem Balkon ihrer Wohnung, die sie mit ihrem Freund und einem Mitbewohner teilt. Sie lebt in Wedding, während ihre Eltern immer noch in Hermeskeil wohnen, in einem Haus mit Garten. Seit sie zu Hause ausgezogen ist, sei sie immer das Kind gewesen, das am weitesten von den Eltern entfernt wohne.

Ein vererbtes Tauma

Jedes Treffen mit der Familie wird weit im Vorfeld geplant und organisiert. Obwohl sie in Berlin glücklich sei, vermisse sie aber ihre Eltern. Mit den Begriffen Heimat und Sehnsucht kann sie jedoch wenig anfangen. Heimat? Das Wort benutzt sie gar nicht. „Da ich bei so vielen Orten das Gefühl habe, hier fühle ich mich wohl, hier bin ich vertraut, macht das Wort für mich nicht so viel Sinn“, meint sie.

Und der Iran? Wenn sie daran denke, sei viel Traurigkeit dabei. Ihr ganzes Leben habe sie die Entwicklung im Iran als eine traurige Geschichte erlebt. Als Kind wurde ihr erzählt, dass ihren Eltern Familie und Freunde genommen wurden, dass sie nicht da sein könnten, wo sie sein sollten. Eine vererbte Traurigkeit, ein Familientrauma, das bleibt.

Sie selbst empfindet keinen Verlust. „Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, eine Sehnsucht zu etwas zu entwickeln, das ich nie hatte.“ Sie fühlt sich nicht zerrissen. Sie hat ihre Arbeit und kommt gut zurecht.

Kein Lachen auf der Straße

Dreimal besuchte sie ihre Familie in Teheran und Ilam. Wenn sie dort ist, muss sie sich anpassen, ein Kopftuch in der Öffentlichkeit tragen, sich zusammenreißen, darauf achten auf der Straße nicht zu laut zu lachen. Je mehr Distanz zwischen ihren Besuchen liegt, desto mehr empfindet sie, wie schlimm das Regime dort ist, wie tiefgreifend die Einschränkungen für die Menschen, immer wieder fragt sie sich: Wann ändert sich das endlich? In Deutschland ist sie in keiner iranischen Gemeinschaft verankert.

In den iranischen Communities im Ausland herrsche oft ein großes Misstrauen, findet sie. Die unterschiedlichsten Menschen träfen dort aufeinander. Menschen, die im Iran verfeindet gewesen waren. Sie fühlt sich als Deutsche. „Ich wähle, zahle Steuern, unterstütze die Gesellschaft, mein Lebensmittelpunkt ist hier.

Deutsche mit iranischen Eltern

Im Iran bin ich auf dem Papier Iranerin, ohne etwas dafür zu tun“. Die Bezeichnung Deutsch-Iranerin findet sie unklar. „Deutsche mit iranischen Wurzeln“ – zu biologisch. Am liebsten würde sie als Deutsche mit iranischen Eltern bezeichnet werden, sagt die 28-Jährige. „Das hat den größten Wahrheitsgehalt.“

Auch wenn sie keine Sehnsucht nach dem Iran hat, musste sie „Nachts ist es leise in Teheran“ unbedingt schreiben. All die Geschichten und Emotionen in ihrem Kopf wollten in Literatur verwandeln werden. Das Schreiben selbst sieht sie als einen „egoistischen Prozess“. Und das Ergebnis soll jetzt allen gehören – vor allem aber ihren Eltern gewidmet sein.

Shida Bazyar: „Nachts ist es leise in Teheran“. Kiepenheuer & Witsch, 288 S., 19,99 Euro