Mercedes-Benz Arena

Bryan Adams gibt beim Konzert in Berlin alles

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Gumz
Bryan Adams live - manchmal braucht es große Gesten

Bryan Adams live - manchmal braucht es große Gesten

Foto: Manuel De Almeida / picture alliance / dpa

Und er spielt natürlich auch „Summer of 69“. Der kanadische Sänger begeisterte am Sonntagabend seine Fans mit Hits und Klassikern.

Ganz zum Schluss spielt Bryan Adams in der gut gefüllten Mercedes-Benz Arena „Straight from the Heart“ – einen Song, den er mit 18 Jahren geschrieben hat, erzählt er, als er gerade versuchte, sich selbst Klavierspielen beizubringen. Das sei ja erst ein paar Jahre her.

Und er grinst dieses Lausbubgrinsen. Die sehr zahlreich Erschienenen lachen, applaudieren. Und dieser Song klingt, solo zur Gitarre, wie ein Klassiker: Als hätte man seinen Autor vergessen und dachte, dieses Lied sei immer schon da gewesen.

Ein paar Wochen länger muss das alles aber doch her sein, denn Adams sieht man, auf drei messerscharfe Videoleinwände aufgeblasen, seine 56 Jahre an. Sie stehen ihm gut. Wenn der passionierte Fotograf, der Adams auch ist, während des Sets am Sonntagabend Livebilder in alte Musikvideos hinein schneiden lässt, mit Lederjacke und weißem Rocker-T-Shirt in der Wüste, muss man sagen: nicht nur seine Frisur ist heute deutlich stilvoller. Auch das schwarze Jackett mit Einstecktuch steht ihm hervorragend. Und, ja, die Falten auch.

Kitischig im Text, berechenbar im Sound

Adams’ Gesicht hat die Kanten bekommen, die seiner Musik leider hin und wieder abgehen. Zu „It’s only Love“ vom Hit-Album „Reckless“ etwa gleiten Schwarzweiß-Bilder von einer dunkelhaarigen Schönheit über die Screens hinter der Bühne. Perfektes Halbdunkel, grobkörnig, und in etwa so aufregend wie Unterwäschewerbung. Ein bisschen so ist es auch mit Adams’ Musik: sehr gut gemacht, aber nicht selten etwas kitschig im Text, berechenbar im Sound.

Damit sind nicht so sehr die größten Breitwandballaden gemeint, die früher jede Kuschelrockparty befeuerten. „Heaven“ von 1985 etwa singt Adams als wisse er, dass danach kaum wieder einen so guten Song geschrieben hat – ein wenig ungläubig, ehrfürchtig fast. Erstmal aber lässt er das Publikum singen. Die ganze erste Strophe lang streckt er ihm das Mikro entgegen. „I love it when you sing“ sagt er an diesem Abend immer wieder.

Und man glaubt es ihm. Denn so perfekt die Zweieinhalb-Stunden-Show auch gemacht sind, so makellos Band, Licht und Videowände aufeinander abgestimmt, so glatt der Radiosound in die Mehrzweckhalle knallt – man kann Bryan Adams nicht vorwerfen, dass er nicht alles gäbe.

Schnulzen und Rocker im Gepäck

Er hat die Rocker dabei: “Kids Wanna Rock”, “The Only Thing That Looks Good on Me Is You” oder “Go Down Rockin’” vom aktuellen Album “Get up”. Und er hat die Schnulzen dabei: „Please Forgive Me“, „All for Love“, „(Everything I Do) I Do It for You”. Und diese sich aufschwingende Melodik, dieses Komplettpathos, aufgefangen von einer Art heiliger Einfalt – die muss ihm erstmal jemand nachmachen.

Da wird gereimt was das Zeug hält: „There’s no love, like your love / And no other, could give more love / There’s nowhere, unless you’re there”; da wird auch auf jede Drei-Akkord-Progression noch ein dicker Tonartwechsel gepackt. Aber, hey – braucht man nicht manchmal genau das: die ganz großen Gesten, mit Sonnenuntergang und Sternenhimmel und unendlicher Liebe? Ist Popmusik nicht dazu da, hin und wieder larger than life zu sein?

Zuständig für die Extraportion Pathos ist an diesen Stellen Gitarrist Keith Scott, der am Bühnenrand den Hals seiner abgeschabten Fender Stratocaster schüttelt, jedes zweite Solo auf einer hohen Note beendet. Nur um sich mit Adams in den nächsten rüden Rocker zu schmeißen. Zwei ergraute Herren, die sichtlich Spaß haben an dem, was sie tun.

Ohne „Summer of 69“ geht es nicht

Und wenn sie „Summer of 69“ spielen, stimmt plötzlich alles. Alle reißt es von den Stühlen. Der zweitbeste Song, den Bruce Springsteen nie geschrieben hat, wie man so sagt (der beste ist bekanntlich „Downtown Train“ von Tom Waits) – sogar inklusive dessen Lieblingswort, „porch“ (Veranda) – ist eine dieser archetypischen Erinnerungsnummern, an denen man nichts verbessern könnte: „Those were the best days of my life.“

Bei „18 til i die“ stehen sehr viele Menschen jubelnd, Hände in der Luft, die deutlich nicht mehr 18 sind. Oder 28. Oder 38. Und wenn dann noch Ina, aus dem Publikum von Adams ausgewählt, im Spotlight tanzen darf, und die ganze Halle schaut zu – Ina, die nicht wirklich modelmäßig daherkommt, mit jeder Minute aber sexier wird – und sich dazu noch herausstellt, dass die stark indigniert dreinschauenden Rentner neben ihr ihre Eltern sind, dann tobt der Saal. „Nette Pointe“, meint Adams. Er hat dem nur scheinbar Durchschnittlichen seinen Auftritt, seine Schönheit gegeben.

Zur Schlußverbeugung sind er und seine Musiker einfach, Arm in Arm, eine durchgeschwitzte Jungsbande. Falten hin, Falten her.