Porträt

„Wer will schon ein Ei sein?“

Vierfache Mutter, Aktivistin, Bachmann-Preisträgerin: Die Britin Sharon Dodua Otoo lebt in Berlin. Ein Treffen.

Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo

Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo

Foto: Marion / Marion Hunger

Als die Juroren ihren Namen nennen, einer nach dem anderen, da kann sie nicht glauben, was da gerade passiert. Sie zieht die Augenbrauen hoch, blickt sich um, schlägt die Hände vor den Mund. Das ist alles neu für sie. Die Menschen, das Vorlesen, die Preisverleihung. Bevor sie als Kandidatin für den Ingeborg-Bachmann-Preis vorgeschlagen wurde, kannte sie ihn gar nicht. Hätte sie ihn gekannt und um sein Renommee im deutschsprachigen Raum gewusst, dann hätte sie vielleicht gar keinen Text eingereicht. Jedenfalls nicht diesen, den mit dem Rentnerehepaar und dem reinkarnierenden Ei.

Das ist ja schon etwas skurril für den Klagenfurter Wettbewerb. Dass sie dann mit genau dieser Erzählung gewinnt, darüber schüttelt sie auch jetzt noch – drei Tage später – etwas ungläubig die schwarzen Rastazöpfe. Sharon Dodua Otoos Muttersprache ist Englisch, nicht Deutsch. Sie ist eine Überraschungssiegerin.

Über die Weltbetrachtung eines Frühstückseis

Dass kaum jemand die 43-Jährige auf dem Zettel hatte, liegt vielleicht daran, dass Otoo bisher bloß zwei Novellen in einem kleinen Münsteraner Verlag veröffentlicht hat und fast nur auf Englisch schreibt. Eigentlich ist sie Herausgeberin einer Buchreihe und Projektkoordinatorin einer Berliner Initiative gegen Bildungsbenachteiligung und Rassismus in der Schule. Sie schreibt, wenn sie Zeit findet. Dass sie zur Klagenfurter Überraschung wurde, das liegt aber vielleicht auch daran, dass ihre Geschichte „Herr Gröttrup setzt sich hin“, die sie ganz achtsam und mit einem sanft über die Lippen rollenden Rrr vorliest, so herrlich anders ist. Sich eben so gar nicht nach deutscher Gegenwartsliteratur anhört.

Genau deswegen hat die in Berlin lebende Britin auch mit dem Schreiben begonnen. „Weil mir eine bestimmte Perspektive in der Literatur gefehlt hat und ich vermisst habe, dass Geschichten auch mal von Personen und Lebewesen handeln, die so gar nicht der Norm entsprechen“, sagt sie. Also macht Otoo nicht etwa den ­titelgebenden Gröttrup zum Protagonisten ihrer Gewinnergeschichte, das wäre ja auch zu einfach. Sondern ein Ei. „Manchmal wache ich auf und denke: Heute bin ich ein Ei. Zugegeben, das passiert mir nicht oft. Wer will schon ein Ei sein?“, heißt es im Text.

Dieses Ei hat beschlossen, nicht hart zu werden. Mit seinem freien Willen und einer eigenen Vergangenheit – das erzählende Ich im Ei wird mehrmals wiedergeboren – entpuppt es sich nicht nur als brillanter Erzähler, sondern auch als Menschenkenner. Es entlarvt Frau und Herrn Gröttrup, zwei Rentner aus München, die mit dem Wackeldackel durch die Gegend fahren. Die sitzen also wie jeden Tag beim Frühstück, Herr Gröttrup kontrolliert alles so penibel, wie sich das gehört an einem deutschen Frühstückstisch, und da platzt das Ei mitten hinein in ihre Routine. Es bekleckert seine Krawatte, und wird so zum Katalysator zwischen den beiden, die sich längst aus den Augen verloren haben, obwohl sie sich so nah sind.

Ihr literarisches Rückgrat ist Empowerment

Was bei Loriot noch Spaß ist, das wird bei Otoo zur aberwitzigen Tragikomödie. Denn unter der Oberfläche der Gröttrups brodelt es. Helmut Gröttrup, angelehnt an die gleichnamige reale Person, arbeitete unter den Nationalsozialisten an der V2, nach Kriegsende in der Sowjetunion als Raketeningenieur. Diese Vergangenheit verdrängt das Paar, bis das so unscheinbare Ei ihre Realität zerbröckeln lässt.

