Interview

Wie hoch ist Ihr Selbstwertgefühl, Russell Crowe?

Ein Gespräch mit dem Schauspieler Russell Crowe über seinen neuen Film, Blödeleien bei Dreharbeiten und das Laster des Rauchens.

„Ich will nicht um jeden Preis der nächste Hamlet werden“: Russell Crowe bei der Vorstellung seines Films „The Nice Guys" in Cannes

„Ich will nicht um jeden Preis der nächste Hamlet werden“: Russell Crowe bei der Vorstellung seines Films „The Nice Guys" in Cannes

Foto: ERIC GAILLARD / REUTERS

Soll man sich vorsorglich ducken? Wer an Russell Crowe denkt, dem fällt unweigerlich die Geschichte ein, als er einen Hotelangestellten mit einem Telefon bewarf. Doch der 52-Jährige, der seinen Interviewer in einer Suite im Beverly Hills Hotel erwartet, grinst viel zu entspannt. Das einzig Rebellische an ihm ist die Zigarette, die in seinen Fingern glimmt. Passenderweise hat er auch kein intensives Drama zu promoten, sondern die hoch amüsante Actionkomödie „Nice Guys“ (ab 2. Juni im Kino), die in den 70-er Jahren spielt und sich um den angeblichen Suizid eines Porno-Sternchens dreht.

Berliner Morgenpost: Sie rauchen hier im Hotelzimmer...

Russell Crowe: Tja, wen kümmert es, was hinter verschlossenen Türen passiert?

Sie klingen so, als wären Sie stolz drauf.

Nein, absolut nicht. Das ist mein Fehler, es ist abgefuckt, und ich bin nicht imstande, meine Entscheidungen zu steuern, was mich auch wirklich stört. Das heißt, ich habe versucht langsam aufzuhören, habe es mit Nikotinersatz probiert, aber letztendlich habe ich es nicht geschafft und hab wieder angefangen.

Wie wurden Sie wieder rückfällig?

Das war vor vier Jahren. Ich kam vier Monate lang ohne aus, aber dann musste ich eine ganze Woche lang Interviews in New York geben, und am dritten Tag sagte ich: „Gebt mir eine Zigarette.“

Ist das Ihr größtes Laster?

Mit Abstand. Ich mag auch meinen Alkohol, aber ich brauche nicht meinen täglichen Drink. Ich will jetzt auch weder für noch gegen das Rauchen predigen. Die Leute sollen tun, was sie wollen. Lassen Sie uns vielleicht doch lieber über den Film reden.

Der moralisch auch nicht ganz so einwandfrei ist – da gibt es ordentlich Sex und Gewalt.

Ja, aber es ist von vornherein klar, dass man das nicht ernstnehmen sollte. Das können Sie überhaupt nicht mit richtigen Dramen vergleichen. Haben Sie „Raum“ gesehen, für den Brie Larson den Oscar bekam? Brauche ich eine Geschichte darüber, wie eine junge Frau vergewaltigt wird, in meinem Leben? Verstehen Sie mich nicht falsch – das war ein wunderbares Beispiel für Filmkunst, aber bin mir nicht sicher, ob es uns als Menschen weiterbringt, so viel Düsternis zu sehen.

Stattdessen haben Sie lieber mit Ryan Gosling beim Dreh von „Nice Guys“ herumgealbert, wie man hört.

Es war nicht einfach Blödelei. Der Mann ist auch ein ganz ernsthafter Cineast, aber er bringt dich eben auch zum Lachen. Es gab unzählige Male, wo ich wegen ihm in einer Szene losprustete.

Ist das nicht ein bisschen unprofessionell?

Das kann passieren. Da gibt es sogar einen Spezialausdruck im Englischen dafür ‚Corpsing’: Viel schlimmer ist es, wenn dir das während einer Theateraufführung passiert. Und das habe ich ein paarmal erlebt. In einem Fall war das ein Stück über einen Kriegsheimkehrer. Mitten in der Vorstellung hatte eine Frau einen Herzanfall und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Nach der Unterbrechung ging es nahtlos im Stück weiter, und meine Textzeile war: „Ich kann von hier aus den Friedhof sehen.“ Und ich platzte los, ging vor lauter Gelächter in die Knie, während das Publikum todernst dreinschaute. Im Film habe ich das nicht so häufig erlebt, aber gegen Ryan war ich machtlos.

