Festivals

Gerhard Kämpfe geht zurück zu den Wurzeln

Festivalchef Gerhard Kämpfe steht für große Open-Air-Shows. Die Jüdischen Kulturtage aber berühren seine eigene Familiengeschichte.

Festivalchef Gerhard Kämpfe unweit seiner Wohnung in Wilmersdorf

Festivalchef Gerhard Kämpfe unweit seiner Wohnung in Wilmersdorf

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Er ist der Mann, der in Berlin die meisten Festivals leitet. Gerhard Kämpfe ist Chef des Classic Open Air, das ab 21. Juli wieder auf den Gendarmenmarkt einlädt. Darüber hinaus leitet er die Pyronale auf dem Maifeld und in diesem November erstmals die Jüdischen Kulturtage Berlin. Rund 100.000 Menschen besuchen seine Festivals.

Herr Kämpfe, Festivals sind ein ganz eigenes Gewerbe. Wie kommt man eigentlich dazu?

Gerhard Kämpfe: Die Idee zum Classic Open Air hatte ich durch eine Begegnung mit dem Startenor José Carreras in Köln. Das war 1991. Als ich in Berlin das erste Mal über den Platz der Akademie lief, so hieß der Gendarmenmarkt damals, war ich verzaubert. Ein Jahr später stand José Carreras auf der Bühne und eröffnete mein Festival.

Waren das gute oder eher schlechte Zeiten, um ein Festival zu installieren?

Die meisten hielten mich eher für verrückt. Man muss sich nur noch einmal daran erinnern, wie es rund um den Platz aussah. Es waren Riesenbaustellen voller Kräne. Aber mein Gefühl sagte mir, das kann gehen. Jetzt sind es bereits 25 Jahre.

Auch Festivals unterliegen Moden und dem Verschleiß. Was für Veränderungen waren zum Überleben erforderlich?

Die erste Veränderung war, dass ich die Bühne nicht mehr vor den Französischen Dom stellte. Die Entfernung von der Tribüne ganz hinten zur Bühne war 100 Meter. Was fürs Publikum unzumutbar war. Wir stellten die Bühne gegenüber vom Konzerthaus. Das war besser, aber der schöne Anblick war jetzt im Rücken. Erst 1994 haben wir zum heutigen Aufbau gefunden. Inhaltlich wussten wir schnell, dass ein mehrtägiges Open-Air-Festival nicht nur mit Topstars der Klassik funktioniert. So viele gibt es gar nicht, und es ist auch eine Frage der Gagen.

Was waren die besten, was die härtesten Jahre?

Die 90er-Jahre waren hart, weil wir erst Stück für Stück dank meines Partners Mario Hempel Sponsoren überzeugen konnten. Ohne die läuft ein solches Festival nicht. Man bewegt sich finanziell auf dünnem Eis. Allein 600.000 Euro werden auf dem Gendarmenmarkt an technischem Equipment ausgelegt, bevor wir überhaupt über künstlerische Inhalte reden.

Verdient man sich als Festivalleiter eine goldene Nase?

Nee. Wir haben das große Glück, dass wir ein Konsortium an Firmen haben, wozu auch die Pyronale gehört. Wenn es mal irgendwo etwas durchhängt, wird das untereinander ausgeglichen.

Wer ist der größte Konkurrent in Berlin?

Die Konzerte in der Waldbühne, das ist schon eine tolle Location. Ich glaube, die Hallen sind es weniger.

Und was ist etwa mit „Staatsoper für alle“ auf dem Bebelplatz. Zehntausende kommen und müssen nichts bezahlen für das Konzert.

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits finde ich es gut, dass hochsubventionierte Häuser dem Bürger mal etwas kostenlos zurückgeben wollen. Andererseits gehen wir private Veranstalter große Risiken ein, bezahlen kräftig Steuern. Anders gesagt: Wir bezahlen die Häuser mit, die uns kostenlos Konkurrenz machen.

Überraschenderweise sind Sie jetzt auch Intendant der Jüdischen Kulturtage geworden. Wie kam es dazu?

Schon im vergangenen Jahr wurde ich von der Jüdischen Gemeinde angesprochen, aber das wir etwas zu kurzfristig. Wir haben uns dann auf den 5. bis 13. November in diesem Jahr verabredet. Ich wollte das unbedingt machen.

