Im Leben des Geigers und Dirigenten Yehudi Menuhin, dessen 100. Geburtstag am Freitag in der Musikwelt gefeiert wird, spielten Berlin und die Philharmoniker eine wichtige Rolle. Menuhin und die Philharmoniker verbindet eine 60-jährige künstlerische Geschichte. Aber die eigentliche Bedeutung liegt hinter den glamourösen Konzertereignissen verborgen. In Berlin offenbarte sich nicht nur früh das Geigen-Wunderkind, sondern später auch der Humanist Menuhin. In der von Helge Grünewald konzipierten Menuhin-Ausstellung im Foyer der Philharmonie ist ein Schwarz-Weiß-Foto vom 27. September 1947 zu entdecken. Es ist ein Probenfoto aus dem Steglitzer Titania-Palast, der Nachkriegsspielstätte der Philharmoniker. Oben am Pult steht steif und etwas verunsichert Stardirigent Wilhelm Furtwängler. Erst kurz zuvor war „Hitlers Maestro“ entnazifiziert worden, fünf Jahre später durfte er wieder Chefdirigent werden. Menuhin schätzte Furtwängler, wohl auch, weil der in der Nazi-Zeit jüdischen Künstlern beigestanden hatte.

Auf jenem Foto von 1947 mahnt ein amerikanischer Militärpolizist das Ende der Probe an. Menuhin, gebürtiger New Yorker, beugt sich vermittelnd von der Bühne herunter und soll es geschafft haben, eine Verlängerung der Probe auszuhandeln. Tags darauf findet das Konzert der Philharmoniker statt. Es hat eine ungeheure Symbolkraft, weil er als erster jüdischer Künstler von Rang nur zwei Jahre nach Kriegsende wieder in Deutschland auftritt.

1945 trat er im befreiten KZ Bergen-Belsen auf

Menuhin ist ein Versöhner von historischem Format. „Die Erfahrung hat mich nicht davon überzeugt, dass die Musik vor der Unversöhnlichkeit der Menschen kuschen muss, oder dass der Musiker nur dumpf vor sich hinfiedeln darf, wenn die Welt in Flammen steht“, notierte er in seinen Lebenserinnerungen „Unvollendete Reise“. Es gab viele große Virtuosen im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Weltkriege, des Holocaust, des Kalten Krieges, aber nur wenige reisende Starkünstler haben ihre Popularität für das Mitmenschliche über politische und religiöse Grenzen hinweg eingesetzt. Neben Menuhin erinnert man sich an den russischen Cellisten Mstislav Ros­tropowitsch. Heute steht Pianist und Dirigent Daniel Barenboim dafür, das gemeinsame Musizieren als friedensstiftende Kraft zu propagieren. Barenboim ehrt Menuhin am Mittwoch mit Menuhins Tochter Zamira Menuhin-Benthall, im Jüdischen Museum. Menuhins künstlerisches Ziehkind, der britische Geiger Daniel Hope, eröffnet am Freitag die zehntägige Hommage im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Während des Zweiten Weltkriegs hatte Menuhin viele Konzerte gespielt, um die Moral der alliierten Truppen gegen Nazi-Deutschland zu stärken. 1945 war er mit Benjamin Britten im befreiten KZ Bergen-Belsen aufgetreten. Aber mit seinen frühen demonstrativen Konzerten im Nachkriegsdeutschland hatte sich Menuhin auch Feinde gemacht. Viele Amerikaner und Holocaust-Überlebende nahmen ihm das Engagement übel. Die Amerikaner hatten für sogenannte Displaced Persons, wozu Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ehemalige Konzentrationslagerhäftlinge gehörten, Camps in Berlin errichtet. Bei seinem Besuch 1947 im Zehlendorfer Düppel Center wurde Menuhin attackiert. Ihm wurde vorgeworfen, sich mit den Tätern einzulassen. Jahre später sagte Menuhin vor deutschen Studenten, dass er zuerst nach Deutschland gekommen war, um für die Überlebenden zu spielen, später dann für alle. Der Klassikmusiker betonte die gemeinsame Kultur.

Berlin gehörte für Menuhin zur Schule des Lebens. Er war noch keine 13 Jahre alt, als er sein legendäres „Konzert der drei B“ mit den Philharmonikern unter Leitung von Bruno Walter gab. Fotos in der Foyer-Ausstellung zeigen einen ziemlich pummeligen, verklemmten Teenager, erst später wird Menuhin zum hager eleganten Virtuosen. Das Publikum des Berliner Debüts im April 1929 war begeistert vom Wunderkind aus den USA, der gleich drei Violinkonzerte – von Bach, Brahms und Beethoven – spielte. „Überflüssig zu melden, dass die Hörer (unter ihnen Einstein, Reinhardt, alle Dichter und Musiker Berlins) den begnadeten Jehudi mit einem Orkan an Beifall überschütteten“, stand seinerzeit in der Berliner Morgenpost. „Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt“, sagte der tief berührte Albert Einstein nach dem Konzert.

In Berlin hat Yehudi Menuhin rund 45 Konzerte mit den Philharmonikern gemacht. Das ist für die lange Zeit, die erst 1990 ihren Abschluss fand, vergleichsweise gering. Zunächst trat er als Geiger auf, ab 1973 dann regelmäßig als Dirigent. Auffällig wenig Kontakt hatte er zum Chefdirigenten Herbert von Karajan. Es gab 1956 zwei gemeinsame Konzerte und einige freundliche Worte. Mehr nicht, kein Ton über irgendwelche Konflikte. Nach dem Fall der Mauer leitete er im Dezember 1989 ein Konzert der Staatskapelle im Konzerthaus. In Berlin starb er im Alter von 82 Jahren am 12. März 1999.