Kultur

Birdy im Astra - Das Fräuleinwunder am Klavier

Im ausverkauften Astra füllt Birdy die Bühne ganz allein - und wird sogar noch besser, wenn die Band verschwindet.

Konzert von Birdy im Astra in Berlin Copyright: DAVIDS/Gerald Matzka, 06.05.2016

Konzert von Birdy im Astra in Berlin Copyright: DAVIDS/Gerald Matzka, 06.05.2016

Foto: DAVIDS/Gerald Matzka

Dass eine Sängerin Bühnenpräsenz hat, das erkennt man ja daran, dass die Bühne nie leer wirkt, wenn sie allein drauf steht. Und eine richtig gute Sängerin daran, dass man nie eine Band vermisst, wenn sie allein singt. Wenn aber die Band verschwindet und das Konzert besser wird, dann singt da ein echtes Ausnahmetalent - wie Birdy, diese zarte 19-Jährige, die man noch wegen ihres traurigen Teenagerblicks im Kopf hat, als sie das Bon Iver Stück „Skinny love“ coverte und so ziemlich über Nacht, oder zumindest über ihre Schulferien, zum Star wurde.

Selten haben Herzschmerz und Zahnspange besser koaliert. Das ist mittlerweile fünf Jahre und über zehn Millionen verkaufte Platten her. Bei ihrem ausverkauften Konzert im Astra Kulturhaus am Freitagabend zeigt sie, dass sich verrechnet hat, wer noch einen post-pubertierenden Twen erwartet, der scheu ins Scheinwerferlicht blinzelt. Birdy, die mit echtem Namen Jasmine van den Bogaerde heißt, ist jetzt Fräuleinwunder.

Die Haare fließen über ihre schmalen Schultern, berühren fast die Tasten des Klaviers, hinter dem nur ihr Kopf hervor lugt. Immer wieder muss sie die hinter ihre Ohren streichen oder über die Schulter schmeißen, wie nur Mädchen das so richtig anmutig können. Und Birdy kann das schon verdammt gut. Es ist die Geste des Abends, so oft hängt ihr die taillenlange Mähne im Weg.

Birdy beschreibt sich selbst auf der Bühne

Seit sie mit sieben Jahren zum ersten Mal am Piano saß, begleitet sich die Britin beim Singen selbst. Oft schließt sie dabei die Augen, spielt und singt ihr Klavier an, als wäre sie ganz allein. Wie bei „Wings“, der Goldplatte ihres vorletzten Albums „Fire Within“. Was sie da inbrünstig mit zusammen gezogenen Augenbrauen singt - „I’m in a foreign state. My thoughts they slip away. My words are leaving me. They caught an aeroplane“ – das beschreibt zwar auch die Liebe, klar, aber viel eher sich selbst auf der Bühne.

Ihren Künstlernamen haben ihr die Eltern verpasst, weil sie als Baby den Mund so weit aufgerissen habe wie ein kleiner Vogel seinen Schnabel bei der Fütterung. Das macht sie auf der Bühne jetzt eher nicht so. Große Gesten und allerlei Showeffekte auch nicht. Was ihre Stimme da hinter dem Haarvorhang vollbringt, wie sie von tief zu hoch switcht, mehrere Oktaven kletternd, das braucht kein Mehr an Spektakel.

Bauchfreies Paillettentop und grüne Samthose

Aber einen Showeffekt gibt es dann doch. Statt sich neunzig Minuten hinter dem Flügel zu verstecken, schält sie sich in einem bauchfreien Paillettentop und grüner Samthose dahinter hervor. „Wow“, staunt jemand. Doch ohne Klavier oder Gitarre rudern ihre Arme beim Singen haltlos durch die Luft, scheinen überfordert von der neuen Nutzlosigkeit. Nach einem „Thank you“ flüchtet sie sich immer wieder schnell ans Instrument.

Eine fünfköpfige Band verpasst der Großmeisterin der Melancholie, wie sie die „FAZ“ neulich nannte, einen anderen Sound. Der ist schmissiger und lebhafter als noch bei der Weltschmerz-Ballade „People help the people“, die jeder Radiosender in Endlosschleifen sendete - und sogar die gerät auf der Bühne nun poppiger. Aber auch wenn die Band sie ganz allein lässt, wie bei ihrem Coverhit „Shelter“, ist die Bühne nicht leer. Ganz im Gegenteil, Birdy füllt den Raum. Vielleicht weil sie älter geworden ist. Vielleicht weil sie bei einigen Filmsoundtracks mitsang oder weil sie ihre Lieder mittlerweile selbst schreibt. Jedenfalls ist da ein neues Selbstbewusstsein.

Kraft statt Weltschmerz

Besonders merkt man das bei den Stücken ihres aktuellen Albums „Beautiful lies“, das sie selbst mal als Coming of Age bezeichnete. Da ist zum Beispiel das tragisch-schöne „Wild Horses“. Als sie das schmettert - „I will survive and be the one who’s stronger“ -, ist da statt Weltschmerz Kraft, statt Melancholie Selbstvertrauen.

Bis ganz bis zum Schluss hat sie sich „Skinny Love“ aufgehoben, das ihr 14-jähriges Ich so verzweifelt sang, wie man es vielleicht nur in der Pubertät kann: Ganz zart, jede Silbe auskostend, immer leiser werdend. So vogelhaft, so unschuldig wie ihr Name.