Kultur

Ein ehemaliges Krematorium wird neues Zuhause für 10.000 Filme

Das Filmerbe des Arsenals wird nach Wedding ausgelagert

Der Wedding macht in dieser Ecke seinem Ruf als rauem Arbeiterviertel ­alle Ehre. Hier in der Gerichtsstraße reihen sich zwischen schmucklosen Nachkriegswohnblocks Ramschläden an Dö- nerbuden und Spielhöllen. Dazwischen taucht auf einmal, mit der Hausnummer 35, ein Tor mit Lettern in altdeutscher Schrift auf. Tritt man hindurch, öffnet sich ein grüner Hof, der den Blick freigibt auf einen erhabenen, wie aus der Zeit gefallenen Gebäudekomplex, über allem thront ein 52 Meter hoher Schornstein. Es ist das ehemalige Krematorium Wedding, das erste Berlins, 1912 erbaut. Zehn Jahre lag es nach der Schließung brach, bis es seit 2013 in ein Kulturquartier umgewandelt wird.

Heute befinden sich hier bereits eine Galerie, ein Plattenlabel und andere unabhängige Kulturschaffende, es gibt Konzerte, Ausstellungen und ein Restaurant. Am Dienstagabend feierte auch das Arsenal-Institut für Film und Videokunst mit seinem neuen Archiv hier Einstand. Im Keller des denkmal­geschützten Gebäudes hat nun die Sammlung von rund 10.000 Filmen, die bislang in einem nicht öffentlich zugänglichen Lager in Spandau untergebracht wurde, eine neue Heimat gefunden. Wo früher sterbliche Überreste eingeäschert wurden, wird nun also auf 525 Quadratmetern das Filmerbe lebendig gehalten. Denn neu ist für das Arsenalarchiv, das aus der in den 60er-Jahren begonnenen Sammlung der Freunde der Deutschen Kinemathek und den Filmkopien des Berlinale-Forums hervorgegangen ist, nicht nur der Ort. Neu ist auch die Art der Nutzung, wie die stellvertretende Arsenal-Leiterin Stefanie Schulte Strathaus beim Rundgang betont. Hier stehen erstmals mehrere Sichtungsplätze zur Verfügung, an denen Wissenschaftler, Künstler und Kuratoren sich Schätze der Filmsammlung auf den Originalrollen ansehen können. So sei das Archiv nicht bloß materieller Aufbewahrungsort der sorgfältig in langen Regalreihen einsortierten Kisten, sondern würden Werke der Filmgeschichte wieder der Gegenwart erschlossen. Auch für das Harun-Farocki-Institut hat man in den weitläufigen Räumen einen Platz geschaffen, von der Vernetzung sollen alle profitieren.

Ein Ort der Begegnung und des Austauschs entsteht hier, hofft Schulte Strathaus, will das aber nicht als Konkurrenz zum Stammhaus am Potsdamer Platz verstanden wissen, wo sich das Arsenal ­Kino befindet. „Die beiden Säle im Filmhaus geben wir natürlich nicht auf, wir fühlen uns wohl da sehr wohl. Wir sehen das hier als Ergänzung, als einen Ort, an dem auch flexibler mit verschiedenen Formaten experimentiert werden kann.“

Jörg Heitmann, der das Areal zusammen mit Bettina Ellerkamp gekauft hat und als Betreiber mit niedrigen Mieten für die richtige Mischung an Nutzern sorgt, führt an diesem Nachmittag auch durch die noch nicht fertiggestellten Abteilungen. Vor allem für die 60 Meter lange und über sechs Meter hohe Leichenhalle, die sich unterhalb des grünen Vorhofs befindet, gibt es noch große Pläne. Ein Ausstellungsort und Labor für Bewegtbilder und Videokunst soll hier entstehen, der tageslichtfreie Raum eignet sich dafür ideal. Auch das Arsenal will die Halle nach der anvisierten Eröffnung 2018 bespielen.

Glücklich ist Schulte Strathaus nicht nur über das neue Zuhause, sondern auch über die Miete, die nicht höher sei als für das alte Lager in Spandau, trotz der größeren Fläche und den zusätzlichen Möglichkeiten. „Wir haben einen großen Mehrwert, aber keine Mehrkosten.“ Davon wird auch der Kiez um das wiederlebte Quartier profitieren.