Sie hatten ja mal ganz ernsthafte Dramen und Überlebensgeschichten gespielt. Haben Sie keine Lust mehr, sich so richtig zu verausgaben? Leonardo DiCaprio hat dieses Jahr immerhin einen Oscar für so etwas bekommen.

Das hängt vom Drehbuch ab. Ich bin nicht der Typ, der einer bestimmten Art von Rolle hinterherjagt. Ich will nicht um jeden Preis der nächste Hamlet werden oder in einem spezifischen Genre arbeiten. Als ich das Angebot für „Gladiator“ bekam, suchte ich nicht um jeden Preis nach einem Sandalenfilm. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Vor kurzem hätte ich in einem Film spielen sollen, in dem ich wochenlang die Sahara durchqueren muss. Irgendwie kam dann die Finanzierung nicht zustande. Wer will schon ein paar Typen mit Kamelen sehen? Andererseits sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Manche Filme sehen nach harten Bedingungen aus und tatsächlich wurden sie auf den Bermudas gedreht und alle Beteiligten verbrachten ihre Freizeit im Nachtclub.

Aber würden Sie Ihre Zeit nicht lieber mal bei der Oscarverleihung verbringen?

Hängt von den Umständen ab. Es gibt Alternativen. Letztes Jahr habe ich bei der Oscarverleihung ein Rugbymatch meines Teams angeschaut. Und wir haben gewonnen – das war also die richtige Entscheidung.

Sie wirken ziemlich entspannt, wenn Sie so erzählen. Früher hatten Sie ja diverse Auseinandersetzungen mit Fans und Presse...

Ach, ich halte Ihnen ja auch nicht Ihre Jugendsünden vor. Und mittlerweile verteidigen mich sogar die Leute, die mich früher angegriffen haben. Sie haben begriffen, dass ich meine moralischen Maßstäbe habe. Aber ja, ich bin auch verständnisvoller geworden. Ich musste mich einfach dran gewöhnen. Einmal wollte ich von einem Interviewtag einfach nur zu meinem Hotel zurückgehen, das 15 Minuten entfernt war. Ich machte dann in meiner Naivität den Fehler, das Gebäude beim Haupteingang zu verlassen und plötzlich sah ich zehn Fotografen. Im nächsten Moment rollten auch noch Autos auf mich zu. Kameraleute sprangen heraus, hielten mir ein Mikrofon vor die Nase: „Sprich mit mir, Russell!“ Und immer mehr Leute kamen dazu. So etwas ist einfach Wahnsinn.

Und wie sehen Sie das Ganze heute?

Ich akzeptiere das inzwischen bis zu einem gewissen Punkt. Vor ein paar Jahren ist es mir einmal passiert, da saß ich mit ein paar Freunden zusammen und ich wollte einfach nur ein Rugby-Spiel sehen, aber da waren noch andere Leute, die mich ständig belästigten und meinen Namen riefen. Ich wurde immer angespannter, aber da war ein junger Typ, der sagte: „Russ, du bist doch einfach der Typ.“ Am Ausdruck in seinen Augen wurde mir klar, dass mich die Leute einfach anders sehen. Die haben keinen Blick für die Realität, in der ich halt mal mürrisch drauf sein kann, sie kennen nur die glitzernde Leinwandversion von mir, und mit der wollen sie Kontakt haben. So rege ich mich deshalb nicht mehr großartig darüber auf. Ich versuche ja sowieso, die meiste Zeit in Australien zu verbringen, und da sind die Menschen entspannter. Die rufen dir höchstens mal im Vorbeifahren ein „Hallo Rusty!“ zu oder eine Anfeuerung für mein Rugby-Team.

Liegt diese Entspanntheit am Älterwerden? Inzwischen sind Sie ja 52.

