Open Air-Konzert

Berliner Philharmoniker in der Waldbühne: Gerne traditionell

Zum Saisonabschluss spielten die Philharmoniker ein traditionelles Programm und überzeugten mit dynamischem Orchesterklang.

Stimmungsvolles Ambiente: Wenn die Sonne über der Waldbühne versinkt...

Stimmungsvolles Ambiente: Wenn die Sonne über der Waldbühne versinkt...

Foto: POP-EYE/Christina Kratsch / POP-EYE

Die Musik tut so unglaublich gut. Aus dem anfänglichen Duett der Flöten hervor hört man die Moldau plätschern und säuseln, so wie sie der tschechische Komponist Bedřich Smetana im Jahr 1874 musikalisch entspringen und schließlich unter Getöse in einen riesigen Strom münden ließ. Smetanas Sinfonische Dichtung „Má vlast“ („Mein Vaterland“) wird heute von manchen Klassikpuristen mit einem gewissen Schmunzeln betrachtet – doch dass es so populär ist, kann man dem Stück kaum vorwerfen. Dafür ist die instrumentale Farbenpracht, das Immer-in-Bewegung-Sein, das Ineinander- und Weiterfließen allen musikalischen Geschehens einfach zu genial hergestellt.

In der Waldbühne bekommt man einen Sinn dafür, weshalb das Stück auch nach fast anderthalb Jahrhunderten so unverwüstlich ist. Es ist ein europäisches Stück. Und die Wohltat besteht darin, dass die Berliner Philharmoniker nach Idomeni, Brexit und anderen europäischen Katastrophen der vergangenen Saison ungerührt in ihrem traditionellen Saisonabschlusskonzert in der Waldbühne vor rund 21.000 Zuschauern im Sommer 2016 dieses schlagerverdächtige Stück wählen und zum gefühlt millionsten Mal den großen tschechischen Fluss vom Böhmerwald in die Elbe fließen lassen – mit der gleichen ebenmäßigen Mischung aus Überschwänglichkeit und Melancholie, wie sie in Klassikwunschkonzerten ebenso wie in Werbejingles, in Jugendorchestern wie in Pop-Verwendungen jedes Jahr zig Mal auf der Welt erklingt. Ohne dass hier ein augenblickhaftes politisches Zeichen beabsichtigt und inszeniert worden ist – schließlich stand das Programm unter dem kanadischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin schon lange fest – verpflichtet das Stück den Zuhörer zu mehr Gelassenheit.

Geigensolistin Lisa Batiashvili spielt mit viel Energie

Die Philharmoniker sorgen zwar anfänglich mit gut geprobtem La-Ola unter den 20.000 Besuchern für entspannte und positive Stimmung, auch nachdem die letzten Minuten des Spiels Deutschland-Slowakei vorüber sind. Doch die Tablet-Bildschirme, von einigen Zuschauern auf den steinernen Rändern der Blöcke aufgestellt, wirken im hellen, heißen Sonnenlicht der frühabendlichen Waldbühne wie hilflose Spielzeuge, sobald der erste Ton der Musik erklingt.

Den Philharmonikern reichen sparsame Mittel. „Das ist doch sowieso nicht das ganze Orchester“, raunzt hinter uns ein Rentner seiner Frau zu. Tatsächlich: Für die scheinbar so opulente musikalische Flussdichtung ist von Smetana durchaus kein romantisches Riesenorchester vorgesehen, das Violinkonzert seines Landsmannes Antonín Dvořák kommt gar mit einer klassizistisch kleinen Besetzung aus.

Es ist sicherlich richtig, dass die Philharmoniker in diesem Jahr die Waldbühne nicht als Chefsache planten: Verpflichtet wurde mit Yannick Nézet-Séguin der Dirigent der zuletzt gegebenen Philharmonie-Abokonzerte. Es wurde kein handverlesenes Filmmusik-Feuerwerk ertüftelt wie im letzten Jahr, kein mondäner Hauch von Blauer-Engel-Nostalgie breitet sich aus. Vielmehr spielt man ein Programm, das traditioneller nicht von Wilhelm Furtwängler hätte erfunden werden können: ein Stück Programmmusik, ein Solokonzert und eine Sinfonie.

Es ist ein Rückzug auf das Wesentliche, ohne die jovialen Erläuterungen auch von einer „musikalischen Reise durch Europa“. Der bekanntlich ausgefeilte Klang der Philharmoniker lässt sich durch die Lautsprecheranlagen der Waldbühne nur schwerlich beurteilen. Aber es bleibt in dem zweidimensional verstärkten Klangbild vieles von den Zaubern der Sechsten Sinfonie Dvořáks auf der Strecke. Auf jeden Fall ist die Geigensolistin Lisa Batiashvili für ihr kultiviertes und klangvolles Spiel zu bewundern. Musikantisch locker und doch völlig treffsicher gestaltet sie alle Verzierungen, führt jede Phrase mit Energie und Leichtigkeit zu Ende. Die Sechste Sinfonie von Dvořák ist für die Waldbühne eine treffliche Wahl. Der Komponist schreibt hier ein sinfonisches Werk ganz im dicht durchkonstruierten Stil seines Gönners Johannes Brahms, aber es ist ein großspuriger Brahms, gleichsam für den Breitwand-Kinosaal. Und hier kann ein Waldbühnenorchester immerhin, wenn nicht gerade seine Farbenpracht, so doch seine Virtuosität der schnell wechselnden Töne wie Lautstärken unter Beweis stellen.

Nézet-Séguin dirigiert diese schnellen Wechsel im rasenden böhmischen Furiant des dritten Satzes souverän, während sich zu Beginn des Finales vorübergehend doch eine gewisse Unordnung in den Reihen des Orchesters bemerkbar macht. Sie wird im denkbar präzise gespielten, stürmischen Fugenabschnitt später im Satz wieder wettgemacht.

Paul Linckes traditionell am Ende jedes philharmonischen Waldbühnenkonzerts stehende „Berliner Luft“ kann der Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin wohl wenig abgewinnen. Der feingliedrige Nézet-Séguin steht beim Lincke-Dirigieren im Trikot der deutschen Nationalmannschaft auf der Bühne. Das Publikum seinerseits pfeift enthusiastisch mit.

Es ist das gute Zeichen, dass sich zumindest in Berlin manche Anspannung durch die Kraft der Musik lösen lässt.