Literatur

Hitzige Träume

In „Das Kleid meiner Mutter“ lebt Anna Katharina Hahn ihre literarischen Phantasien aus. Das ist nicht nur schön

Ihr neues Buch sei im Schlaf zu ihr gekommen. Zumindest ist das die Geschichte, die Anna Katharina Hahn in Interviews erzählt. Eines Nachts habe sie von einer jungen Frau geträumt, deren Eltern sterben und zu Puppen schrumpfen. Der Traum sei so plastisch gewesen, dass sie ihn zu einer Novelle verarbeiten wollte. Das Buch, an dem sie eigentlich arbeitete, interessierte sie plötzlich nicht mehr. Doch als sie mit dem Schreiben anfing, kamen immer mehr Geschichten zu ihr. Sie hat sie alle aufgenommen. So entstand ihr neuer Roman „Das Kleid meiner Mutter“.

Hahn hatte sich einen Namen erschrieben. Und nun das

Bislang kannte man die Stuttgarter Autorin vor allem als realistische Erzählerin. In ihren Romanen „Kürzere Tage“ und „Am Schwarzen Berg“ schrieb Hahn von Stuttgarter Wutbürgern und Bildungsbürgern, der Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg und der Angst von Müttern vor dem Versagen. Sie blieb dabei, auch sprachlich, in der Welt und in der Stadt, in der sie lebt. Hahn hat sich einen Namen und einen Platz mitten in der deutschen Literaturlandschaft erschrieben. Und jetzt das.

Mit „Das Kleid meiner Mutter“ (Suhrkamp Verlag, 311 Seiten, 21, 59 Euro) hat Hahn ein literarisches Kunststück geschaffen. Es beginnt an einem überhitzten Tag im August mit der Geschichte von Anita, einer jungen Frau der „Generacion Cero“, Spaniens verlorener Jugend, die sich im Sommer 2012 in Madrid vor der Puerta del Sol versammelte. Als ihre Eltern plötzlich sterben, sieht Anita sich aus materieller Not gezwungen, in die Kleider ihrer Mutter zu schlüpfen. Die Eltern, eben noch überlebensgroße Vorbilder, schrumpfen derweil auf Puppengröße. Und aus Anitas Verkleidung wird ein seltsamer Ernst, der zwar weiter in einer klaren Sprache erzählt wird, aber schon nach wenigen Seiten ins Fantastische gleitet. Anita wächst in die Rolle der eigenen Mutter hinein, schläft darin sogar mit deren Liebhaber. Sie wird aber auch zu ihrem eigenen Bruder und trifft sich auf ein Date mit dessen Freundin. Hahn erzählt von dieser jungen, orientierungslosen Frau mit großer Empathie und Genauigkeit. Gern hätte man sie den ganzen Roman durch begleitet. Aber so weit kommt es nicht.

Denn Anna Katharina Hahn hat sich für „Das Kleid meiner Mutter“ ein großes Maskenspiel erdacht, mit dem sie die Grenzen der Literatur testen will. So erzählt sie hier Märchen und Novellen, druckt Interviews und ganze Rezensionen ab. Die erzählenden Personen wechseln, ebenso wie der Stil. Eben noch sind wir im Spanien der Gegenwart, dann finden wir uns in einer Geschichte aus Nazideutschland wieder, dann in Ostdeutschland.

Protagonisten sind „La Plaga“, Anitas Freundesclique, der die Zukunft verloren gegangen ist, und deren Mitglieder sich im Stil des „Decamerone“ Geschichten erzählen; ein geheimnisvoller Autor, der sich wie Pynchon und einst Salinger aufführt, und der seinerseits versucht, mit Übereltern umzugehen, eine zerrüttete Ehe, eine Mutter, die ihren Sohn verleugnet. Alles Geschichten, die sie immer schon einmal schreiben wollte, so erzählt die Autorin in Interviews. Nun hat sie einfach alle miteinander verbunden und sie in einem einzigen Roman erzählt. Sie hat sie kunstvoll mit einem roten Erzählfaden verschnürt, den der Leser immer wieder aufleuchten sieht. Und sie hat ganz offensichtlich riesigen Spaß dabei.

Zu diesen ganzen Spiegelspielen gibt es dann noch eine gehörige Portion Literaturmarktkritik. Der deutsche Erfolgsautor mit der Nazieltern-Vergangenheit lehnt nämlich den Literaturbetrieb ab und wird deswegen von ihm umso heftiger geliebt.

So mutig diese literarischen Borderline-Erzählungen sein mögen, so faszinierend es ist, der Autorin dabei zuzusehen, wie sie sich austobt, so anstrengend wird doch die Verfolgungsjagd auf Dauer. Ein spannendes Buch ist „Das Kleid meiner Mutter“. Aber die Geschichte geht irgendwann verloren.

Anna Katharina Hahn liest aus ihrem Roman „Das Kleid meiner Mutter“, Gesprächspartner Thomas Hettche, am 06.04.2016, 20:00 Uhr, im Literarischen Colloquium, Am Sandwerder 5