Ich glaube, das ist eine Frage des Selbstwertgefühls. Früher hatte ich keine hohe Achtung vor mir selbst und wenn die Leute dann plötzlich mit ihrer Begeisterung auf mich eingeprallt sind, dann war das zu überwältigend. Und über diese Phase bin ich eben hinaus.

Inwiefern hatten Sie weniger Selbstwertgefühl?

Ich war einfach der junge Single, der es der Welt beweisen und Karriere machen wollte. Früher war diese Leidenschaft eben weniger kontrolliert, deshalb habe ich mich selbst in Schwierigkeiten gebracht und eine gewisse Negativität ausgestrahlt. Abgesehen davon ist das Showbusiness eben ein Zirkus. Viele Leute werden davon verrückt und hören damit auf. Ich selbst kann mir nichts Besseres vorstellen. Meinen jungen Kollegen sage ich: Ihr müsst die Unstetigkeit dieses Lebens akzeptieren, sondern werdet ihr nur davon frustriert.

Jetzt klingen Sie so, als wäre die Schauspielerei nicht mehr wichtig für Sie.

Es ist einfach nicht so, dass mein ganzes Glück davon abhängig ist. Damit ist immer auch Unsicherheit und Ablehnung verbunden. Wenn du nicht weißt, wer du bist und den Applaus anderer Leute brauchst, um dich gut zu fühlen, dann wird dich dieser Job wahrscheinlich umbringen. Das ändert aber nichts an meiner tiefen Leidenschaft für das Filmemachen. Ich genieße einfach alles daran – Projekte zu planen, sie durchzuziehen. Und wenn ich mir eine komische Perücke aufsetzen und mit seltsamer Stimme sprechen darf, dann ist das ein Riesenspaß.

Im Gegensatz zu früher sind Sie ja nun nicht mehr Single, sondern geschiedener Vater zweier Söhne, die Sie mit Ihrer Ex-Frau Danielle Spencer haben.

Die Scheidung ist noch nicht durch, aber ja, ich lebe getrennt von meiner Frau, daran kann ich nichts ändern. Aber meine beiden Söhne sind das Großartigste, was mir je passiert ist. Wenn du Kinder bekommst, dann siehst du alles in deinem Leben durch diese Brille. Ich will nichts mehr als ein guter Vater sein. Das Filmemachen kommt erst zweiter Stelle – und zwar mit einigem Abstand.

Aber dann sollten Sie wohl weniger arbeiten. Momentan sind Sie wieder ziemlich aktiv, drehen gerade ein Remake „Der Mumie“ – das klingt wieder nach einem größeren Projekt.

Ich muss ja schließlich auch noch meine Familie ernähren. Ich bin auch sehr froh, dass sie wirtschaftlich gut versorgt ist und dass ich meinen Eltern ein Heim kaufen konnte. Da lässt es sich nicht vermeiden, dass ich mal hart ranklotzen muss. Es gibt auch Projekte, die ich ablehne, weil der Drehort für Kinder nicht angenehm ist. Das Leben ohne sie ist einfach nicht so gut. Grundsätzlich möchte ich jeden Tag mit ihnen zusammen sein. Das klappt natürlich nicht immer, und ich muss mich damit abfinden. Aber meine sämtlichen Entscheidungen werden davon beeinflusst. Aber Sie wissen auch, dass ich eben arbeiten muss – und sie wissen ebenso, wie sehr ich sie liebe.

Was ist das größte Opfer, das Sie für sie gebracht haben?

Ich weiß nicht, ob es das größte Opfer ist, aber ich hatte ja eine Band, und ich gehe nicht mehr auf Tournee – seit über zehn Jahren nicht mehr. Als ich auf bei einem Konzert auf der Bühne stand, dachte ich mir: „Ich sollte eigentlich nicht hier, sondern zuhause bei meinen Kindern sein.“ Es ist gerechtfertigt, wenn ich für einen Film verreise, denn das ist mein Hauptgeschäft, aber die Musik ist mein Privatvergnügen. Das ist nicht fair. Ja, ich schreibe gerne Songs, und ich habe so viele Liveshows gespielt, dass ich weiß, welche Befriedigung das einem geben kann. Aber was ist besser, als in der Früh da zu sein, wenn deine Kinder aufwachen?