„In meinen Augen haben wir mit Literatur die Möglichkeit, allen Lesenden eine andere Sichtweise anzubieten. Eine, die das Schwarz-Weiß-Denken mal aushebelt und uns in dieser schnellen Welt die Chance gibt, auszuatmen“, sagt sie. Die Nuancen zwischen Ja und Nein, Pro und Kontra, Schwarz und Weiß, die machen ihr zu schaffen. Auch in ihren ersten beiden Büchlein, die nur etwas mehr als 100 Seiten zählen. Da schreibt sie etwas aktivistischer, etwas autobiografischer als an Gröttrups Frühstückstisch.

Ihr literarisches Rückgrat ist da Empowerment gegen Alltagsrassismus. Aber auch die Aufforderung, genauer hinzusehen auf die Menschen um uns herum. Auf die, die zu wenig in der Literatur zu finden sind. Schwarze Frauen zum Beispiel, die – so wie sie – in Großbritannien geboren sind und in Deutschland leben, die Protagonistinnen ihrer Novellen. „Obwohl sie Teil der Gesellschaft sind, werden sie von bestimmten Menschen als fremd wahrgenommen, und ich schreibe, um an dieser Perspektive zu rütteln“, sagt sie. In ihrer Literatur verschwimmt die, bis die Grenzen von Realität und Traum neu ausgelotet werden. Wie in Klagenfurt.

Von London über Hannover nach Berlin

Dort die deutsche Geschichte über ein Frühstücksei implodieren zu lassen, das erfordert Chuzpe. Vielleicht auch die Sichtweise einer Sprach- und Heimatwechslerin. Otoo wächst als älteste Tochter von ghanaischen Auswanderern auf, die in den 60er-Jahren nach London kommen. Für Deutsch interessiert sie sich erst, als sie nach ihrem Abitur einen Au-pair-Platz in Hannover bekommt. Schwierig sei es mit dem Deutsch gewesen.

„Am Anfang war ich immer müde, denn man ringt um Worte und versucht dagegen anzukämpfen, wegen seines Ausdrucks unterschätzt zu werden“, sagt sie. Doch Otoo hat Ehrgeiz. Sie beschließt, Germanistik zu studieren. Mittelhochdeutsch und Linguistik, Brecht und Dürrenmatt. Aber, „to be honest“, sie habe auch manchmal in die englischen Übersetzungen geschaut. Seit dem Sommermärchen 2006 lebt sie mit ihren vier Söhnen (20, 17, 13 und vier Jahre alt) in Mitte. Denn die Stimmung bei der WM und die bilingualen Schulen, die haben sie überzeugt. Haben sich durchgesetzt gegen die Berliner Schnauze, die Ellbogen in der U-Bahn.

Mit ihren Geschichten will sie sich selbst überraschen

Auf Gröttrups, diese bundesdeutschen Klischeerentner, ist sie gestoßen, als sie eine Arbeit über Diskriminierung schreiben will. Es soll um Menschen gehen, die sich selbst, ihre Identität, ihre Selbstverständlichkeit nie hinterfragen. „Ich wollte auf humorvolle, überraschende, irritierende Art schreiben, um diesen Menschen den Spiegel vorzuhalten, aber ohne mit dem Zeigefinger auf sie zu deuten“, sagt sie.

Das Ei kam erst dazu, als sie schon mittendrin war. Irgendwas, denkt sie sich, fehlt in der Geschichte. Der Überraschungsmoment. „Ich plane meine Geschichten nicht, ich schreibe sie, sodass ich selbst weiterlesen will, um herauszubekommen, was passiert“, sagt sie und lacht. Gröttrups Frühstück gärt in ihrer Schublade, als Sandra Kegel von der „FAZ“ sie nach Klagenfurt bittet.

Jetzt wird aus dem Ei ein Roman

Dass Otoo sich selbst nicht vorrangig als Schriftstellerin sieht, das ändert sich jetzt vielleicht. Durch den Gewinn in Klagenfurt – die 25. 000 Euro Preisgeld, die Aufmerksamkeit – „habe ich die Möglichkeit, mein Leben neu auszuloten und mir Freiräume zum Schreiben zu schaufeln“, sagt sie. Ihr Traum ist es, das Frühstücksei zum Roman auszubauen.