Zu den zarten Klavierakkorden und dem schwebenden Baritongesang beim Schubert-Lied „Der Lindenbaum“ werden Animationsfilme auf ein Bühnenbild aus zerrissenen Papierseiten projiziert: ein abtauchender Haken, ein Fischglas, der Einzeiler „This is how the tree breaks“. Die Zeichnungen sind nicht irgendwelche, sondern sie tragen die Handschrift des weltberühmten Künstlers William Kentridge. Der steht im Mittelpunkt von Ausstellungen, Performances und Lectures des Festivals Foreign Affairs. Die mit dem Bariton Matthias Goerne und dem Pianisten Markus Hinterhäuser entwickelte Produktion des Liederzyklus „Die Winterreise“ hatte seine deutsche Premiere im Haus der Berliner Festspiele.

Nach der Taufe 2014 beim Festival d’Aix-en-Provence ist die Produktion bereits gut herumgekommen, von den Wiener Festwochen bis hin zum Lincoln Center in New York. Das Konzept ist im Prinzip genial: Ein Klassiker des romantischen Repertoires wird durch zeitgenössische Bilder neu belebt und verständlich erzählt, sodass nicht nur ein geschlossener Kreis von Liebhabern daran teilnehmen kann. Die Zuschauer an diesem Abend wirken entspannter und sind etwas jünger als die üblichen Klassikkonzert-Besucher.

Das Zusammentreffen von Schuberts innigen, in den Tod getriebenen Welten und Kentridges selbstdarstellerischer Ästhetik hat allerdings seine Tücken. Als Goerne beim „Frühlingstraum“ im dämmrigen Licht dem Klavier seinen Rücken kehrt, taucht man lieber in die Musik ein als auf die mit Projektionen überflutete Bühne. Kentridges allegorische Videos über sein Heimatland Südafrika und sein Dasein als Künstler sind spannend, aber sie überfordern den Liederzyklus mit rasch bewegten, oft ironischen Bildern. Manchmal wird die Bildsprache so konkret, dass die Gedichte Wilhelm Müllers über verlorene Liebe und öde Landschaften an Gewicht verlieren. Braucht man ein animiertes Selbstbild von Kentridge, der durch die Seiten eines Buchs geht, um das Thema des Wanderns zu begreifen?

Das Video ist am stärksten, wenn es sich auf meditative, mit der Musik in Einklang befindliche Bilder reduziert, wie etwa die langsame Prozession von Frauensilhouetten im „Leiermann“. Goerne und Hinterhäuser bilden ein vertrautes Team, sie folgen einander durch rasche Wechsel im Tempo und in der Dynamik. Der Bariton gestaltet den Text mit einer reichen Palette an Ausdrucksmomenten, es reicht vom federleichten Pianissimo bis hin zu grollenden Ausbrüchen. Weniger überzeugend ist hingegen seine Interaktion mit Kentridges Bildern, obwohl der Sänger in seinem Element ist. Aber das intime Gespräch mit den Tönen findet an der Seite des Flügels statt.

Rebecca Schmid