Ihr Vorgänger Martin Kranz war ein Pfarrerskind und hatte dadurch eine gewisse Distanz zur veranstaltenden Gemeinde. Wie ist es bei Ihnen?

Ich gehöre der Gemeinde nicht als Mitglied an. Aber ich hatte eine jüdische Mutter, wodurch ich nach jüdischem Gesetz ein Jude bin. Ich wurde nicht religiös erzogen, aber je älter ich werde, desto mehr interessiere ich mich schon für meine Wurzeln. Dazu gehört nicht nur die eigene Familiengeschichte, sondern gerade auch die Kultur.

Aber bislang hat das in Ihrer Karriere nie eine Rolle gespielt?

Nein, außer dass ich am laufenden Band jüdische Witze erzähle.

Ihre Familie stammte aus Berlin?

Meine Mutter wurde in Köpenick geboren, mein Großvater kam wie alle Berliner aus Schlesien. Er war Professor für Altphilologie und Philosophie. In den 30er-Jahre wurden nach und nach alle Familienmitglieder abgeholt und in Auschwitz oder Bergen-Belsen umgebracht. Mein Großvater und meine Mutter waren die einzigen Überlebenden, sie überstanden die letzten Jahre während des Krieges versteckt auf Dachböden und in Kellern. Versteckt übrigens von Christen, die ihr eigenes Leben riskierten.

Wie sind Sie mit dieser Familiengeschichte aufgewachsen?

Ich bin in den 50er-Jahren mit diesem merkwürdigen Schweigen sowohl auf der Opfer- wie auf der Täterseite aufgewachsen. Erst in den 60er-Jahren konnten mein Bruder und ich mit unserem Großvater darüber reden. Ich habe ihn gefragt: Warum leben wir eigentlich noch in diesem Land? Er antwortete: Weil wir hierher gehören. Und dann lehrte er uns, dass man Menschen nie pauschal in Gruppen stecken darf. Das ist der Beginn von Rassismus.

Wie haben Sie sich den Kulturtagen genähert, mit vielen Gesprächen vorab?

Vor allem mit Selbstgesprächen. Zuerst ging es um den Titel nachgedacht. Jetzt heißen die Kulturtage „Schalom Berlin!“ Schalom bedeutet nicht nur Friede, sondern auch, auf den anderen zuzugehen. Das ist etwas, was in der Gegenwart etwas verloren geht. Wir erleben es gerade mit dem Islam, wo oberflächliche Betrachtungen auch zu falschen Reaktionen führen.

Wie politisch kann ein Berliner Festival in diesen Zeiten sein?

Es ist nicht wirklich politisch. Ich will die jüdische Kultur vorstellen. Aber da beginnt bereits das erste Problem. Ich glaube, dass es jüdische Künstler gibt, die Kunst produzieren. Aber die Musik selbst ist deswegen nicht jüdisch, sondern bleibt universell. Max Liebermann hat in Berlin die tollsten Bilder gemalt, aber ist es deswegen jüdische Kunst. Man hat das Etikett jüdisch seit den 30er-Jahren angehängt, um es zu diskreditieren.

Die Jüdische Gemeinde in Berlin ist ein kompliziertes, teils auch in sich zerstrittenes Gebilde. Wie wollen Sie damit umgehen?

Ich kann nur hoffen, dass die Differenzen innerhalb der Gemeinde überwunden werden. Meine Kontakte beziehen sich rein auf die Kulturtage. Und da habe ich ein gutes Gefühl.

Was wollen Sie anbieten?

Ich möchte gerade auch Künstler zeigen, die in dieser Stadt Erfolg haben. Wir beginnen in der Synagoge Rykestraße mit Andrej Hermlin und seinem Orchester. Im Renaissance-Theater wird es am 7. November einen Abend mit jüdischem Humor geben. Sharon Brauner wird mit ihrer Band spielen, Udo Samel, Katja Riemann, Anna Thalbach oder Nadine Schori werden humoristische Texte lesen. Dann gibt es einen Abend mit Nina Hoger. Zum Abschluss spielt der britische Geiger Daniel Hope, dessen jüdische Wurzeln in Berlin sind. Inzwischen lebt er wieder in Berlin.