Kultur

Plötzlich taucht ein sprechender Hund auf

Viel Fantasie, wenig Politik: Die Autorentheatertage im Deutschen Theater zeigen zum Auftakt Stefan Hornbachs Stück „Über meine Leiche“

„Es geht ums Ganze“, sagte Intendant Ulrich Khuon zur Eröffnung der diesjährigen Autorentheatertage im Deutschen Theater am Sonnabend. Und meinte, bezogen auf die drei Gewinnerstücke, die das Herzstück des Festivals bilden, damit: ums ganze Leben. Explizit auch jenseits seiner politischen Aspekte. Es liegt nämlich derzeit eine Erwartung in der Luft: Dass sich die Theater und die Gegenwartsdramatiker, denen das Festival ja gewidmet ist, künstlerisch ganz besonders um die Weltlage kümmern, den Terror, die Flüchtlingsthematik oder den Rechtsruck in Europa.

Die unabhängige Jury, bestehend aus der Schauspielerin Wiebke Puls, dem Filmregisseur Dietrich Brüggemann und der Theaterkritikerin Barbara Behrendt als Jury-Vorsitzende, hat im Vorfeld 175 Einsendungen gesichtet und sich für die drei Texte „Das Gelübde“ von Dominik Busch, „Gespräch wegen der Kürbisse“ von Jakob Nolte und „Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach entschieden. Keines der drei ausgewählten Stücke, die hier noch bis zum 25. Juni in Kooperation mit dem Wiener Burgtheater und dem Schauspielhaus Zürich zur Vor- oder Uraufführung kommen, erfüllt die erwähnten politischen Erwartungen. Die Juryvorsitzende Barbara Behrendt hält zum Auftakt ein engagiertes Plädoyer dafür, dass sie das, allen Diskussionen zum Trotz, auch gar nicht müssen. Zumindest jetzt noch nicht: „Theater kann nicht die Fortsetzung der Tagesschau mit anderen Mitteln sein“, sagt sie. Mangelnde Welthaltigkeit könne man diesem Jahrgang nicht vorwerfen, es würden nur eben keine Trendthemen bedient und das sei auch gut so.

Den Auftakt machte Stefan Hornbachs Stück „Über meine Leiche“. Regisseur Nicolas Charaux hat es fürs Kasino des Wiener Burgtheaters in Szene gesetzt, wo es ab Herbst im Repertoire laufen wird. Tatsächlich geht es hier ums Ganze, um Leben oder Tod nämlich. Ein starker, ein anrührender Text ist das. Fritz ist Ende zwanzig, schüchtern, ungelenk und krebskrank. Er trifft auf seine Jugendfreundin Jana, hübsch, frech, aber lebensmüde. Vielleicht treffen sie sich auch gar nicht wirklich, vielleicht ist alles nur ein Fiebertraum. Vielleicht wird Fritz auch gar nicht sterben. Stefan Hornbachs Stück gewinnt seinen Reiz aus der Uneindeutigkeit der Rollen, der Zustände, der Umstände. Die der Regisseur dem Text allerdings nicht zugesteht. Jana wird zur Nebenfigur, es ist schnell klar, dass wir uns im Imaginationsraum von Fritz befinden, aus dem Nichts erblühen Blumen, ein sprechender Hund taucht auf.

Der 29-jährige Stefan Hornbach sagt nach der Vorstellung, für ihn sei diese Lesart dennoch durchaus legitim. Zum Thema Autorenförderung hat er noch einen dringlichen Wunsch: Mehr Nachhaltigkeit und weniger Uraufführungswahn. „Wo sind die ganzen Stücke, die vor zehn Jahren geschrieben wurden und damals zeitgenössisch waren?“ Alle drei Gewinnerstücke sind noch mal in der Langen Nacht der Autoren am 25. Juni zu sehen.