Morten Harket ist cool. Er läuft über die Bühne der Mercedes-Benz-Arena wie andere über einen Parkplatz. Jeans, T-Shirt, Brille. Die Linke in der Hosentasche und die Rechte, ja, die hat er halt am Mikro.
Wie zufällig singt er so vor 11.500 Zuschauern. „I’ve been losing you“ Geht von links nach rechts. Schaut mal hier, mal da. Als würde er überlegen: Ja, wo steht denn nun mein Auto? Der Leinwand-Backdrop übernimmt die Show. Zeigt Gewitter, Vogelscheuchen und den Tod.
Gitarrist Pals Kopf steckt in einer Mütze. Er weiß warum. 2016 ist a-ha eine Schlecht-Wetter-Band. Die Musik ölt E-Gitarren lastig, der Drummer sitzt barfuß im Trockeneisnebel. Einzig die Backgroundsängerin Anneli Drecker wühlt sich mit ihrem grazilen Ellenbogen-Tanz, wie ein Maulwurf durch die Musik. Der Rest bleibt hüftsteif.
Nach dieser Tour im Mai soll wieder Schluss sein
„Hallo Berlin, wie geht’s?“ Magne, der Blonde, der Keyboarder, ist es, der mit dem Publikum redet. Das macht deutlich, was besonders ist und immer schon war an dieser Band. Der Sänger ist hier nicht Kopf, nicht Zeremonienmeister, er ist auch nur ein Instrument. Und heute eines, das zwar fantastisch gestimmt ist, aber deutlich keine Lust mehr hat. Schon wieder nicht mehr.
Die norwegische Synth- bis Altherren-Pop-Band trennte sich erst 2010. Im vergangen Jahr folgte die Reunion und ein neues Album „Cast in Steel“. Nun soll nach dieser Tour im Mai wieder Schluss sein, das sagte Morten Harket zumindest der Schweizer Zeitung „Blick“. Die Chemie stimme nicht mehr. Er habe genug Geld. Und sein Leben verbringe er, statt auf Tour, viel lieber mit seiner Freundin und seiner siebenjährigen Tochter.
Das erste Ende ist auch der erste starke Moment
Für zwei Lieder „Velvet“ und „Lifelines“ verlässt der ansehnliche Wangenknochenmann kommentarlos die Bühne. Pal und Magne zeigen jeweils, dass sie es auch können, dass sie es all die Jahre auch gekonnt hätten: das Singen, das alleine auf der Bühne sein. Magne sagt zwar, es mache ihm Angst, nur er, und ein offenes Mikro, aber seine Aussage wirkt zu einstudiert, zu sehr wie Repertoire, als würde er sie auch so meinen.
„Here I Stand And Face The Rain“ singt dann Anneli Drecker fast ganz allein. Ihre energetische Darbietung umweht ein Hauch „Kelly Family“ Anno 1996, dann kommt Morten zurück. „Hunting High and Low“, der Radiopop der Achtziger, er schließt das Set.
Und dieses erste Ende ist auch der erste starke Moment des Konzerts. Morten - in den ersten Reihen werden Augen feucht - wendet sich an das Publikum, überlässt ihnen das singen. Und das Stimmchen das von fast 12.000 zurückkommt, das ist so zart, dass man sich lange streiten kann: War dies nun ein besonders schöner, ein intimer zarter Moment? Oder war es schlicht unangenehm? Mensch, so ein Riesenhit und 80 Prozent der Publikums das kann den Text nicht?
Die Zugabe ist das Ostern des Sets
In Pelikan Tintenblau endet der Song. Applaus, Applaus. Wer jetzt erst kommt, kommt eigentlich genau richtig. Denn die Zugabe, sie ist das Ostern des Sets.
Die Gewitterwolken haben sich verzogen. „The Sun Always Shines On T.V“ scheint wie eine warme Woge Frühling von der Bühne. Auch Morten blüht auf. Er lässt sich zu seiner ersten wirklich klar erkennbaren performativen Geste des Abends verleiten. Wie Jesus breitet er die Arme aus, als würde er sagen wollen: Seht, ich bin für euch gestorben und doch wiederauferstanden.
Der Backdrop zeigt zu diesem intimen Moment animierte Kinder ohne Augen, die Violine spielen. Dann wird es noch wärmer. Flammen züngeln hoch. Morten setzt seine dunkle Fliegerbrille auf. „Take On Me“ schallt durch die Halle.


