Punkrock-Vorreiter

Television geben im Huxleys der Routine keine Chance

Mit „Marquee Moon“ schufen Television 1977 ein wegweisendes Werk. Fast 40 Jahre später zeigen sich die Rocker kein bisschen altersmilde.

Tom Verlaine von Television in Aktion

Tom Verlaine von Television in Aktion

Foto: dpa Picture-Alliance / Roberto Finizio / picture alliance / Pacific Press

Ist das vielleicht erst der Soundcheck? Statt mit einem Knall anzufangen, stimmen die eben auf die Bühne geschlurften älteren Herren nach dem Ablegen der Anoraks erst einmal ihre Gitarren. Es zirpt, brummt und fiept aber niemanden scheint es zu stören.

Von Television erwartet keiner eine große Show, die Eingeweihten im gerade mal halb gefüllten Huxleys wissen: Heute Abend geht es um Musik und nichts anderes. Die legendäre New Yorker Band spielt ihr Debüt „Marquee Moon“ in voller Länge, ein Album, das als eines der besten der Musikgeschichte gilt. Es erschien im Februar 1977 und nahm vieles vorweg, was noch Aufregendes in der Rockmusik passieren sollte.

Hervorgegangen aus dem Umfeld des CBGB-Clubs, der auch die Ramones und Patti Smith hervorbrachte, verkörperte die Band um den schwindsüchtig schönen Tom Verlaine eine Antihaltung, die, so frei und selbstzerstörerisch, Vorbild für unzählige Punk-Bands wurde. Television trugen Lederjacken und zerrissene T-Shirts, sie lasen Outsider-Poesie von Rimbaud und Verlaine (daher der Name) und ließen sich für das Album-Cover von „Marquee Moon“ vom berüchtigten Robert Mapplethorpe wie urbane Vampire in Szene setzen. Und sie spielten diese gefährlich klingenden Rock-Miniaturen die gleichzeitig anspruchsvoll und intuitiv waren, und angesagte Bands wie Yes oder Genesis wie unerträglich aufgeblasene Zirkusnummern dastehen ließen.

39 Jahre später hat die Band zumindest äußerlich den rebellischen Punk-Gestus überwunden, wie sie in ihrem verbeulten Gitarrenlehrer-Look überhaupt den Eindruck machen, als sei ihnen vieles egal, was nicht direkt mit der Musik zu tun hat. Ansagen und Publikumsinteraktionen sind auf ein Minimum reduziert, Bewegungen ebenfalls. Verlaines Gesicht ist immer noch so hager wie 1977, Falten haben hier nicht viel Spielraum, so dass die wenigen auf der Stirn und unter den Augen irgendwie unecht wirken, als hätte man einen Schauspieler auf alt geschminkt.

Insgesamt verströmen die vier Bandmitglieder trotz der fortgeschrittenen Jahre in keiner Weise die Aura abgehalfterter Alt-Rocker, die nur des Geldes wegen Runde um Runde auf dem abgenutzten alten Rock N’ Roll-Karussell drehen. Dafür sind Auftritte der Band, die 1992 ihr drittes und letztes Album veröffentlichte, aber auch viel zu rar. Ihr letzter Deutschland-Besuch liegt fast 15 Jahre zurück.

Auch wenn die Songs zu Beginn etwas gelassener dargeboten werden als auf Platte, sind die Gitarrenduelle zwischen Verlaine und Jimmy Ripp, der seit 2007 Verlaines alten Sparringspartner Richard Lloyd ersetzt, punktgenau und mitreißend. Immer wieder gibt es Szenenapplaus, bei den ersten Tönen von „Venus De Milo“ und „Prove It“ heult das Publikum sogar kurz auf.

Beim Spielen der zerklüfteten Melodien schauen Verlaine, Ripp und Bassist Fred Smith meist hochkonzentriert auf ihre Instrumente, als wollten sie eine einmal gespielte Jam-Session in ihrer ganzen Unberechenbarkeit aufs Haar genau wiederholen. In den Pausen dazwischen lassen sich die drei wiederum lange Zeit, um ihre Instrumente neu zu stimmen. Vor „Marquee Moon“, dem letzten Song vor der Zugabe und dem eigentlichen Höhepunkt des Konzertes, gehen die drei noch einmal einen längeren Moment in sich, es wirkt wie eine mentale Generalprobe, bevor plötzlich diese durchdringenden Gitarrenriffs einsetzen, mit denen man durch Glas schneiden könnte.

Im Laufe des über zehnminütigen Songs steigert sich Verlaine in zerrende, klagende Soli, während denen sich in sein ansonsten eher ausdrucksloses Gesicht ein Ausdruck des Leidens schleicht. Man begreift, dass man diese apokalyptischen Songs gar nicht routiniert spielen könnte, selbst wenn man wollte.